Debatte um Laschet-Absage: Für WamS-Chef Boie sind Rezo und Jung Journalistendarsteller

21.06.2021
 

Der YouTuber Rezo hatte die Kanzlerkandidaten von Union, SPD und Grünen für eine gemeinsame Diskussion angefragt. Die Idee kam von dem Journalisten Tilo Jung. Doch Armin Laschet will nicht. Die Absage hat in der Medienbranche eine große Debatte ausgelöst, in der es hart zur Sache geht.

Der Youtuber Rezo wollte mit Blick auf die Bundestagswahl ein neues Diskussionsformat umsetzen: ein Kanzlertriell - bei Youtube und auf der Streaming-Plattform Twitch. Doch NRW-Ministerpräsident und Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet hat ihm dafür abgesagt. Das erzählt Rezo in einem Video. Und das bestätigt auch die CDU-Bundespartei: "Die CDU hat der Produktionsfirma für das Triell abgesagt", so ein Sprecher gegenüber dem WDR.

Geplant hatte Rezo eine 90-minütige Diskussionsrunde, an der neben Laschet auch die Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, und der SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz teilnehmen sollte. Auch die Grünen bestätigten auf WDR-Anfrage Rezos Einladung.

Thomas Knüwer, Blogger und Digitalstratege aus Düsseldorf, hält die Absage Laschets für eine "riesige vertane Chance": "Es ist natürlich vollkommen klar. Da sitzen jetzt nicht die besten Kumpels von Armin Laschet. Aber Armin Laschet möchte Bundeskanzler werden. Und wenn er sich solch einer Diskussion, wo auch viele Gegner sind, entzieht, was will er dann auf internationaler Ebene machen? Was sagt denn das über ihn als Kanzler aus?"

Knüwer denkt, dass Laschet bei einer Teilnahme "unglaublich viel" hätte gewinnen können. "Weil Armin Laschet ja kein Unsympath ist. Der kommt ordentlich rüber vor der Kamera", so Knüwer gegenüber dem WDR.

Rezo wollte bei seinem Kanzler-Triell nur wenige Themen besprechen, diese aber deutlich intensiver. Er selbst hätte die Runde moderiert. Die Idee kam von dem Berliner Journalisten Tilo Jung, der für seine unorthodoxe Fragetechnik in der Bundespressekonferenz bekannt ist. Es sollte dabei auch eine Zusammenarbeit mit der Zeit geben. YouTube und Twitch hatten ebenfalls Interesse für das Format signalisiert.

Rezo hält Laschets Absage für eine "verpasste Chance". "Wenn man sich dann für diese Generationen basically, und das strahlt das, finde ich, aus, nicht mal einen Abend frei nimmt für den ganzen Wahlkampf, dann ist das, glaube ich, einfach ist das ein schlechtes Zeichen. Ich glaube, das setzt ein falsches Signal nach außen." Es sei unverzichtbar, dass Politiker auf Plattformen gingen, aus denen jüngere Generationen sich viel aufhielten.

Der Journalist Daniel Bouhs bemerkt dazu auf Twitter: "Zur Wahrheit dürfte auch gehören: 'Diese Generation' ist für manch einen (teilw.!) zu jung - da noch nicht wahlberechtigt. Bisschen traurig ist das schon. [...] Was auch zur Wahrheit dazu gehört, natürlich: @ArminLaschet war bei @ProSieben, nicht nur bei ARD, ZDF, RTL/n-tv. Aber das ist freilich die klassische TV-Umgebung gewesen, zeitlich dann doch begrenzt und IMHO auch bei guter Moderation berechenbarer."

Der Deutsche Journalistenverband teilt Rezos Unverständnis. Unter der Überschrift "Was soll das, Herr Laschet?", kommentiert Hendrik Zörner in einem Blogeintrag:

"Nun kann man ja zu Rezo und Jung stehen, wie man will. Aber klar ist, dass sie Interviews anders führen als die meisten Journalisten des Berliner Politikbetriebs und damit den Journalismus bereichern. Und sie erreichen junge Menschen - auch und gerade solche, die sich ausschließlich in Social Media informieren. Ein Triell auf Youtube wäre eine gute Ergänzung zu den Fragerunden der öffentlich-rechtlichen und privaten Sender gewesen. Stattdessen zu kneifen ist ein Affront. Haben Sie das nötig, Herr Laschet?"

So sieht es auch Frank Überall, Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes. "Armin Laschet hat mit seinem Nein zu einem Triell von Rezo und Tilo Jung eine Chance vertan", sagte er dem WDR. Laschet "hätte insbesondere junge Menschen erreicht, also diejenigen, die sich nur über die Social Media informieren", so Überall. "Außerdem schlagen sich solche Diskussionen in reichweitenstarken Netz-Auftritten auch in den traditionellen Massenmedien nieder und tragen so zum politischen Diskurs bei."

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Der Sprecher der CDU-Bundespartei rückt die Laschet-Absage  in ein anderes Licht: Es gebe "eine Vielzahl an Medienanfragen an den Parteivorsitzenden". "Es sind neben TV-und Radioformaten viele digitale Formate für alle Zielgruppen von jung bis alt mit Herrn Laschet geplant", so der Sprecher gegenüber dem WDR.

Verständnis für Laschets Absage zeigt der ehemalige CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz. Auf Twitter schreibt er, für so ein Streitgespräch brauche man "neutrale Moderator:innen".

Die Politikjournalistin Miriam Hollstein meint augenzwinkernd via Twitter: "Hmja, klar, ich würde als CDU-Spitzenkandidat auch unbedingt zu jemandem gehen, der sich mit der 'Zerstörung der CDU' abgefeiert hat. Würde ihm freilich als Vorbedingung sagen, dass ich Videos zu 'Zerstörung der SPD' und 'Zerstörung der Grünen' vorab erwarte. So vong Fairness her."

Florian Gregorzyk, Host beim WDR-Podcast 0630 und langjähriger YouTuber, beurteilt die Diskussion über Laschets Absage aus zwei Perspektiven:

"Einerseits ist es verständlich, dass Armin Laschet sich in einer Show mit Rezo eher in einer defensiven Rolle befinden würde und deswegen vielleicht glaubt, dort nicht viel zu gewinnen zu haben. Andererseits hätten die drei Kandidaten - und so auch Armin Laschet - bei so prominenter Platzierung auf den beiden größten Livestream-Plattformen der Welt Millionen junger Menschen im Netz an nur einem einzigen Tag erreichen können."

Einen verbalen Schlagabtausch liefern sich in der Debatte die "Welt" und Rezo. "Große Aufregung im Netz! Laschet missachte die jüngere Generation. Ist das so?", fragt WamS-Chefredakteur Johannes Boie in einem Kommentar. Seine Antwort:

"Rezo und Jung sind Journalistendarsteller auf YouTube, die geschickt ausnutzen, dass es vor allem für jüngere Generationen zunehmend schwerer wird, professionell recherchierte Informationen von Aktivismus und unterhaltsamem Quatsch zu unterscheiden. Rezo ist bekannt geworden durch das Video 'die Zerstörung der CDU', das launig und lautstark daherkam, das aber - wie auch andere Videos von ihm - (noch) mehr Fehler enthielt als ein Lebenslauf von Annalena Baerbock. Dafür verlieh ihm meine Zunft, der selbstzerstörerisches Verhalten nicht immer fremd ist, einen Journalistenpreis."

Tilo Jung sei mit dem Videoformat "Jung und Naiv" bekannt geworden. Ersteres sei nicht mehr ganz zutreffend, ansonsten stimme der Titel noch, so Johannes Boie. Die Axel-Springer-Führungskraft schlägt vor, ein Video von Jung an Journalistenschulen vorzuführen, um zu zeigen, was gerade kein Journalismus ist.

Dass "junge Wähler" nun auf Informationen über die Kandidaten verzichten müssten, stimmt für Boie nicht. Auch 18-Jährige könnten eine Nachrichtenseite finden oder eine Mediathek im Netz aufrufen. Verzichten müssten höchstens Jung und Rezog "auf (noch mehr) Reichweite"

Rezo hatte zuvor getwittert: "Puh die WELT verbreitet schon wieder Unwahrheiten über mich, verfälscht Zitate und erfindet Statements. Durch Desinformation verliert man Glaubwürdigkeit. Dadurch fällt es Leuten generell schwerer, der WELT als Quelle zu vertrauen. Schade und auch einfach unnötig." Er verwies dabei auf einen Artikel von Frédéric Schwilden in dem es heißt: "Rezo spricht nicht für die Millenials. Er spricht nur für sich selbst."

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