Junge Medienprofis: So erschöpft sie die Karriere nicht schon zu Beginn

 

Zeit- und Erfolgsdruck, niedrige Bezahlung und wenig Erholung: Viele junge Medienprofis fühlen sich bereits zu Beginn ihrer Karriere erschöpft. Wer langfristig durchhalten will, muss einige Regeln beachten, sagt Mediencoach Attila Albert, der selbst mit 17 Jahren als Reporter angefangen hat.

Vor einigen Tagen las ich im Schweizer Mediendienst Persönlich einen interessanten Artikel, in dem junge Journalisten über zu viel Stress klagten. Als wichtigste Gründe wurden genannt: Lange Arbeitstage ohne klare Abgrenzung vom Privatleben, hohe Arbeitsbelastung und die Pflicht, auch an freien Tagen informiert zu bleiben. Er ließ mich zwiespältig zurück, weil er drei ganz unterschiedliche Aspekte miteinander vermengte: Branchenspezifische, damit nicht vermeidbare Belastungen, gezieltes Ausnutzen durch Arbeitgeber und fehlende persönliche Kompetenzen.

Ich habe einst selbst mit 17 Jahren als freier Reporter bei Bild begonnen und bin mit 20 Jahren als Redakteur angestellt worden. Immer zehn bis zwölf Stunden pro Tag gearbeitet, teilweise wochenlang montags bis sonntags. Zusätzlich habe ich berufsbegleitend studiert, dafür drei Jahre alle Sonntagsdienste übernommen, um in der Woche einen zusätzlichen freien Tag für die Vorlesungen zu haben. Natürlich gab es immer Zeit- und Erfolgsdruck. Gelegentlich auch Auseinandersetzungen mit Vorgesetzten, sei es wegen vertraglicher oder journalistischer Konflikte. Oft anstrengend, aber machbar – ich bin 23 Jahre geblieben.

Tatsächlich ist die Überlastung junger Medienprofis aber spürbarer geworden. Auch in meiner Coaching-Praxis arbeite ich heute regelmäßig mit 20- bis 40-Jährigen, die selbst einräumen müssen, dass ihr Lebensstil langfristig nicht durchzuhalten ist. Mancher rettet sich bereits in das zweite Sabbatical – wissend, dass es danach wie gehabt weitergehen wird. In diesem Beitrag soll es weniger um die Gründe gehen (z. B. zu frühe Beförderung, zu viele Aufgaben, psychische Manipulation). Sondern um Erfahrungen und Möglichkeiten, sich dagegen zu wehren und einen nachhaltigen Arbeits- und Lebensstil zu entwickeln.

Seien Sie sich über Ihre Position klar

Bei aller Begeisterung für den Journalismus, Ihre Medienmarke oder Ihre Kollegen muss Ihnen immer klar bleiben, dass es sich um ein Arbeits- bzw. Vertragsverhältnis handelt. Lassen Sie sich nicht einreden, dass die Firma "wie eine Familie" sei, das Team "eigentlich Freunde" und die Redaktion "wie ein Startup", weil bunte gemixte Wohnzimmer-Möbel und ein Tischfußball aufgestellt wurden und Sie den Chef duzen dürfen. Sie sind trotz allem an einem Arbeitsplatz und mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem klassischen Konzern.

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Als Angestellter werden Sie nach vertraglich vereinbarten Arbeitsstunden bezahlt, nicht nach abgelieferter Leistung wie ein Selbstständiger. Aus rechtlicher Sicht haben Sie mit einer "durchschnittlichen" Leistung bereits Ihre Pflicht erfüllt. Machen Sie mehr, sollten Sie das freiwillig und gern tun. Sie sind nicht dazu verpflichtet, auch wenn Chefs regelmäßig den Eindruck erwecken. Es liegt in Ihrer eigenen Verantwortung, darauf zu achten, dass die Gegenleistung (Gehalt, Zeitausgleich, Extras) stimmt. Idealismus geht zu Ihren Lasten.

Das bedeutet, dass es auch in Ihrer Verantwortung liegt, Grenzen zu setzen, um sich vor Ausnutzen und Überlastung zu schützen. Beispiel: Wenn Sie nach Feierabend noch Aufgaben erhalten, die am Folgemorgen fertig sein sollen, liegt es an Ihnen, einen neuen realistischen Termin auszuhandeln. Ein Profi sagt nicht zu allem Ja, sondern kalkuliert vorher seine Ressourcen (z.B. benötigte Arbeitszeit). Kurzfristig werden Sie damit manche verärgern, langfristig sich aber Respekt erarbeiten.

Machen Sie das Geld zu einer Priorität

Viele Arbeitgeber haben sich auf die – für sie vorteilhafte – Taktik verlegt, schon in den Stellenanzeigen den Eindruck zu erwecken, dass es aufs Geld doch gar nicht so ankäme. So wird unter den angeblichen Vorteilen für Bewerber heute gern aufgeführt, dass man arbeiten dürfe ("sich einbringen", "mitgestalten"), ein Büro und Arbeitsmittel zur Verfügung gestellt würden und es Weiterbildungen gäbe. Gelegentlich auch: Kostenlos Essen oder zumindest Obst und Getränke. Wovon oft nicht mehr die Rede ist: Attraktives Gehalt.

Wenn Sie sich auf dieses Spielchen einlassen, ist die Chance groß, dass Sie auch mit Mitte 30 noch wie ein Student leben und sich nicht einmal eine eigene Wohnung leisten können. Machen Sie daher das Geld vom ersten Tag an zu einer Priorität und verhandeln Sie ein marktgerechtes Gehalt (der Gehaltstarifvertrag gibt eine gute Orientierung). Damit können Sie sich eine Weiterbildung, Essen und Getränke auch selbst leisten. Haben Sie dabei Skrupel, lesen Sie einmal nach, was Ihr CEO oder Chefredakteur etwa verdient.

Grundsätzlich rate ich von langen Praktika und Quersubventionierung (z.B. durch monatliche Zuschüsse der Eltern oder einen Zweitjob) ab. Journalismus ist ein Beruf und kein Ehrenamt. Damit verzögern Sie nur den wichtigen Abgleich zwischen Ihren Wünschen und dem tatsächlichen Arbeitsmarkt. Damit auch eventuell notwendige Kurskorrekturen, etwa den Wechsel zu einem anderen Arbeitgeber oder in ein günstigeres Mediensegment, in dem Sie sich besser entwickeln können.

Achten Sie auf Ihre Ressourcen

Journalismus ist an sich bereits anstrengend. Sie stehen unter aktuellem Nachrichten-Druck, in Konkurrenz zu Kollegen und anderen Medien, werden von Lesern und Öffentlichkeit kritisch beobachtet. Fast immer ist die Arbeitszeit unregelmäßig, müssen Sie sich dazu auch an freien Tagen informiert halten (z.B. die Sonntagszeitungen lesen, damit Sie am Montag direkt wieder einsteigen können). Auf Dauer ist solch ein Pensum nur durchzuhalten, wenn Sie fortlaufend auf ausreichend Abstand von der Redaktion und Ihre Erholung achten.

Sorgen Sie für ein geordnetes, ruhiges Privatleben und einen gemäßigten Lebensstil. Eine weitgehend erfreuliche Beziehung, Freunde und Hobbys, keine unnötigen zusätzlichen Stress-Quellen (z.B. privat ständig auf Social Media, Affären, hohe Schulden, übermäßig Alkohol oder Drogen). Hoffen Sie nicht nur auf den Urlaub oder ein Sabbatical. Organisieren Sie Ihren Alltag so, dass Sie sich im aktuellen Monat immer wieder erholen. Dazu gehört auch, dass Sie zu bestimmten Zeiten nicht erreichbar sind und ausreichend schlafen.

In der Redaktion werden Sie erleben, dass immer neue Aufgaben dazu kommen, die alle angeblich "Priorität 1" sind und man Ihnen dieses Dilemma auch noch als "Empowerment" verkaufen will. Ermitteln Sie Ihre tatsächliche Arbeitsbelastung möglichst konkret und diskutierten Sie mit der notwendiger Härte aus, was nun Vorrang haben soll. Sie sind als Angestellter nicht dazu verpflichtet, ständig die Fehlplanungen des Top-Managements (z.B. zu wenige Mitarbeiter) aufzufangen.

Für einige junge Medienprofis bringt der redaktionelle Alltag die Erkenntnis, dass sie für die psychischen Belastungen dieses Berufes nicht geeignet sind. Missbrauchen Sie nicht z.B. Meditation oder gar Drogen, um diese Erkenntnis hinauszuzögern. Der Wechsel in eine weniger stressige Redaktion oder gar in einen anderer Beruf ist dann die bessere Lösung. Für alle anderen gilt: Sie sind freiwillig dabei und können immer nachverhandeln oder wechseln. Eine berufliche Alternative ("Plan B") stärkt Ihre Position und macht es Ihnen möglich, den "redaktionellen Wahnsinn" eher belustigt als belastet mitzumachen.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA. www.media-dynamics.org.

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