Geld vernebelt den Verstand: Die Wutrede von t-online-Chef Harms gegen SZ, Zeit und FAZ

14.06.2021
 

SZ, FAZ und Zeit haben am Freitag Anzeigen der Lobbyorganisation Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft  gegen das Wahlprogramm der Grünen veröffentlicht. Die Kampagne zeigt das Gesicht der Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock, das auf einen Körper im Moses-Gewand retuschiert ist. t-online-Chefredakteur Florian Harms hält in seinem Newsletter eine Wutrede gegen die Chefredaktionen der drei großen Zeitungen.

Je nach Anzeigen-Version ist das Baerbock-Bild versehen mit Slogans wie "Warum wir keine Staatsreligion brauchen" oder "Warum uns grüne Verbote nicht ins Gelobte Land führen".

Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft führt in der Anzeige Verbote auf, die die Grünen ihrer Ansicht nach mit ihrer Politik umsetzen wollen, etwa "Du darfst nicht fliegen" oder "Du darfst deine Arbeitsverhältnisse nicht frei aushandeln". Auf ihrer Website schreibt die Initiative, sie verstehe sich "als eine branchen- und parteiübergreifende Plattform und ist offen für alle, die sich der Sozialen Marktwirtschaft verbunden fühlen". Finanziert wird die INSM nach eigenen Angaben durch die Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektro-Industrie.

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) distanzierte sich am Freitag umgehend: "Persönliche Herabsetzungen und eine misslingende Verwendung christlicher Symbolik sind kein angemessener Umgang im notwendigen Wettstreit um politische Inhalte." Dies sei nicht der Stil der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. "Sozialpartnerschaft ist vom gegenseitigen Respekt getragen", teilte der Verband mit.

t-online-Chefredakteur Florian Harms bringt indes auf die Palme, dass SZ, FAZ und Zeit die Anzeige veröffentlicht haben. "Am vergangenen Freitag mussten Leserinnen und Leser dieser drei großen Zeitungen an der Unabhängigkeit der Blätter zweifeln", beginnt er seinen Morgen-Newsletter Tagesanbruch an diesem Montag - und beschreibt die Anzeigen-Aktion der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Für Harms wirkt das Machwerk polemisch, manipulativ, platt. Auch viele Leserinnen und Leser hätten die Anzeige kritisiert, sie als als beleidigend und frauenfeindlich empfunden. Manche Betrachter hätten sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt gesehen, andere empfanden sie sogar als antisemitisch, weiß Harms, den die Anzeige an Schmutzkampagnen in amerikanischen Wahlkämpfen erinnert.

Der ehemalige Spiegel-Online Chefredakteur ist auf die Medien sauer, "die sich nicht zu schade waren, die herabwürdigende Anzeige abzudrucken oder auf ihre Websites zu stellen". Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung und Die Zeit - alle diese Medien hätten kluge Redaktionen und scharfsinnige Chefredakteure. Aber alle diese Medien seien durch den digitalen Wandel unter Druck geraten und kämpften daher um jeden Anzeigenkunden. Wozu diese Entwicklung führt, dokumentiere die Anti-Baerbock-Anzeige, schreibt Harms in seinem Newsletter und wird noch deutlicher: "Selbst der schärfste Verstand scheint nicht dagegen gefeit zu sein, vom Dunst des Geldes vernebelt zu werden. Legt ein Kunde genügend Hunderttausender auf den Tisch, machen wir alles mit: Das ist die Botschaft, die diese Medien ihren Lesern auf den Frühstückstisch geknallt haben."

Harms holt zur Branchenschelte aus: "Ein derartiges Motiv zu veröffentlichen, ist auch dann keine Option, wenn man jeden Euro gut gebrauchen kann. Eigentlich sollte das im Journalismus eine Selbstverständlichkeit sein. Leider scheint in manchen Chefredaktionen der Kompass abhandengekommen zu sein. Das ist ein schlechtes Omen für eine unabhängige Berichterstattung im Bundestagswahlkampf."

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Der Spiegel hat die Anti-Baerbock-Anzeige abgelehnt. "Auch t-online wurde von der INSM angefragt, hat die Anzeige aber zurückgewiesen - so wie wir jede politische Wahlkampfwerbung auf unserer Website ablehnen. Weil wir unabhängig berichten und nicht in den Ruch einseitiger Parteinahme geraten wollen. Weil wir kein Vehikel für Lobbyisten sind", berichtet Chefredakteur Harms. 

Nikolaus Blome schreibt in seiner Spiegel-Kolumne über die Anzeige: "[...] was sich die Grünen und ihre Fanbase dabei auf keinen Fall leisten können, ist wehleidige Weinerlichkeit wie aus Anlass der 'Moses'-Anzeige der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, welche die Grünen jüngst als staatsgläubige Verbotspartei hinhängte. Wahrlich nicht ganz taufrisch die Idee, geradewegs verboten indes nun auch wieder nicht. Die ganzseitige Annonce, featuring Annalena Baerbock als 'Moses' mit Verbots- statt Gebotstafeln, dürfte eine Stange Geld gekostet haben, aber vermutlich auch nicht mehr als übliche Parteispenden und die sind legal."

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Ihre Kommentare
Kopf

E. Staub

MitSpeck GmbH
CFO

14.06.2021
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Es ist jeder Person überlassen, wie im Spielcasino, seine Seele und sein Leben auf eine Zahl, bzw. auf eine höchst irrationale, weil keine Belege vorliegen und von der Wissenschaft widerlegt, Religion zu setzten. Dies in der Hoffnung, dass man am Ende seines Lebens auf die richtige Religion/Zahl gesetzt hat. Die Seele wird mit einer Chance 1:8000 Religionen auf eine INDOKTRINIERTE GLAUBENS-VORGABE aus der KINDHEIT (aus dem jeweiligen Kulturhintergrund heraus) positioniert! Religionswahrheit wo?


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