"Die Schläge galten nicht nur mir": Türkischer Journalist Acarer verurteilt Bundesregierung

15.07.2021
 

Der regierungskritische türkische Journalist Erk Acarer beschreibt in der Wochenzeitung Die Zeit, wie er in Berlin zusammengeschlagen wurde. In seinem Beitrag klagt er die deutsche Politik an.

"Ich hocke auf den Treppenstufen. Meine Frau ist total durcheinander, und unsere Tochter weint. Meine Lippen bluten, ich habe Schwellungen am Kopf, und meine Kleider sind blutverschmiert. Die Polizei ist gekommen und auch ein Rettungswagen. Auf dem Weg ins Krankenhaus denke ich, es heißt doch immer, der deutsche Staat sei so gut unterrichtet. Und jetzt wäre ich fast in Deutschlands Hauptstadt gestorben, und das vor meiner Wohnung. Dabei lebe ich nur deshalb in Berlin im Exil, damit so etwas nicht passiert", schreibt Erk Acarer in seinem Beitrag in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung Die Zeit.

Vor einer Woche ist der regierungskritische türkische Journalist in Berlin angegriffen worden. Nach Angaben der Polizei wurde Acarer im Bezirk Neukölln von mehreren Angreifern verletzt. Er erlitt eine Wunde am Kopf und wurde medizinisch behandelt. Der Angriff ereignete sich demnach gegen 21.50 Uhr im Innenhof seines Wohnhauses im Stadtteil Rudow. Zwei Männer hätten den Journalisten geschlagen und getreten, ein dritter Mann habe die Umgebung beobachtet. Als Zeugen aufmerksam wurden, seien die Männer geflohen, teilte die Polizei mit. Der für politisch motivierte Taten zuständige Staatsschutz im Landeskriminalamt (LKA) ermittelt. Zahlreiche Journalisten und Politiker erklärten sich solidarisch mit Acarer.

Er werde sich in Berlin wahrscheinlich nie mehr ganz sicher fühlen, schreibt Acarer in der Zeit. Das liege nicht an seinen Journalisten-Kollegen und ihren Verbänden, die ihn freundlich aufgenommen hätten, und nicht an den Leuten, mit denen er seinen Alltag teile. Es liege wie in der Türkei auch an den Politikern, so Acarer, der noch deutlicher wird: "Es läuft etwas verkahrt, wenn nicht die Texte eines Journalisten Aufmerksamkeit finden, sondern das, was dem Journalisten widerfährt." Acarer findet es peinlich, wenn es heißt: "Deutschland vermochte es nicht, in seiner Hauptstadt einen in der Türkei bekannten Journalisten zu schützen."

Erk Acarer zitiert aus seiner Aussage bei der Polizei. Demnach drohe Deutschland in den politischen Strudel der Türkei hineingezogen zu werden: "Die Schläge galten nicht nur mir. Sie galten allen Journalisten, die ihre Arbeit, egal wo, als Beitrag zur Pressefreiheit und zur Demokratie verstehen. Wichtig ist nicht, dass es mich getroffen hat, sondern dass sich so etwas nicht wiederholt", fordert Acarer in seinem Zeit-Beitrag. Er kündigt an, jetzt erst recht kein Blatt mehr vor den Mund zu nehmen.

Zur Person: Erk Acarer (48) ist ein türkischer Journalist und lebt seit 2017 in Berlin. Er hat für die Zeitungen Cumhuriyet, Habertürk und zuletzt BirGün geschrieben. Acarer wurde zusammen mit anderen Journalisten in der Türkei angeklagt. Vorgeworfen wurde ihnen die Veröffentlichung von geheimen Informationen zur staatlichen Sicherheit und zu Geheimdienstaktivitäten.

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