Exklusiv: Stefan Aust im Interview über seine Merkel-Doku, die ohne Interview auskommt

 

Ex-Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust hat die vergangenen Monate über in Zusammenarbeit mit Spiegel und RTL an der Doku "Angela Merkel - Frau Bundeskanzlerin" gearbeitet. Im kressköpfe-Interview mit UFA-Documentary-Chef Marc Lepetit erzählt Aust, wie das Mammut-Projekt in Corona-Zeiten überhaupt zu stemmen war und wie ungewöhnlich es erzählt wird.

kress.de: Herr Aust, der angekündigte Abschied von Angela Merkel von der Macht rückt immer näher. Wie fühlt sich das Arbeiten an einem Biografie-Projekt denn an, wenn man quasi im Wettlauf mit der Uhr weiterhin beobachtet, wie sich Zeitgeschichte ereignet?

Stefan Aust: Man neigt dazu, immer weiter an dem Projekt zu arbeiten. Aber dann wird man ja nie – oder zu spät fertig. Man hofft darauf, dass nicht irgendetwas passiert, was auf jeden Fall drin sein muss. Aber im Notfall kann man ja auch noch kurz vor der Ausstrahlung etwas ergänzen. Oder später, etwa nach der Amtsabgabe der Bundeskanzlerin. Da bin ich ganz entspannt.

"Eine Zeitreise durch die deutsche Politik."

kress.de: Von Ihrem Projekt ist ja bereits seit einigen Monaten die Rede. Wie kann man für sich und das Team so eine Mammutaufgabe überhaupt anlegen?

Stefan Aust: Das Projekt ist im August des vergangenen Jahres in Angriff genommen worden. Eines späten Abends schrieb Nico Hofmann mir eine Mail und erinnerte an unseren gemeinsamen Film über Hannelore Kohl. Er fragte mich, ob ich nicht eine vier- bis sechsteilige Serie für die UFA Fiction und zusammen mit der UFA Documentary über Angela Merkel machen möchte. Weil es schon spät am Abend war und ich ohnehin schnell für ein interessantes Projekt zu begeistern bin, habe ich sofort geantwortet: Na klar. Erst hinterher, als ich das Exposé dazu schrieb, ist mir klargeworden, was da auf mich zukommen würde. Und wegen Corona wurde dann auch einiges anders, als ich mir das vorgestellt hatte. Aber das war vielleicht gar nicht so schlecht: Wir haben deshalb die Serie vollständig aus Dokumentarmaterial geschnitten. Das wird auch eine Zeitreise durch die deutsche Politik.

Marc Lepetit: Angela Merkels Leben ist über ihre Kindheit, ihre Zeit in der DDR, die Wende, ihren Weg in und durch die Politik, ihr Engagement im nationalen und internationalen Kontext an sich schon ein üppiger Stoff. Dieses politische Leben ist so reich, dass die Sichtung der Filme für mich in ganz vielen Teilen ein "Stimmt, das war ja auch noch"-Moment war. Man hat deutsche Geschichte zu entdecken – und das mit und anhand ihrer Geschichte. Die richtigen Entscheidungen auf diesem Weg zu fällen und zu entscheiden, welchen roten Faden man spinnt – das ist Katrin Klocke und Stefan Aust mit ihrem Team einfach wunderbar gelungen.

"Wir verbrachten wir insgesamt 104 Tage im Schneideraum. Erst bei Spiegel TV und dann in meinem eigenen. Das sind damit zwei Drittel aller Tage in diesem Halbjahr. So kann man Corona auch hinter sich bekommen."

kress.de: In welchem Aggregatszustand befindet sich Ihr Doku-Serien-Projekt aktuell und welche Berge müssen Sie auf den letzten Metern vielleicht doch noch besteigen?

Stefan Aust: Wenn nicht noch etwas außerordentliches passiert und wir etwas ändern oder ergänzen müssen, bleibt alles, wie es ist. Die fünf Teile sind fertig geschnitten, getextet, gemischt. Also sendefertig. Gemeinsam mit meiner langjährigen Spiegel-TV Kollegin Katrin Klocke und der Cutterin Ute Kampmann, mit der ich auch schon bei Spiegel TV zusammengearbeitet habe, verbrachten wir insgesamt 104 Tage im Schneideraum. Erst bei Spiegel TV und dann in meinem eigenen. Das sind damit zwei Drittel aller Tage in diesem Halbjahr. So kann man Corona auch hinter sich bekommen.

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Marc Lepetit: Die Entscheidung, die aktuellen Ereignisse im Auge zu behalten, birgt immer die Gefahr eines Endspurts. Diese Erfahrung haben wir gerade bei "Der große Fake – Die Wirecard Story" gemacht – und auch, wenn die Geschichte von Angela Merkel diese Brisanz vielleicht nicht hat, so muss man doch aufmerksam bleiben bis zum Schluss. Das bedingt aber auch, dass die Fertigungsprozesse eben sehr komprimiert sind. So ist es häufiger, wenn man sich solchen Themen annimmt. Das macht aber auch den Reiz der Zusammenarbeit aus, da alle intensiver, schneller miteinander arbeiten und kommunizieren.

"Wir haben auch einiges im Zusammenhang mit dem Leben Angela Merkels gefunden, was nie gesendet worden ist."

kress.de: Sie haben viel Zeit bei der Archivarbeit verbracht: Wie sehr mussten Sie eine Staublunge fürchten, wenn es um das Sichten der Materialfülle geht?

Stefan Aust: Die Staublunge ist eher im Kopf. Von Anfang an war mir klar, dass dieses Projekt für uns und die UFA nur in Zusammenarbeit mit Spiegel TV zu machen ist. Dort haben wir seit 1988 alle wichtigen Ereignisse mit der Kamera begleitet – und auch die Rohmaterialien aufgehoben. Praktisch alle Video-Kassetten der Dreharbeiten der vergangenen Jahrzehnte sind dort im Keller vom Archiv-Leiter Ulrich Meyer erstklassig geordnet vorhanden, ausgewertet und auf Knopfdruck digital auffindbar. Das ist ein großer Schatz, aus dem wir uns hier bedienen konnten. Wir haben auch einiges im Zusammenhang mit dem Leben Angela Merkels gefunden, was nie gesendet worden ist.

"Mit Distanz zu Politikern hatte ich noch niemals ein Problem."

kress.de: Die Amtsdauer der Kanzlerin bringt es mit sich, dass sich mit ihr auch persönliche lange Wegstrecken verbinden lassen. Wie schwer fiel es da bei Ihnen, in der Beobachter-Rolle Distanz zu wahren?

Stefan Aust: Mit Distanz zu Politikern hatte ich noch niemals ein Problem. Ich habe immer Abstand gehalten. Selbst wenn ich jemanden so lange und gut kannte wie Gerhard Schröder, mit dem ich auch seit ewigen Zeiten auf "Du" war, habe ich mich mit ihm und seinem Schaffen kritisch auseinandergesetzt, als er Kanzler war. Das hat uns beim Spiegel ja damals auch den – absurden – Vorwurf eingebracht, wir hätten Merkel dadurch geholfen, Kanzlerin zu werden, weil wir Schröder nicht genug unterstützt haben. Wer Schröder gestürzt und Merkel zur Kanzlerin gemacht hat, war nach der Wahl 2005 sonnenklar. Es waren die Sozialdemokraten selbst – die SPD hätte nämlich in einer Ampel-Koalition weiter regieren können. Zusammen hatten SPD, Grüne und FDP die Mehrheit. Aber die SPD wollte offenbar lieber als Juniorpartner in der GroKo dienen, statt die Macht zu behalten.

"Drehen konnten wir wegen Corona im Grunde überhaupt nicht."

kress.de: Worin lagen die größten Schwierigkeiten beim Recherchieren und Drehen?

Stefan Aust: Drehen konnten wir wegen Corona im Grunde überhaupt nicht – eine Begleitung der Kanzlerin im Journalisten-Tross war schon aus Mangel an Reisen obsolet und wir haben schnell umgeschaltet. Und das war auch gut so. Jetzt ist es eine rein dokumentarische Geschichte der Kanzlerin und ihrer Zeit geworden.

Marc Lepetit: Die größte Herausforderung liegt in der Quellenlage – und eben darin, an alle Quellen zu kommen. Im Augenblick sind viele Projekte über Angela Merkel in Arbeit – hier herrscht quasi gerade ein Hauen und Stechen um ihr Material. Zusammen mit dem Team von Stefan Aust haben wir aber – neben dem Material aus dem Spiegel TV Archiv – eine Menge Material international einsammeln können. Das ist schon sehr beeindruckend, wenn man merkt, wie die Puzzleteile hier zusammenkommen und eben die Gesamtsicht auf ihre Kanzlerschaft – mit vielen spannenden Details, die man so vielleicht schon vergessen hat – greifbar wird.

"Keine Interviews von Experten, Politkern oder Journalisten – die kann man sich ja ohnehin je nach gewünschter Meinung aussuchen. Das wollten wir nicht."

kress.de: Können Sie das Ergebnis aus Ihrer Sicht ein weniger näher beschreiben: mehr Talking-Heads-Gesprächspartnerparade oder vielleicht sogar auch so etwas wie "gespielte" Schlüsselszenen?

Stefan Aust: Keine Interviews von Experten, Politkern oder Journalisten – die kann man sich ja ohnehin je nach gewünschter Meinung aussuchen. Das wollten wir nicht. Gespielte Szenen auch nicht. Rein dokumentarische Darstellung der Ereignisse, Entscheidungsprozesse, Wendungen etc. so dass der Zuschauer sich selbst ein Bild machen kann. Aber natürlich haben Katrin Klocke und ich unsere Sichtweise durchaus deutlich gemacht, aber zurückhaltend. Es sollte ja auch ein Film von uns sein und nicht von irgendjemand anderem. Die wird es noch zur Genüge geben – von Freunden, Feinden und Interpreten. Wir wollten nüchtern und sachlich herangehen.

kress.de: Wie groß muss man sich den Recherche- und Dreh-Stab eigentlich vorstellen und wie teilt man die Kräfte dafür ein?

Stefan Aust: Wir waren ein vergleichsweise kleines Team. Das waren vor allem Katrin Klocke und ich, unterstützt von unserer Produktionsleiterin Daniela Montoya und einer kleinen Reihe weiterer Kollegen. Dabei war vor allem Janne Gärtner wichtig, die sich intensiv um Material aus Quellen außerhalb von Spiegel TV gekümmert hat. Und immer wieder: Archivar Ulli Meyer von Spiegel TV. Und am Ende als es eng wurde, gab es eine wichtige Unterstützung durch die Cutterin Franka Pohl in Berlin.

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Marc Lepetit: Hier ist es einfach wichtig, Macher:innen an Bord zu haben, die wissen, wo welches Material liegt, um die Geschichte, die man eben erzählen will, zu bebildern! Neben unserer Dokumentation entsteht im Augenblick bei RTL noch ein langer Themenabend – aber auch hier ist diese kompakte Aufstellung einfach sehr hilfreich. Der direkte Austausch mit den Kolleg:innen rund um Michael Wulf, eine enge Vernetzung – da hilft ein kompaktes Team mehr als große Mannschaftsstärke.

"Jede Nähe ist gleichzeitig die Einladung zur Mitbestimmung."

kress.de: Wie schwer war es, sich um exklusive Zugänge zur Kanzlerin zu bemühen?

Stefan Aust: Das haben wir gar nicht erst versucht. Erstens hätten wir sowieso keinen exklusiven Zugang zur Kanzlerin bekommen. Und zweitens ist jede Nähe auch gleichzeitig die Einladung zur Mitbestimmung. Es wird noch genügend Filme oder Bücher geben, die der Kanzlerin das verdiente Denkmal errichten. Wir sind bescheidener an das Projekt "Frau Bundeskanzlerin" herangegangen. Mit Respekt, aber durchaus kritisch. Wir wollten zeigen, wie die Kanzlerin ihren Weg an die Macht gegangen ist, wie sie das Land und natürlich auch ihre Partei verändert hat. Ob das dann jemand positiv oder eher negativ sieht, ist seine Sache. Aber für diese Einschätzung wollten wir das Material liefern.

"Wir haben nicht nach einem Interview gefragt."

kress.de: Wird es so etwas wie ein letztes großes Interview geben und wie würde das eingebunden?

Stefan Aust: Wir haben nicht nach einem Interview gefragt. Aber Passagen eines langen Interviews, das ich selbst gemeinsam mit Frank Schirrmacher 2005 mit Angela Merkel geführt habe und indem es vor allem um ihre Zeit in der DDR geht, sind in dem ersten Teil der Serie enthalten.

kress.de: Dokumentarisches hat zuletzt ja wieder neuen Rückenwind bekommen. Wie standfest ist diese neue Säule bereits für die UFA, die man bislang ja eher mit Fiction in Verbindung brachte?

Marc Lepetit: Wir sind jetzt seit knapp zwei Monaten auf dem Markt – und die ersten Produktionen laufen bereits. Die Zusammenarbeit mit Stefan Aust durfte ich noch aus meiner Zeit bei der UFA Fiction mit in die UFA Documentary bringen. Wir haben auch in der Vergangenheit immer wieder starke Projekte im Dokumentarischen bewegt. Ob "Hannelore Kohl" oder zuletzt "Die Ungewollten" für den NDR oder "Letzte Ausfahrt Jena" für das ZDF – starke Ideen und starke Partner:innen. Diese Projekte haben wir dabei sicher nicht als Liebhaberstücke ins Portfolio der UFA gebracht. Die Eröffnung einer dokumentarischen Unit war für uns also ein großer Wunsch und wir merken auch jetzt schon, dass es vollkommen richtig war diesem Impuls zu folgen. Wir sind auf dem richtigen Weg. Die UFA Documentary möchte mit einem frischen Ansatz und jungem Team sich auch immer wieder neue Fragen stellen und so Stoffe anders anbieten – und man merkt uns das auch in den Gesprächen an. Im Augenblick geht es vor alle darum, Themen zu (be)setzen und mit unseren Perspektiven zu versehen und zusammen mit wunderbaren Kreativen und unseren Partner:innen zu ergründen, wie weit unser Engagement gehen kann. Das macht einfach wahnsinnig viel Spaß und ist inspirierend. Die Synergien, die ein Haus wie die UFA – aber auch im Verbund mit der Bertelsmann Content Alliance – hier einbringen kann, sind gerade im dokumentarischen Filmemachen nicht zu unterschätzen. Und so machte auch "Angela Merkel – Frau Bundeskanzlerin" mit dem Team hinter Stefan Aust und der Zusammenarbeit mit RTL, TVNOW und Spiegel TV komplett Sinn. Wir sind keine Einzelkämpfer – sondern suchen die verschiedenen Perspektiven, Macher:innen und Ansätze, die einen Stoff aufbohren und greifbar machen.

Hintergrund: Die Dokumentation "Angela Merkel - Frau Bundeskanzlerin", die am 29. Juni erstmalig auf dem RTL-Gruppen-Streaming-Dienst TVNOW zu sehen sein wird, kam in Kooperation von UFA, RTL und Spiegel zustande. Neben Marc Lepetit, dem Co-Geschäftsführer der neuen UFA-Tochter UFA Documentary (kress.de berichtete) sind UFA-Boss Nico Hofmann und Sebastian Werninger Produzenten. Stefan Aust, aktuell bekanntlich Welt-Herausgeber, wirkte zusammen mit Katrin Klocke aus Autor des Großprojekts. In Ausschnitten wird sein Doku-Projekt auch zentraler Bestandteil des RTL-Themenabends zum angekündigten Abschied der Kanzlerin von der Macht am 15. Juli im RTL-Hauptprogramm sein.

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