Werden in Zukunft Datenanalysten Chefredakteure ersetzen, Lorenz Maroldt?

03.08.2021
 

kress.de wird 25! In unserem großen Geburtstags-Sonderheft haben wir den wichtigsten und spannendsten Digital-Köpfen unserer Branche eine Frage gestellt. Lesen Sie heute die köstliche und kluge Antwort von Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt zur künftigen Arbeit von Redaktionen.

Werden in Zukunft Datenanalysten Chefredakteure ersetzen, wenn es um Auswahl, Gewichtung und Präsentation journalistischer Inhalte geht, Herr Maroldt?

Chefredakteure waren schon immer auch Datenanalysten. Früher bedienten sie sich vor allem bei den Auflagenzahlen, und wenn sie gut waren, werteten sie dazu konkrete Reaktionen ihres Publikums aus. Das berühmte "Bauchgefühl", auf das manche der alten Herren bis heute so stolz sind, ist im Grunde nichts anderes als Erfahrung, die auf Erkenntnis beruht. Aus dieser Zeit stammen auch einige der vermeintlichen Weisheiten, die sich bis heute halten, zum Beispiel die, dass der Köder dem Fisch schmecken muss, nicht dem Angler. Die scheinbare Schwarmintelligenz der Redaktion, wenn denn ihre Meinung gefragt war, komplettierte das Bild.

Aber eigentlich war das nur eine Art "Blind Dinner", bei dem auch die Köche im Dunklen saßen und aus kargen Zutaten ein Menü zusammenstellten, in der Hoffnung, dass es auch den Gästen schmeckt. Bleiben wir kurz bei der Ernährungsanalogie und springen in die Gegenwart. Dann wäre der endlose Fluss der Texte, der per Social Media, Push-Nachrichten und Websites an uns vorbeizieht, so eine Art Sushi-Laufband: Ständig ist etwas Neues verfügbar, immer wieder schauen wir hin und es hört nicht auf. Aber andauernd müssen wir uns entscheiden, wo wir zugreifen, und diese Entscheidung ist nicht einmal frei. Denn ob die Redaktion oder der Algorithmus (oder der Gast rechts von uns) gerade unser Lieblings-Nigiri entfernt hat (oder eines, das es hätte werden können), das wissen wir nicht. Und die Zeitung, das E-Paper, der Newsletter als abgeschlossene Produkte wären dann unsere etwas teureren Lieblingslokale. Hier müssen wir nicht einmal auf die Karte schauen, wir überlassen die Entscheidung dem Wirt unseres Vertrauens, der unsere Vorlieben, vor allem, wenn sie denen der Mehrheit der Gäste entsprechen, recht genau kennt - aber uns auch gerne mal überrascht.

Und dann drehen wir die Uhr noch ein bisschen weiter. Auf unsere speziellen Vorlieben wird jetzt auch am Nachrichten-Sushi-Band, also der Website, sehr genau Rücksicht genommen, die Redaktions-KI hat uns gut durchschaut. Sie serviert uns Sachen, die uns nach ihrer durchanalysierten Erfahrung gut schmecken könnten. Und das Restaurant unseres Vertrauens, also unsere Zeitung, unser E-Paper, unser Newsletter, weiß dank der ständigen Studie unseres Verhaltens (und des Verhaltens der anderen Gäste) noch besser Bescheid, was wir wollen.

Was macht da noch die Chefredaktion? Ganz klar: Sie lernt die Kultur des Verstehens, lebt sie vor und setzt sie durch. Sie würzt das Menü. Und sie achtet darauf, dass Redaktionen (oder eben die Datenanalysten) neben klugen Entscheidungen immer auch empathische treffen. Eine Leserschaft setzt sich zusammen aus einer Vielzahl von Partikularinteressen, oder, um es politisch zu sagen: aus Minderheiten. Der "beste" Artikel ist deshalb nicht unbedingt jener, der am erfolgreichsten ist. Und bis eine künstliche Intelligenz vielleicht irgendwann tatsächlich mal Medien auch mit Gefühl macht, machen wir unsere Fehler gerne noch selbst.

Lorenz Maroldt, Tagesspiegel-Chefredakteur

25 Jahre kress.de! In unserer 100 Seiten starken Jubiläumsausgabe (hier kostenlos als E-Paper) haben wir diesen klugen Köpfen eine Frage gestellt:

Tijen Onaran (Global Digital Women), Carsten Knop (FAZ), Sebastian Turner (Trafo MediaTech), Jan-Eric Peters (NZZ), Christof Ehrhart (Robert Bosch), Julia Bönisch (Stiftung Warentest), Gabor Steingart (Media Pioneer), Marco Fenske (RND), Ingo Kästner (PMG), Meinolf Ellers (dpa), Jochen Wegner ("Zeit"), Stefan Ottlitz ("Spiegel"), Kai Gniffke (SWR), Daniel Steil (Burda Forward), Lorenz Maroldt ("Tagesspiegel"), Steffi Dobmeier ("Schwäbische Zeitung"), Andreas Arntzen (Wort & Bild Verlag), Carina Laudage (G+J), Jan Ippen (Ippen Digital), Andreas Lenz ("t3n Magazin"), Gerlinde Hinterleitner ("Standard"), Philipp Westermeyer (OMR), Dietmar Wolff (BDZV), Steffi Czerny (DLD Media), Johannes Hauner (SZ), Christoph Bauer (DuMont), Peter Hogenkamp (Scope Content), Monika Schaller (Deutsche Post DHL Group), Johannes Sommer (Retresco), Richard Gutjahr (Journalist), Mirijam Trunk (Mediengruppe RTL), Jule Lumma (VRM), Matthias Bauer (Vogel Communications Group), Philipp J. Jacke (Melo Group).

Ebenfalls im großen 25 Jahre kress.de-Geburtstagsheft:

Entertainer Klaas Heufer-Umlauf gibt im Interview einen nachdenklichen Blick auf die Medien und digitale Trends.

FR-Chef und Digitalvordenker Thomas Kaspar schreibt, wo wir heute stehen und wo jetzt die größten Chancen liegen.

"Ich war nie digitalgläubig, du?": Im Gespräch zwischen Herausgeber Johann Oberauer und kress.de-Gründer Peter Turi war mächtig Feuer drin.

"Keiner verlässt den Raum, bis der Newsletter verschickt ist": kress.de-Chefredakteur Marc Bartl lüftet exklusiv fünf Geheimnisse.

Waren 18 Monate Pandemie eine Chance? Haben die Medien etwas gelernt? Neun Erkenntnisse von n-tv.de-Chef Tilman Aretz.

Lieblingsanekdoten: Woran sich die ehemaligen kress.de-Chefredakteure (u.a. Thomas Kemmerer und Stefan Winterbauer) gerne erinnern.

Wie wir morgen arbeiten werden Sechs Job-Trends, mit denen Medienprofis rechnen müssen, beschreibt Karrierecoach und kress.de-Kolumnist Attila Albert.

"Das Internet ist nichts Greifbares": "Kress"-Gründer Günther Kress über das Digitale – und alles andere.

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