Ende der Zweiklassengesellschaft? Bei der SZ sollen Print- und Online-Redakteure gleichgestellt werden

01.07.2021
 

Bei der Süddeutschen Zeitung sind Veränderungen geplant, die Signalwirkung für die gesamte Branche haben könnten. Print- und Online-Redakteure sollen gleichgestellt werden. Pikant daran ist aber, wie die taz berichtet, dass die Zusammenführung bei der SZ keine Mehrkosten verursachen soll.

Der Verlag der Süddeutschen Zeitung hat der taz bestätigt, dass alle Redakteurinnen und Redakteure der SZ in derselben Verlagsgesellschaft zusammengeführt werden sollen. "Es soll eine Redaktion in einer Gesellschaft für alle Kanäle entstehen", wird ein Verlags-Sprecher von der taz zitiert. Demnach sollen die Veränderungen ab 1. Januar 2022 in Kraft treten, "insofern in den kommenden Monaten alle Detailfragen geklärt werden". Doch dies erscheint gar nicht so einfach.

Bislang arbeiten Print und Online bei der Süddeutschen in zwei parallelen Verlagsgesellschaften. Print-Redakteure sind bei der Süddeutsche Zeitung GmbH angestellt, Online-Redakteure bei der Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH (SZDM), wodurch die Online-Redaktion außertariflich arbeitet.

"Eine solche Parallelstruktur existiert bei der Süddeutschen seit über 20 Jahren. Seit Längerem stören sich die Online-Mitarbeiter an ihr, weil sie den Print-Kollegen gegenüber im Nachteil sind was Bezahlung, Arbeitszeiten und Mitbestimmung angeht. Zwar hatten die Angehörigen der Onlineredaktion zuletzt ein an den Tarif angelehntes Gehalt, waren aber nicht Teil des Tarifvertrags wie die Print-Kollegen", schreibt Peter Weissenburger in seinem Bericht in der taz. 

Wenn die geplante Gleichstellung in der SZ-Redaktion umgesetzt wird, hätten die Onliner tariflichen Anspruch auf gleiches Gehalt, Prämien wie Weihnachtsgeld sowie dieselben Arbeitszeiten und Beiträge für die betriebliche Altersvorsorge. "Für die gesamte Redaktion der Süddeutsche Zeitung GmbH sollen das Regelwerk der tariflichen Vereinbarungen und gleiche Bedingungen gelten", so der SZ-Sprecher gegenüber der taz.

Auch der Betriebsrat Lars Langenau kommt zu Wort und spricht von einem guten Signal für die gesamte Medienbranche in Deutschland. Endlich werde so der Geburtsfehler behoben, der die Redaktion über zwei Jahrzehnte in zwei Klassen geteilt habe.

Pikant ist allerdings die Bedingung, die der SZ-Aufsichtsrat laut taz gestellt haben soll: So dürfe die Zusammenführung keine Mehrkosten verursachen. "Wie das gehen soll, bleibt bislang offen", sagt Betriebsrat Lars Langenau.

Da viele Printleute erheblich besser verdienen als ihre Onlinekollegen, müssten eigentlich Stellen abgebaut  bzw. Stellen nicht wiederbesetzt werden, um diesen Schritt ohne Mehrkosten durchziehen zu können. Es sind also mehr als "Detailfragen", die bis zum 1. Januar 2022 bei der Süddeutschen Zeitung geklärt werden sollen.

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Christoph Schmitz, für Medien zuständiger ver.di-Bundesvorstand, erklärt indes: Das sei "das richtige Signal der Wertschätzung, wenn künftig auch die Onlinerinnen und Onliner von den tariflichen Standards profitieren sollen". "Zugleich ist es ein klares Statement in den Medienmarkt. Die Süddeutsche geht damit selbstbewusst und überzeugt von der Stärke ihrer Produkte aus Print- und Onlineredaktion vor und macht ein nachhaltiges Angebot an Fachkräfte und Seiteneinsteiger in den Journalismus", betont Schmitz in einer Pressemitteilung. Bisher arbeiteten die Beschäftigten der SZ-Online-Redaktion zu schlechteren Bedingungen als ihre Print-Kolleginnen und -Kollegen. Das sei weder gerecht noch zeitgemäß, so Schmitz. Es sei gut, dass die SZ das erkannt habe und nun den richtigen Schritt tue.

In Zeiten, in denen über alle Branchen hinweg immer weniger Unternehmen nach Tarif zahlten und immer mehr Verlage Tarifflucht betrieben, mache die SZ-Geschäftsführung vor, dass es auch anders gehen könne. "An den Menschen zu sparen, heißt auch an der Qualität zu sparen. Gute Bezahlung, eine hochwertige Ausbildung und wertschätzende Arbeitsbedingungen in den Redaktionen schaffen überhaupt erst die Voraussetzungen für ein erstklassiges publizistisches Niveau", stellte Schmitz klar. Dies trage auch dazu bei, das eigene Profil als attraktiver Arbeitgeber zu schärfen. Er forderte andere Verlage auf, dem Beispiel der SZ zu folgen und überkommene Hierarchien zwischen Print- und Online-Redaktionen abzubauen. "Wer die gleiche Arbeit für ein gemeinsames journalistisches Produkt leistet, hat auch einen Anspruch auf die gleichen und vor allem fairen Arbeitsbedingungen", so Schmitz.

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