Die ungewöhnlich scharfe Kritik von Ex-FT-Chef Barber am Handelsblatt

 

Die Financial Times hat den Wirecard-Skandal aufgedeckt. Zwischenzeitlich stand die britische Weltmarke allerdings selbst gehörig unter Druck. Ausgerechnet in dieser Phase haben die Reaktionen der deutschen Presse den damaligen Chefredakteur Lionel Barber schwer enttäuscht, sagt er im Interview mit dem Wirtschaftsjournalist.

Wirtschaftsjournalist: Sie sprechen den Fall Wirecard an. Schon 2015 hat der "FT"-Investigativjournalist Dan McCrum damit angefangen, über die Firma zu recherchieren. Dabei war Wirecard damals noch ein unbekanntes deutsches Mittelstandsunternehmen, das deutsche Medien kaum interessierte. Warum war Wirecard so wichtig für die "FT"?

Lionel Barber: Sie müssen wissen: Ich war ein Chefredakteur, der sich um einige Stories auch selbst gekümmert hat. Ich tat dies, weil ich überzeugt davon war, dass diese Geschichten ein großes Potenzial hatten. Und im Fall Wirecard war ich immer auf dem Laufenden . Wirecard hat mich immer gereizt.

Wirtschaftsjournalist: Warum?

Barber: Ich muss dazu etwas ausholen. Als ich Chefredakteur wurde, habe ich mit Paul Murphy einen sehr erfahrenen und begabten Journalisten zur "Financial Times" geholt. Als ich ihn einstellte, sagte ich ihm: "Deine Aufgabe ist es, etwas Neues und Digitales zu erfinden." Er hat dann den FinanzBlog "Alphaville" erfunden. Dort haben wir die Mauern zwischen den objektiven Fakten und dem Kommentar eingerissen, die ja sonst klassischerweise getrennt sind. Paul hat bei "Alphaville" vier, fünf Leute zu einer Mannschaft geformt. Das waren alles freie Seelen. Sie hatten alle eine gewisse finanzielle Kompetenz und konnten ihren Interessen folgen. Unter diesen Leuten war auch Dan McCrum, der davor für eine Bank gearbeitet hatte. Er war 2015 zu "Alphaville" gekommen. Davor hatte er bei "Lex" gearbeitet, der traditionellen Analyse- und Meinungsrubrik der Zeitung.

Wirtschaftsjournalist: Was bedeutete das?

Barber: Diese Leute konnten machen, was sie wollten. Ab und zu kam ich zu Paul und fragte ihn, was es Neues bei "Alphaville" gebe. Irgendwann im Jahr 2015 oder 2016 hat er mir von der Wirecard-Story erzählt. Er hat mir damals gesagt, dass Dan unter Druck gesetzt und auch verfolgt worden war. Wir verstanden damals noch nicht, was Wirecard war. Aber es gab da Zweifel an dieser Firma. Ehrlich gesagt: Es war eine ganze Wolke von Zweifeln, die wir hatten. Auch ich hatte da so ein Gefühl, wusste aber nicht genau, was das bedeutete.

Wirtschaftsjournalist: Wann wussten Sie, dass Sie mit Ihrem Unbehagen recht hatten?

Barber: Im September 2018 kamen Paul und zwei weitere Redakteure zu mir und haben mir gesagt, dass wir einige Whistleblowers in Singapur haben, die direkt auf Betrug hingewiesen haben. Dann haben wir drei, vier Monate gewartet, bis wir bereit waren, etwas zu veröffentlichen. Im Januar 2019 waren wir dann so weit.

Wirtschaftsjournalist: Hatten Sie keine Bedenken?

Barber: Als wir den ersten dieser Artikel unseren Anwälten gezeigt haben, haben die nur gesagt: "Das geht nicht. Das könnt ihr unmöglich bringen. Das ist zu gefährlich. Die Information der anonymen Quellen und Whistleblower ist geheim und ungesichert." Wir aber wussten, dass unsere Informanten innerhalb von Wirecard die Wahrheit sagen wollten. Sie wollten sagen, dass es sich um Betrug handelte. Also war es für uns klar, dass wir das bringen müssen. Daher habe ich die Entscheidung getroffen, zu veröffentlichen. Das war für mich eine meiner wichtigsten Entscheidungen, die ich je getroffen habe.

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Wirtschaftsjournalist: Weshalb?

Barber: Ich habe entschieden, dass wir den indonesischen Manager nennen, der seinen Mitarbeitern gesagt hatte: "Auf diese Art und Weise können wir unsere Investoren betrügen." Das stand in der Einleitung der Story auch genau so drin. Alles, was Wirecard ausmachte, steht in diesen Artikeln: wie der Betrug funktionierte, die Namen der Beteiligten und auch der Hinweis auf die drei beteiligten ausländischen Tochterfirmen fehlte nicht. Aber wie hat die deutsche Finanzaufsicht Bafin darauf reagiert?

Wirtschaftsjournalist: Mit Anzeigen gegen die "FT"- Redakteure.

Barber: Eben. Das geschah dann im April 2019. Es war für uns unheimlich frustrierend. Wir hatten im Januar 2019 eine Bombe gezündet. Die brachte zwar den Kurs von Wirecard zum Einsturz, aber sonst passierte wenig bis nichts. Die Reaktion von Wirecard war unglaublich aggressiv. So etwas hatte ich zuvor noch nie erlebt.

Wirtschaftsjournalist: Erklären Sie uns das bitte.

Barber: Was die deutschen Medien und auch die Bafin damals völlig missverstanden haben, war, dass es für die "Financial Times" niemals in Frage kommt, dass wir etwas Falsches veröffentlichen. Das war und ist für uns undenkbar. Das hätte uns damals nicht nur einen Haufen Geld, sondern unseren Ruf gekostet. Doch um nichts auf der Welt hätten wir unseren Ruf aufs Spiel gesetzt. Das haben die deutschen Behörden wie die Bafin und die Staatsanwaltschaft in München nicht verstanden.

Wirtschaftsjournalist: Was haben Sie gemacht?

Barber: Ich stellte mir damals auch die Frage: Wie konnte es so weit kommen? Ich hatte damals mitten in dieser Krise ein privates Gespräch mit meinem Freund Mathias Döpfner. Ich war wütend und verzweifelt. Da habe ich ihn angerufen und ihn gefragt, was wir machen können. Er hat mir gesagt, ich solle verstehen, dass es in Deutschland viele Investoren gibt, die an Wirecard glauben. Damit dieser Streit nicht eskaliert, riet er uns, ganz sachlich zu bleiben. Das war ein sehr guter Rat. Es fällt einem nämlich sehr schwer, sachlich zu bleiben, wenn man tagein, tagaus angegriffen wird. Aber wir waren uns auch sicher, dass die Wahrheit irgendwann einmal an den Tag kommen wird.

Wirtschaftsjournalist: War es der größte Angriff, den die "FT" je erlebt hat?

Barber: Der Angriff war in der Tat sehr stark. Wir mussten Hunderttausende von Euro für Anwälte und andere Kosten ausgeben, um ihn abzuwenden. Wir mussten uns ja verteidigen. Was blieb uns übrig? Was mich wirklich enttäuscht hat, aber war die Reaktion in der deutschen Presse, vor allem die vom "Handelsblatt". Was die damals geschrieben haben, war unverschämt.

Wirtschaftsjournalist: Sie spielen auf Berichte vom Juli 2019 an, als das "Handelsblatt" auf ein mutmaßlich von Wirecard arrangiertes Gespräch mit Shortsellern hereingefallen war.

Barber: Richtig. Für mich war das damals wirklich enttäuschend. Keiner vom "Handelsblatt" hat mich damals angerufen. Auch nicht der Chefredakteur. Die hatten die Möglichkeit gehabt, mich auch privat anzurufen. Aber das haben die nicht gemacht. Ich wäre damals bereit gewesen, einige Details zu nennen und auch Material mit dem "Handelsblatt" zu teilen. Für mich war das keine Frage der Konkurrenz. Es war viel mehr ein riesiges Problem im deutschen Finanzmarkt und wir wollten die Wahrheit darüber herausbringen.

Wirtschaftsjournalist: Haben die deutschen Medien versagt?

Barber: Das würde ich nicht unbedingt sagen. Das "Handelsblatt" macht mittlerweile ganz gute Sachen zu Wirecard und hat verstanden, dass es sich um Betrug handelt. Auch die "Süddeutsche" und die "Wirtschaftswoche" leisten wirklich gute Arbeit. Die "WiWo"- Journalistin (Melanie Bergermann, d. Red.) hat in Dubai hervorragende Arbeit geleistet. Es waren andere Medien, die nicht so gut waren. Wenn wir von Nachholbedarf sprechen, dann würde ich sagen, dass besonders Finanzjournalisten darauf achten sollten, dass sie den wichtigen Geschäftsleuten nicht zu nahe kommen. Aber auch wir haben Fehler gemacht und Stories verpasst.

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Lionel Barber, von 2005 bis 2020 Chefredakteur der Financial Times, verrät im Interview mit dem Wirtschaftsjournalist, warum er sich zu Beginn seiner Amtszeit, wie ein General in der Schlacht fühlte, wie er die Zahl der Digitalabos auf mehr als eine Million steigern konnte, was er heute über den Verkauf der FT denkt und wann er wütend und verzweifelt seinen Freund Mathias Döpfner angerufen hat.

Das komplette Interview mit Lionel Barber können Sie im Wirtschaftsjournalist 2/2021 lesen - jetzt im Oberauer-Shop.

Hintergrund: Der Wirtschaftsjournalist erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteur ist Wolfgang Messner.

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