"Der Lokaljournalismus ist in der Corona-Krise über sich hinausgewachsen" - Thomas Krüger auf dem European Publishing Congress

15.06.2021
 

Der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, hat in seiner heutigen Keynote auf dem European Publishing Congress ein Loblied auf den Lokaljournalismus gesungen. Lokaljournalisten hätten mit ihrer Berichten einen erheblichen Beitrag für den gesellschaftlichen Zusammenhalt geleistet. Begriffe und Werte wie Heimat, Nachbarschaft und Solidarität hätten so einen neuen Stellenwert bekommen.

"Als Bundeszentrale für politische Bildung / bpb liegt uns der Lokaljournalismus als Grundpfeiler unserer Demokratie besonders am Herzen", sagte Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, in seiner Keynote auf dem European Publishing Congress, der in diesem Jahr digital stattfindet.

Krüger freut es deshalb besonders, dass eben dieser Lokaljournalismus in der Corona-Krise an vielen Orten über sich hinausgewachsen sei und viele Punkte in Sachen Kompetenz, Glaubwürdigkeit und Relevanz verbuchen konnte. 

Nach Ansicht von Krüger haben Lokaljournalistinnen und Lokaljournalisten mit ihrer Berichterstattung zudem einen erheblichen Beitrag für den gesellschaftlichen Zusammenhalt geleistet:

"Begriffe und Werte wie Heimat, Nachbarschaft und Solidarität erhielten einen neuen Stellenwert, den die Lokalzeitungen anhand vieler Geschichten herausgearbeitet haben. Sie haben vielerorts eben nicht das Virus und die Behandlungsmethoden in den Mittelpunkt gestellt, Fragen, die ohnehin im Wissenschaftsressort besser aufgehoben wären. Sondern es ist mit vielen Storys gelungen, die Auswirkungen der Pandemie auf das soziale und wirtschaftliche Leben vor Ort aufzuzeigen und damit den bloßen Zahlen ein Gesicht zu geben."

Krüger hebt in seiner Rede auf dem European Publishing Congress auch die vielen neuen, kreativen Formate hervor, die die Lokalzeitungen digital entwickelt haben.

Die erfolgreiche Berichterstattung in den lokalen und regionalen Medien habe sich auch daran gezeigt, dass sie mehr als die reinen Informationen aufzeigt hätte, die Lokaljournalisten präsentierten zunehmend auch Lösungswege, stellten Menschen und Schicksale aus der Region vor und böten konkrete Lebenshilfe an, so Krüger. 

Die Pandemie hat aus Sicht des bpb-Präsidenten zudem massive Auswirkungen auf den Lokaljournalismus selbst: Die Krise habe fundamentale Veränderungen in der redaktionellen Praxis mit sich gebracht: der größte Teil der Redaktionen arbeitete im Homeoffice, der Workflow musste größtenteils auf online umgestellt oder telefonisch abgewickelt werden, wodurch sich die Abstimmungsprozesse entsprechend verlängert haben. 

"Gleichzeitig haben es große Teile der Medienhäuser geschafft, endlich muss man sagen, in der Pandemie den großen Schritt geschafft, weg vom Terminjournalismus hin zum Themenjournalismus und zur Autorenzeitung. Journalistinnen und Journalisten waren gezwungen, 'echte' Themen vor Ort zu recherchieren und damit die Zeitung zu füllen", unterstreicht Thomas Krüger.

"Innovative Chefredaktionen haben die Corona-Pandemie auch als Chance begriffen, um die Digitalisierung, die Transformation und eine Reform von Arbeitsprozessen und Workflows voranzutreiben, was von vielen Redaktionen bisher vernachlässigt wurde: Lokalredaktionen haben gemerkt, dass die Zeitung, ePaper und Online-Angebot auch dann entstehen, wenn nicht alle Akteure vor Ort sind. Und: die Zeitungen werden genauso gut wie vorher. Im Gegenteil, gerade in der Krise sind viele Redaktionen zur Höchstform aufgelaufen und haben bewiesen, wie leistungsfähig attraktiver, moderner und nutzwertiger Lokaljournalismus ist."

Krügers Fazit: "Die teilweise in den vergangenen Jahren mühsam vorangetriebene Erkenntnis, Reporterinnen müssen nicht im Büro sitzen, sondern können durchs Homeoffice schneller und flexibler vor Ort recherchieren und arbeiten, ist in unzähligen Köpfen nun angekommen."

Dadurch eröffneten sich weitere Chancen, um einem Trend entgegen zu wirken, der sich seit Jahren abzeichne: Journalismus als Berufsfeld sei weniger attraktiv denn je, es fehle an Personalentwicklung und Karrierechancen und die Arbeitszeiten fänden in der jüngeren Generation, in der Werte wie Work-Live-Balance stetig an Bedeutung gewinnen, keine Begeisterung, weiß Thomas Krüger. Neue Rahmenbedingungen könnten aber zu flexibleren Lösungen führen und somit den Job attraktiver für Menschen mit Familie und Kindern, sowie für Menschen mit Beeinträchtigungen machen.

Krüger: "Wir stehen somit an einem entscheidenden Wendepunkt, der von immenser Bedeutung ist: Journalismus kann auf diese Weise diverser werden und die Lebensrealitäten der Menschen besser abbilden."

Hintergrund: 20 der besten Medienmacherinnen und -Macher Europas präsentieren beim European Publishing Congress 2021 ihre Konzepte. Veranstalter sind der Medienfachverlag Oberauer (kress) und Zeitungsdesigner Norbert Küpper. Der Kongress wird unterstützt durch den Verband österreichischer Zeitungs- und Zeitschriftenverleger (VÖZ), Readly, InterRed, PEIQ und der Bundeszentrale für politische Bildung.

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