Warum Publisher mehr auf Social Ads achten müssen - und keine Zeit mit Clubhouse verschwenden sollten

 

Von der DJ-Kanzel in die Startup-Szene: Philipp Reittinger ist Gründer und Geschäftsführer der Agentur ZweiDigital. Nach seinem BWL-Studium war er Social-Media-Berater des Musikers Fritz Kalkbrenner. Im kressköpfe-Interview erklärt er, wie klassische Medienhäuser vom Boom-Markt für Social Ads profitieren, warum der Clubhouse-Zug abgefahren ist und wie er beim Auflegen Energie tankt.

kress.de: Herr Reittinger, Digital-Werbung gibt auch in Krisenzeiten mächtig Gas – und an Social Media kommen immer weniger Medienhäuser, Marken und Vermarkter herum. Was ist denn Ihr wichtigster Tipp an klassische Publisher, im aktuell so beschleunigten Geschäft nicht den Anschluss zu verlieren?

Philipp Reittinger: Wenn Sie die Wahl hätten, in einer Zeitschrift auf Seite 67 eine Printa-Azeige zu buchen oder eine Anzeige im Netz zu schalten, wofür würden Sie sich entscheiden? Ich denke, es ist klar worauf ich hinaus will: Online-Werbung ist in vielerlei Hinsicht messbar, von der Ausspielung, über Klickraten bis hin zur Conversion Rate. Mein Tipp für Publisher ist daher, den Faktor Messbarkeit selbst höher zu priorisieren. Heutzutage ist es kein Problem mehr, den direkten Output mit dem Input einer Kampagne - etwa in Form von messbaren Leads, Käufen oder dem Einlösen von Gutscheincodes - ins Verhältnis setzen. Und damit den Erfolg zu messen sowie immer neue Optimierungspotenziale abzuleiten.

"Mehr als 80 Prozent des Medienkonsums findet heutzutage auf dem Smartphone statt - entsprechend sollte das Material direkt in 9:16 oder quadratisch produziert werden."

kress.de: Ihr Haus hat sich auf die Vermarktung von Social-Media-Ads spezialisiert. Ein Markt, der sich den althergebrachten Spielern auf den Medien-Werbe-Markt nicht immer auf den ersten Blick erschließt. Welche Erfahrungen und Inspirationen können Sie denn da überhaupt noch aus der Welt der Großverlage oder Fernsehhäuser mitnehmen?

Philipp Reittinger: Selbstverständlich spielen bei großen Marken und Vermarktern die "klassischen" Medien wie TV, Print und Plakatwerbung weiterhin eine wichtige Rolle im Rahmen einer holistischen Kampagnen-Strategie. Allerdings sollten Social Ads diesen Werbemitteln nicht untergeordnet werden, sondern als Basis einer Kampagne dienen. Damit will ich nicht sagen, dass für Social Media Content das Rad komplett neu erfunden werden muss. Aber wir erleben nicht selten, dass Bild- und Videomaterial zum Beispiel noch im 16:9-Formaten geshootet und angeliefert wird. Hier muss ganz klar ein Umdenken stattfinden. Mehr als 80 Prozent des Medienkonsums findet heutzutage auf dem Smartphone statt - entsprechend sollte das Material direkt in 9:16 oder quadratisch produziert werden.

kress.de: Mit Social-Media-Marketing haben Sie bewusst auf ein "junges" Thema gesetzt. Ab wann verläuft denn die Altersgrenze, bei der Sie möglichen neuen Mitarbeitern nicht mehr unterstellen können, dass Sie Instagram, TikTok und Pinterest aus dem Bauch heraus verstehen?

Philipp Reittinger: Eine häufig gestellte Frage, die sich nicht so leicht beantworten lässt. Es gibt in unserem Umfeld Menschen jenseits der 50, die sehr gut wissen, worauf es bei einer Social Ad ankommt oder warum für ein bestimmtes Produkt eine Pinterest-Kampagne deutlich mehr Sinn als eine Kampagne auf TikTok macht. Aus meiner Sicht sind die Einstellung und der Wille, etwas Neues zu lernen, entscheidend. Das Alter spielt dabei keine Rolle.

kress.de: Wie kamen Sie eigentlich auf die Idee für Ihre Agentur und wie schwer war es, Sie am Markt zu etablieren?

Philipp Reittinger: Ursprünglich hat alles damit begonnen, dass ich Freunden dabei geholfen habe, Events oder kleinere Onlineshops zu bewerben und ihre Bekanntheit zu steigern. Das hat sich herumgesprochen, es kamen weitere Projekte dazu - und irgendwann hatte ich nebenbei mehr zu tun als in meinem Hauptjob. Da ich ohnehin den Drang verspürt hatte, irgendwann selbstständig zu sein, habe ich die Gelegenheit genutzt und vor zwei Jahren gemeinsam mit meinem Co-Founder Andreas Arndt ZweiDigital gegründet. Beim Aufbau der Agentur schauen wir kaum nach links oder rechts, sondern vor allem auf uns selbst. Unser Anspruch ist dabei, unser Bestes zu geben und unsere Aufgaben bestmöglich zu erfüllen. Als Performance-Agentur messen wir das natürlich auch, zum Beispiel anhand des Feedbacks unserer Kunden und Partner. Darüber hinaus ist es uns extrem wichtig, ein sehr guter Arbeitgeber zu sein. Denn nur mit dem richtigen Team können wir langfristig erfolgreich sein.

"Insgesamt haben wir einen deutlichen Anstieg an Anfragen für Social Ads gespürt. Gerade auch von Unternehmen, die in diesem Umfeld bisher keine Werbung gemacht haben."

kress.de: Die Krise hat das digitale und das Social-Media-Werben beflügelt. Wie konkret haben Sie im Unternehmen gespürt, dass vermutlich sogar hektisch Media-Pläne angepasst und Budgets umgeschichtet wurden?

Philipp Reittinger: Auch bei dieser Frage fällt eine pauschale Antwort schwer, insbesondere weil es stark auf die jeweilige Branche ankommt. Bei unseren Kunden im Freizeit-, Urlaubs- und Eventbereich haben wir sehr deutlich gemerkt, dass die Krise teils eine existenzielle Dimension hatte und haben sie daher unterstützt, so gut wir konnten. Oft lag die Unterstützung auch darin, die Zusammenarbeit auf unbestimmte Zeit auf Eis zu legen. Hier stur auf vereinbarte Leistungsentgelte zu beharren, wäre sehr kurzfristig gedacht. Insgesamt haben wir jedoch einen deutlichen Anstieg an Anfragen für Social Ads gespürt. Gerade auch von Unternehmen, die in diesem Umfeld bisher keine Werbung gemacht haben. Hier geht es vor allem in der momentanen Situation erstmal darum, mit Ergebnissen und Profitabilität zu überzeugen, bevor man über groß angelegte Media-Pläne spricht.

kress.de: Was sind aktuell die größten Herausforderungen, um Werbekunden wieder dazu zu bringen, den Rubel rollen zu lassen?

Philipp Reittinger: Unser Pricing-Modell ist da sicherlich ein großer Vorteil. Wir legen gemeinsam mit unseren Kunden eine feste monatliche Pauschale fest. Somit ist unsere Arbeit ein Kostenfaktor, den der Kunde von Anfang fix einkalkulieren kann. Dabei gehen wir ganz bewusst unabhängig von Marketingbudgets vor, sondern berechnen unseren Aufwand im Hinblick auf ein klares Ziel. An dieser Stelle ist oft Kreativität gefragt. Für unseren Möbelkunden Connox zum Beispiel haben wir zu Beginn der Pandemie eine Home-Office-Kampagen konzipiert und durchgeführt. Trotz der recht angespannten Konjunkturflaute haben wir genau die Bedürfnisse der Zielgruppe angesprochen und tolle Ergebnisse erzielt.

"Was ist Clubhouse? Kleiner Spaß!"

kress.de: Hand aufs Herz: Ist Clubhouse eigentlich mehr als nur ein Strohfeuer?

Philipp Reittinger: Was ist Clubhouse? Kleiner Spaß! :) Auch wir sind zu Beginn auf dem "Hype Train" mitgefahren und haben bei Clubhouse sehr viel Zeit verbracht. Im Nachhinein muss man aber klar sagen, dass sich der Mehrwert für uns sehr in Grenzen hielt. Die Inhalte sind, vor allem im Gegensatz zu Podcasts, meist nicht kuratiert oder vorbereitet. Ich selbst habe die App mittlerweile wieder deinstalliert.

kress.de: Sehen Sie Geschäftschancen etwa bei Clubhouse, die auch für etablierte Großverlage, TV-Häuser oder Digital-Publisher interessant sein könnten?

Philipp Reittinger: Nein, nicht mehr. Mittlerweile haben Big Player wie LinkedIn und Facebook angekündigt, ähnliche Features aufzugreifen und zu veröffentlichen - oder das sogar schon getan. Als vergleichsweise kleines Startup kann Clubhouse da nicht mithalten.

kress.de: Wenn Sie auf Ihren eigenen Werdegang zurückblicken: Wo und von wem haben Sie am meisten gelernt?

Philipp Reittinger: Am meisten lerne ich sicherlich beim Aufbau unserer eigenen Agentur. Von administrativen Tätigkeiten, über das Finden der richtigen Tools, Accounting- und Recruiting-Themen bis hin zur Kundenakquise: Die Lernkurve ist nach wie vor extrem steil. Zudem tausche ich mich sehr viel mit Freunden und meinem Vater aus und hole mir von ihnen Feedback und Inspirationen ein, sowohl zu privaten als auch beruflichen Themen. Ende letzten Jahres durfte ich als einer von zehn ausgewählten Partner in ganz Europa an Facebooks Coaching-Programm "Fast Forward" teilnehmen. Dort haben wir in mehreren Sessions eine sogenannte Bold Vision definiert. Sprich, ich habe eine Vision dazu erstellt, wo ich beruflich, privat als auch persönlich in einem Jahr sein möchte und wie ich meine Entwicklung in kleinen Fortschritten messe. Dieses Coaching beschäftigt mich nach wie vor und treibt mich an.

kress.de: Sie betreiben unter dem Namen "Philipp Wolf" auch noch ein Musik-Streaming-Projekt mit DJ-Auftritten, die so bestens in die zuletzt oft leider so kontaktarme Pandemie-Zeit passen. Wie kamen Sie darauf?

Philipp Reittinger: Das angesprochene Projekt mit dem Namen "Places – a musical Journey", das ich gemeinsam mit dem Filmregisseur Marko Roth initiiert habe, ist mittlerweile 25 Episoden alt. Es handelt sich um ein Livestream-Konzept, das außergewöhnliche Locations in Verbindung mit elektronischer Musik in den Fokus rückt. Wir treten beispielsweise auf dem Rollfeld des Frankfurter Flughafens auf, in einem Heißluftballonflug oder verlagern unser DJ Set mitten in einen Friseursalon. Die 26. Episode ist bereits in Planung, und soviel sei verraten: Es wird nass und windig!

"Vor der Pandemie habe ich durchschnittlich vier- bis fünfmal im Monat aufgelegt, hauptsächlich an den Wochenenden in Clubs, aber auch auf Festivals in ganz Deutschland."

kress.de: Wie oft legen Sie noch auf, und welche Energie gibt Ihnen das?

Philipp Reittinger: Vor der Pandemie habe ich durchschnittlich vier- bis fünfmal im Monat aufgelegt, hauptsächlich an den Wochenenden in Clubs, aber auch auf Festivals in ganz Deutschland. Ich betreibe das Hobby seit mehr als 10 Jahren und weiß es inzwischen als wahnsinnig guten Ausgleich zum Agenturalltag zu schätzen. Sich von der Musik treiben zu lassen und auf sein Bauchgefühl zu hören, ist einfach toll. Gerade dann, wenn es nicht nur mir, sondern auch dem Publikum gefällt. Durch Corona lege ich derzeit nur selten auf, und auch die Motivation leidet ein wenig unter der Situation. Sobald aber die ersten Booking-Anfragen kommen, habe ich mein Motivationstief schlagartig überwunden, da bin ich mir sicher!

kress.de: Wie groß ist die (nach außen zurückgehaltene) Freude, wenn Sie als vergleichsweise sehr junger CEO deutlich älteren Geschäftspartnern gegenüber sitzen und die zunächst überrascht reagieren?

Philipp Reittinger: Das kommt ehrlich gesagt ziemlich selten vor. Junge Gründer sind heute keine Seltenheit mehr, schon gar nicht in der Social-Media-Branche. Nachfragen kommen eher, wenn ich erzähle, dass wir nach nur zwei Jahren schon ein 15-köpfiges Team sind.

"Einer unserer Leitsätze bei ZweiDigital lautet, dass wir uns für keinen Kunden zu schade sind: vom Dax-Konzern bis zum Friseursalon sind alle Unternehmen herzlich willkommen."

kress.de: Sie sind noch jung und schon Mitgründer eines erfolgreichen Digitalunternehmens mit steiler Wachstumskurve: Wie oft müssen Sie sich morgens vor dem Spiegel daran erinnern, noch nicht komplett abzuheben?

Philipp Reittinger: Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Ich glaube aber nicht, dass ich Gefahr laufe, abzuheben. Diejenigen, die mich gut kennen, wissen, dass ich alles gebe, damit unser Team glücklich ist. Mir kommt bestimmt auch zugute, dass ich mich selbst nicht immer ernst nehme und für so manchen Spaß zu haben bin. Einer unserer Leitsätze bei ZweiDigital lautet außerdem, dass wir uns für keinen Kunden zu schade sind: vom Dax-Konzern bis zum Friseursalon sind alle Unternehmen herzlich willkommen. So bekommen wir einen Einblick in die unterschiedlichsten Unternehmen und Branchen, was uns immer wieder hilft, über den Tellerrand hinauszuschauen.

kress.de: Steile Karrieren rauben natürlich auch viel Freizeit. Wie schaffen Sie Ihren ganz persönlichen Ausgleich, wo tanken Sie die Batterien wieder auf?

Philipp Reittinger: Klar könnte es das ein oder andere Treffen oder "Online-Bierchen" mehr sein. Ich würde dennoch behaupten, dass ich bisher alles recht gut unter einen Hut bekomme, zumal ich Abwechslung und eine gewisse Vielfalt in meinen Tätigkeiten benötige, um mich ausgeglichen und wohl zu fühlen. Letztlich sind sicherlich meine Freundin wie auch mein Freundeskreis eine "Ladestation", die mir viel Energie gibt.

kress.de: Was bringt Sie auf die besten Ideen?

Philipp Reittinger: Die morgendlichen Autofahrten ins Büro, bei denen ich mit meinem Mitgründer Andreas telefoniere und anstehende Termine sowie Entscheidungen bespreche.

kress.de: Sie führen ein kressköpfe-Profil. Wie wichtig ist das Netzwerken für Sie?

Philipp Reittinger: Das Netzwerken ist ein zentraler Bestandteil meines Alltags. Nicht nur, um unsere Agentur weiterzuentwickeln, sondern vor allem, um persönlich zu lernen und zu wachsen.

kress.de: Welche Neuigkeiten und beruflichen Inspirationen ziehen Sie aus Ihrer Lektüre von kress.de und "kress pro?

Philipp Reittinger: Wer sich wie ich in einem medialen Umfeld bewegt, kommt am Angebot von kress schlicht und ergreifend nicht vorbei. Neben den wichtigsten Branchen-News sind es vor allem die Hintergrundgeschichten, aus denen ich vieles für meine Arbeit mitnehmen kann.

Zur Person: Philipp Reittinger ist Geschäftsführer von ZweiDigital und Social-Media-Profi. Nach seinem Studium der Wirtschaftswissenschaften in Frankfurt baute er zunächst den Bereich App-Marketing bei Shopgate auf und verantwortete bei Vier für Texas das Thema Performance Marketing, ehe er mit Andreas Arndt 2018 ZweiDigital gründete. Die Social-Ads-Agentur ZweiDigital aus Frankfurt entwickelt für Kund:innen wie Connox, Fitvia, Longines und SportSpar individuelle Performance-Kampagnen auf Facebook, Instagram, LinkedIn, Pinterest und TikTok.

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