Tichys Krisenbewältigung, Ziesemers Wutrede, Barbers Handelsblatt-Schelte: So feiert der Wirtschaftsjournalist seinen 20. Geburtstag

 

Der "Wirtschaftsjournalist" ist erwachsen geworden. Mit der aktuellen Ausgabe feiert das Magazin aus dem Medienfachverlag Oberauer seinen 20. Geburtstag. Was Chefredakteur Wolfgang Messner zum Jubiläum alles auffährt.

Eigentlich kann ich ja gar nicht mitreden. Ich bin ja erst seit drei Jahren dabei. Im Juli 2018 habe ich den Stab von Susanne Lang übernommen. Davor hat Markus Wiegand das Heft geführt. Und davor wieder andere. Deshalb übergebe ich beim Blick zurück an berufenere Zeitzeugen.

"Schon die Geburt", schrieb uns der Kollege Wiegand zum Zehnjährigen Bestehen ins Stammbuch, "stand unter keinem guten Stern." Die Dotcom-Blase von New Economy war gerade geplatzt. Der Wirtschaftsjournalismus war nach Jahren eines irren Booms im Abschwung begriffen. Mitten in dieser Depri-Stimmung hatte der unbelehrbar optimistische Verleger Johann Oberauer die Idee für dieses neue Heft.

"Jetzt erst recht!" Dieses Motto wurde zur Devise des Wirtschaftsjournalist, erinnert sich Gründungschefredakteurin Annette Milz, langjährige Chefin des "Medium Magazins", über die Anfänge in "höllischen Zeiten". So ging es dann auch weiter. Denn die vergangenen zwei Jahrzehnte waren im Wirtschaftsjournalismus immer wieder geprägt von Um- und Abbau und Neuanfang. Wir haben die Entwicklung dieses Transferprozesses dokumentiert (ab Seite 28). Als unverbesserliche Optimisten aber wissen wir: Das Beste kommt erst noch!

Es gab Momente, die in Erinnerung bleiben. Roland Tichy war, als er noch "WiWo"-Chefredakteur war, mitten im Interview zur Finanzkrise aufgesprungen und hatte auf die Frage, wie viel die Journalisten in der Krise berichten sollten, ohne das Geldsystem zu gefährden, erregt gerufen: "Ich weiß es doch auch nicht!" Dann verriet er, dass er seine Frau zum Bankautomaten geschickt hatte, sie solle so viel Bargeld wie möglich abheben.

Oder die wunderbare Wutrede von Bernd Ziesemer noch als "Handelsblatt"-Chef, in der er allen Beratern, Bloggern, Geschäftsführern und Chefredakteuren, die die Zeitungen kaputt sparen, die Leviten las (Seite 50).

Oder als Sven Clausen und Martin Noé als Chefredakteure des "Manager Magazins" sich partout nicht auf einem Schiff fotografieren lassen wollten. Vielleicht hatten sie das Vorbild von Steffen Klusmann vor Augen, den wir als Leiter der Gruner+Jahr-Großredaktion Wirtschaft aus Versehen vor einem Rettungsschirm abgebildet hatten. Aus der Rettung wurde bekanntlich nichts. Clausen und Noé liefen dann für uns durch eine dunkle Unterführung. Das sah aus wie aus einem Scorsese-Film. War uns auch recht. Das Beste kommt noch!

Ein Highlight neueren Datums war die Begleitung des Wirecard-Falles mit dem Interview von Dan McCrum, der als Investigativjournalist der "Financial Times" den Skandal maßgeblich enthüllt hatte. Sein damaliger Chefredakteur Lionel Barber geht in dieser Ausgabe darauf ein, wie wichtig gerade diese Geschichte für die "FT" war und warum er lange Zeit nur sehr schlecht auf das "Handelsblatt" zu sprechen war (Seite 10). Der Ex-Wirecard-Mitarbeiter Jörn Leogrande gibt unserem Mitarbeiter Thomas Schuler Auskunft über den bis heute geheimnisvollen Blogger Memyselfandi007, der 2008 die erste große Krise von Wirecard auslöste. Erstmals äußert sich Memyselfandi007 nun selbst und sagt, warum ihn die Polizei, aber noch kein Journalist befragt hat (ab Seite 18). Das ist aufregender, spannender Journalismus. So kann es weitergehen!

In diesem Sinne: auf in die nächsten 20 Jahre!

Ihr Wolfgang Messner.

Tipp: Das Jubiläumsheft des Wirtschaftsjournalist ist jetzt im Oberauer-Shop erhältlich.

Hintergrund: Der Wirtschaftsjournalist erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteur ist Wolfgang Messner.

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