Anti-Baerbock-Anzeige: Was die Zeit aus dem Fall gelernt hat - und was die FAZ Florian Harms antwortet

15.06.2021
 

Florian Harms Wutrede gegen die Chefredaktionen von Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung und Die Zeit hat eine Debatte in der Branche ausgelöst. kress.de hat bei den drei großen Zeitungen nachgefragt, warum sie die umstrittene Anti-Baerbock-Anzeige veröffentlicht haben.

Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung und Die Zeit haben am Freitag Anzeigen der Lobbyorganisation Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft gegen das Wahlprogramm der Grünen veröffentlicht. Die Kampagne zeigt das Gesicht der Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock, das auf einen Körper im Moses-Gewand retuschiert ist. t-online-Chefredakteur Florian Harms hielt am Montag in seinem Newsletter eine Wutrede gegen die Chefredaktionen der drei großen Zeitungen (kress.de berichtete).

"Am vergangenen Freitag mussten Leserinnen und Leser dieser drei großen Zeitungen an der Unabhängigkeit der Blätter zweifeln", schreibt Harms. Der ehemalige Spiegel-Online Chefredakteur ist auf die Medien sauer, "die sich nicht zu schade waren, die herabwürdigende Anzeige abzudrucken oder auf ihre Websites zu stellen". Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung und Die Zeit hätten kluge Redaktionen und scharfsinnige Chefredakteure. Aber auch sie seien durch den digitalen Wandel unter Druck geraten und kämpften daher um jeden Anzeigenkunden. Wozu diese Entwicklung führt, dokumentiert die Anti-Baerbock-Anzeige, findet Harms und wird noch deutlicher: "Selbst der schärfste Verstand scheint nicht dagegen gefeit zu sein, vom Dunst des Geldes vernebelt zu werden. Legt ein Kunde genügend Hunderttausender auf den Tisch, machen wir alles mit: Das ist die Botschaft, die diese Medien ihren Lesern auf den Frühstückstisch geknallt haben."

Harms holt zur Branchenschelte aus: "Ein derartiges Motiv zu veröffentlichen, ist auch dann keine Option, wenn man jeden Euro gut gebrauchen kann. Eigentlich sollte das im Journalismus eine Selbstverständlichkeit sein. Leider scheint in manchen Chefredaktionen der Kompass abhandengekommen zu sein. Das ist ein schlechtes Omen für eine unabhängige Berichterstattung im Bundestagswahlkampf."

kress.de hat bei FAZ, SZ und Die Zeit nachgefragt, was sie zu der scharfen Kritik von Harms sagen.

Von der Zeit gibt es dieses Statement: "Die Annahme von Anzeigen obliegt dem Verlag, der getrennt von der Redaktion arbeitet. Es gibt Regeln, im Rahmen derer wir uns vorbehalten, Anzeigen abzulehnen – etwa, wenn sie gegen Gesetze verstoßen oder vom Deutschen Werberat in einem Beschwerdeverfahren beanstandet wurden. Eine Ablehnung der genannten Werbung war nach diesen Regeln nicht gerechtfertigt", erklärt eine Verlagssprecherin.

Allerdings habe man aus "diesem ungewöhnlichen Fall gelernt": "Verlag und Redaktion diskutieren deshalb derzeit die internen Prozesse zur Freigabe von sensiblen politischen Anzeigen", so die Zeit-Sprecherin.

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Auch die FAZ äußert sich gegenüber kress.de zur Harms-Schelte:

"Es ist uns bewusst, dass politische Anzeigen und solche mit starkem Meinungscharakter oder pointierter Gestaltung polarisieren. Solche Anzeigen in einer Art vorauseilenden Zensur zu verhindern, wäre mit unserem Verständnis einer in unserer Demokratie legitimen und freien Meinungsäußerung nicht zu vereinbaren. Natürlich prüfen wir intern, welche Anzeigensujets wir grundsätzlich annehmen und ob Anzeigen gegen geltendes Recht oder gegen die Grundsätze unserer Zeitung verstoßen - diese veröffentlichen wir nicht. Auch bei uns - wie bei allen Qualitätszeitungen - arbeiten Anzeigenabteilung und Redaktion getrennt voneinander, Anzeigen sind für die Leser klar erkennbar.

Da unsere Leser engagiert und diskussionsfreudig sind, erhalten wir regelmäßig kritische Rückmeldungen zu Anzeigen. Wir schätzen die offenen Worte und kontroversen Meinungen und setzten uns damit auseinander. Aus vielen Zuschriften unserer Leserinnen und Leser ersehen wir aber auch, dass sie kontroverse Positionen einzuordnen wissen - auch wenn sie nicht der eigenen Position entsprechen - und Meinungsfreiheit schätzen."

Eine kress.de-Anfrage an den Verlag der Süddeutschen Zeitung blieb bislang unbeantwortet.

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