Wie man mit lokalen True-Crime-Produktionen den Weltmarkt ins Visier nimmt - Köpfe-Interview mit Andreas Weinek

 

True Crime boomt. Und Frauenmörder Jack Unterweger wirft noch immer Rätsel auf. Der langjährige History-Senderchef Andreas Weinek, jetzt Produzent und Dozent, bereitet gerade eine Unterweger-Serie vor, für die sich auch US-Riesen interessieren.

kress.de: Herr Weinek, Sie kennen den deutschen Fernsehmarkt und dort vor allem das eher Dokumentarische wie kaum ein Zweiter. Verraten Sie doch einmal, warum boomt das Doku-Genre gerade so sehr und wie attraktiv macht diese lange nicht so selbstverständliche Wertschätzung die Lage für die Produzenten und Spezialsender?

Andreas Weinek: Wenn große Sendergruppen von Kurskorrekturen in ihrer programmlichen Ausrichtung sprechen und dabei das Thema Doku eine Rolle spielt, läuten natürlich bei den Produktionsfirmen die Alarmglocken und es werden rasch neue Units, die das Genre bedienen sollen aus dem Boden gestampft. Für die Doku - Spartensender ändert sich nur indirekt etwas, etwa durch Lizenzierungen von Programmen aus dem Pay-TV-Bereich in Richtung Free-TV.

"True Crime war schon immer sehr beliebt. Übrigens mit einem überdurchschnittlichen Frauenanteil seitens der Seherschaft."

kress.de: Unter den Programmfarben, die besonders gefragt sind, sticht vor allem True Crime heraus. Reicht den Deutschen der sanfte Realitätsgrusel von über 50 Jahren "Aktenzeichen XY ... ungelöst" doch nicht mehr?

Andreas Weinek: True Crime war schon immer sehr beliebt. Übrigens mit einem überdurchschnittlichen Frauenanteil seitens der Seherschaft. Als ich noch für A+E tätig war und wir den Sender Crime & Investigation gelauncht haben, haben wir umfangreich Marktforschung betrieben und schon damals war klar, dass das Genre auch bei nicht einschlägigen Spartensendern überdurchschnittlich performt.

kress.de: Worin liegt für Sie der spezielle Reiz des Genres aus Produzentensicht?

Andreas Weinek: Doku, wenn man sie gut macht, ist wie Fiction einfach Geschichten erzählen. Und zwar Geschichten, die noch nie oder aus einer völlig anderen Perspektive erzählt wurden. Es hat etwas von Schatzsuche und das Schöne ist, dass man immer wieder fündig wird.

kress.de: True Crime scheint auf ganz vielen Kanälen, gedruckt, im Fernsehen, Streaming, aber auch im Audio-Angebot oder im Podcast zu funktionieren. Wie erklären Sie sich das?

Andreas Weinek: Wir hatten mal eine Kurzserie produziert, die hieß Protokolle des Bösen. Schauspieler wie Fritz Wepper, Michaela May oder Sven Martinek sind in die Rolle von Serienmördern geschlüpft, die der Serienmord Experte Stephan Harbort interviewte hatte, um zu verstehen wie diese Menschen ticken, was sie antreibt. Die Produktion war sehr unaufwendig gestaltet, weil das bloße Hören der Geschichten der Serienmörder das Kopfkino arbeiten ließ, was natürlich hervorragend auch als Podcast funktioniert.

"Dokus zu produzieren setzt ein Höchstmaß an wissenschaftlicher Genauigkeit voraus."

kress.de: Aus Anbietersicht dürfte es nicht ganz leicht sein, wenn man beim Kreativwerden mit der Faktengenauigkeit der Realität konkurriert. Wie hält man als Filmemacher Ihrer Ansicht nach diesen Spagat am besten aus?

Andreas Weinek: Dokus zu produzieren setzt ein Höchstmaß an wissenschaftlicher Genauigkeit voraus. Man kann bei Dokus über zum Beispiel das Dritte Reich nicht salopp was daher erzählen. Wird man hier unglaubwürdig, ist es ganz schnell vorbei. Also Geschichten erzählen ja, aber so faktengetreu wie nur möglich.

"Ein sehr guter Freund von mir war der letzte Anwalt Unterwegers, der bevor dieser Suizid beging sehr vertraut mit ihm war und von daher ein Fundus an noch nicht erzählten Geschichten ist."

kress.de: Einige große, teilweise besonders Schlagzeilen-trächtige Geschichten wurden bereits aufgebohrt und wieder neu nachrecherchiert. Wenn man Sie selbst spontan ins Verhör nehmen würde: Die Geschichte welcher Verbrechen oder welcher Fälle würden Sie selbst noch einmal genauer aufdröseln?

Andreas Weinek: Besonders spannend aus vielerlei Hinsicht ist der Fall Jack Unterweger. Ein sehr guter Freund von mir war der letzte Anwalt Unterwegers, der bevor dieser Suizid beging sehr vertraut mit ihm war und von daher ein Fundus an noch nicht erzählten Geschichten ist. Die Schwester des Anwalts, die in LA lebende Autorin Kathrin Pilz, hat überdies umfangreiche Recherchen sowohl in Kalifornien als auch in Österreich angestellt und Menschen getroffen, die noch nicht über ihre Begegnungen mit Unterweger erzählt haben. Mit ihr gemeinsam entwickle ich gerade den Stoff, und dabei ist mir ihre weibliche Sicht auf diesen unter vielerlei Aspekten einzigartigen Fall sehr wichtig.

"Es ist ein Kriminalfall von internationaler Tragweite, der immer noch viele Ungereimtheiten zurücklässt."

kress.de: Was macht die im Rückblick teilweise ja fast unglaubliche Vita von Jack Unterweger für Sie so spannend und damit vermutlich auch zu einem ergiebigen Stoff?

Andreas Weinek: Es ist ein Kriminalfall von internationaler Tragweite, der immer noch viele Ungereimtheiten zurücklässt.

kress.de: Sie sind selbst promovierter Jurist und dürften als langjähriger Wiener ja die oft etwas speziellen österreichischen Rechtsgepflogenheiten gut kennen. Was hat Sie schon früh an Jack Unterweger gereizt?

Andreas Weinek: Ganz kurz: Dass eine Person durch pures Charisma es geschafft hat, Menschen derart hinters Licht zu führen.

"Wir Medienmenschen sind ja nicht selten selbst von Eitelkeit getrieben. Wenn jemand instinktiv die Kunst beherrscht, mit dieser Eitelkeit der anderen zu spielen, ist er klar im Vorteil."

kress.de: Unterweger war ja nicht nur Frauenmörder, sondern auch ein Mann, der den Umgang mit den Medien perfide beherrscht. Was macht ihm das Spiel so einfach und was kann oder muss man als Fernsehmann daraus ableiten?

Andreas Weinek: Wir Medienmenschen sind ja nicht selten selbst von Eitelkeit getrieben. Wenn jemand instinktiv die Kunst beherrscht, mit dieser Eitelkeit der anderen zu spielen, ist er klar im Vorteil. Was kann man ableiten? Nüchtern und sachlich an die Themen herangehen und das eigene Ego zuhause im Keller einsperren. Darf man als Österreicher diese Metapher überhaupt bringen?

kress.de: Wenn Sie ein wenig auf Ihre jüngsten Wegstufen zurückblicken: Wie wichtig ist es, auf dem umkämpften deutschen TV- und Streaming-Markt mit eigenen Stoffen und Eigenproduktionen Akzent zu setzen?

Andreas Weinek: Ich halte das für enorm wichtig. Wir haben bei A+E ja schon sehr früh – wenn auch mit vergleichsweise geringen Mitteln – damit begonnen. Aber auch Senderfamilien wie beispielsweise Warner Media haben früh erfolgreich mit Eigenproduktionen begonnen. Oder etwa Sky, die höchst erfolgreich mit ihren Eigenproduktionen am Markt reüssieren. Und dass der Streaming-Markt nicht ohne auskommt, liegt auf der Hand.

kress.de: Was früher Landes- und Sprachgrenzen waren, verwischt sich immer stärker: Könnte Ihr Einschätzung nach ein Projekt wie der Unterweger-Stoff auch etwa in den USA funktionieren?

Andreas Weinek: Über die Autorin Kathrin Pilz sind wir bereits mit Networks in den USA im Gespräch. Also ja. Wobei der Fall Unterweger durch seinen expliziten Amerikabezug hier sicher eine Ausnahme darstellt.

kress.de: Sie haben ja vor allem zu ihren History-Zeiten immer wieder Stoffe aus dem deutschsprachigen Raum heraus auf die Reise geschickt: Was müssen deutsche Produzenten berücksichtigen, wenn sie auch ein wenig auf den Weltmarkt schielen und sich dort behaupten wollen?

Andreas Weinek: Wie immer gilt: What's the story, what's new? Gibt es einen internationalen Approach? Sonst wird’s schwierig.

"Meinen Studierenden an der Macromedia und der HFF predige ich permanent: Beginnt jetzt schonn Eure Netzwerke aufzubauen."

kress.de: Sie gelten als ein Mann guter Kontakte. Wie wichtig ist das Netzwerker für Sie – und wie sehr hilft es, ein kresskopf zu sein?

Andreas Weinek: Meinen Studierenden an der Macromedia und der HFF predige ich permanent: Beginnt jetzt schonn Eure Netzwerke aufzubauen. Erstens machts Spaß und zweitens ist es enorm hilfreich, wenn man im Berufsleben auf gut Bairisch "wen kennt, der wo wen kennt". Das hat nichts mit Freunderlwirtschaft zu tun, sondern mit gegenseitiger Wertschätzung. Das sollte man halt immer berücksichtigen.

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