RTL wird jetzt Verleger - was Medienprofis zum Kauf von G+J sagen

09.08.2021
 

Georg Altrogge (Foto) schreibt bei Bild von einer Zäsur auf dem deutschen Medienmarkt, der TV-Sender RTL werde jetzt auch Verleger. Für Ex-stern-Führungskraft Manfred Bissinger ist es eine "Riesenschande", das G+J in den Untiefen von RTL verschwinde. Was weitere Medienprofis sagen und wie Spiegel, SZ & Co den Mega-Deal bewerten.

"Das Ende von Gruner + Jahr" ist besiegelt, schreiben Isabell Hülsen und Alexander Kühn in ihrer Einordnung im Spiegel, die die Überschrift Requiem auf einen Verlag trägt. Die Spiegel-Autoren fragen provokant: Bestimmt der Kölner TV-Sender RTL künftig, was im stern steht?

Es geht um die Übernahme der deutschen Magazingeschäfte und -marken des Hamburger Zeitschriftenverlags Gruner + Jahr durch die RTL-Mediengruppe (kress.de berichtete). Der Abschluss des Mega-Deals in Höhe von 230 Millionen Euro ist für den 1. Januar 2022 vorgesehen. Die Mutter Bertelsmann verfolgt dabei das Ziel, einen neuen nationalen, crossmedialen Medien-Champion zu schaffen. Das neue Unternehmen soll mit Beginn des kommenden Jahres operativ an den Start gehen.

"Das Requiem auf G+J hält Rabe am Vormittag, in Form einer Pressekonferenz. Dabei bemüht er sich, die Veranstaltung nicht wie ein Begräbnis wirken zu lassen. Sondern als Übergang in ein neues, noch schöneres Leben in einer anderen, besseren, crossmedialen Welt. Da Rabe jedoch kein Mann des Pastoralen, sondern der Zahlen ist, wirkt sein Vortrag eher wie ein Management-Seminar", beschreiben Hülsen und Kühn im Spiegel.

Laut Spiegel will Bertelsmann-Chef Thomas Rabe bis zu hundert Millionen Euro an Synergien erwirtschaften. Drei Viertel sollen davon durch Wachstum kommen, "ein Viertel durch Sparen, auch beim Personal", heißt es im Spiegel, an dem künftig nicht mehr G+J sondern Bertelsmann direkt beteiligt ist. Auch die DDV Mediengruppe (Sächsische Zeitung), Territory und Applike werden nicht Teil des neuen Unternehmens. Sie verbleiben bei Bertelsmann. Hamburg wird zudem weiter Sitz von Gruner + Jahr sein.

Nicht wenige G+J-Journalisten sehen offenbar nach Spiegel-Informationen den Großdeal kritisch. Über eine E-Mail von G+J-Chef Stephan Schäfer sei gefrotzelt worden, weil sie mit "Herzliche Grüße, Bernd und Stephan" unterschrieben worden sei. Wer eigentlich dieser Bernd sei, der da so nett mitunterschrieben habe, etwa RTL-Deutschland-Chef Reichart, sollen G+J-Journalisten gefrotzelt haben. Und sei dieser Bernd künftig auch ihr Chef. Bislang ist noch unklar, wer das neue Unternehmen führt.

Hülsen und Kühn führen in ihrem Spiegel-Artikel auch an, dass Rabe in der Pressekonferenz am Freitag beteuert habe, dass es weiterhin das Chefredakteurspinzip gebe, das bei Bertelsmann stets heilig war. "G+J wird keinesfalls die Schreibbank von RTL", wird Rabe zitiert.

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Caspar Busse meint in der SZ: "[...] Hier die vornehmen Zeitschriftenmacher aus Hamburg, dort die eher bodenständigen Fernsehleute aus Köln, die senden, was die Mehrheit sehen will, ohne Rücksicht aufs Niveau. Wie das funktionieren wird, ist unklar. Zumal beide Seiten ja schon seit vielen Jahren die Möglichkeit gehabt hätten, eng zusammenzuarbeiten, es aber vorzogen haben, Abstand zu halten." Auch für die Leser und Zuschauer verheiße das nichts Gutes. "Demnächst werden einander ähnliche Inhalte zu ihnen kommen, dann aber eingeebnet auf vielen Kanälen - Fernsehen, Podcast, digital, gedruckt. Das mag Kosten sparen und mehr Gewinn bringen. Aber muss die Brigitte künftig groß über den 'Bachelor' berichten, läuft der womöglich eines Tages bei RTL als 'Brigitte-TV'?", so Busse.

Die SZ lässt in einem weiteren Artikel den Deal auf von mehreren Medienprofis bewerten. Manfred Bissinger, Publizist und ehemaliger stellvertretender Chefredakteur des stern, wird in seiner Antwort sehr deutlich: "Gruner + Jahr war einmal der publizistische Marktführer in Europa. Dass dieser Verlag nun in den Untiefen von RTL verschwindet, ist eine Riesenschande und ein herber Rückschlag für die freie Publizistik in Deutschland." Bewegtbilder und Magazine seien wie Feuer und Wasser - das passe nicht zusammen.

Annette Milz, Herausgeberin des medium magazin, findet, die beiden Marken G+J und RTL hätten sich in den vergangenen Jahren trotz ihrer redaktionellen Eigenständigkeit kulturell ja schon angenähert, der Unterschied zwischen RTL und dem stern sei gar nicht mehr groß. "Für den Spiegel, an dem Gruner + Jahr Anteile hält, die aber nicht in diese Fusion eingehen, wäre ein Zusammenschluss mit RTL viel schädlicher gewesen", so Milz. Die Medienjournalistin stört das Argument, dass nach der Fusion ein Gegenspieler zu Amazon oder Netflix entstehen werde. Der Unterschied sei doch: "Amazon ist eine Marke, die mit einer Stimme spricht. Wie sollen Stern, Geo, Brigitte und RTL denn mit einer Stimme sprechen?"

Hans Mahr, Medienberater und ehemaliger Chefredakteur von RTL, weist auch darauf hin, dass das "Lead-Medium von Gruner" nicht zu RTL komme: "Die Spiegel-Redakteure wollten partout nicht unters gemeinsame Dach RTL - dabei wäre diese Fusion diejenige gewesen, die am meisten Sinn macht: Die Spiegel-TV-Kanäle als seriöser Teil des RTL-Imperiums, also ntv mit wirtschaftlichem, Spiegel-TV mit politischem Fokus, der History-Kanal parallel zu Vox, der Doku-Kanal als Ergänzung zu RTL. Damit könnte der von Bertelsmann-CEO Thomas Rabe zu Recht herbeigesehnte "National Champion" tatsächlich entstehen", so Mahr in der Süddeutschen Zeitung. 

Als eine "Katastrophe für den stern", empfindet es die langjährige Leiterin der Henri-Nannen-Schule, Ingrid Kolb, weil dieses einst sehr wichtige, stolze Blatt durch die Übernahme zu einer Zugmaschine für RTL-Projekte herabgewürdigte werde. 

Im Handelsblatt meldet RTL-Gründungschef Helmut Thoma indes Zweifel an: Die Idee des Medienverbunds sei oft gescheitert. Das, was jetzt bei G+J und RTL passiert, kommt ihm eher vor wie ein Art Abwicklung des einstigen Großverlags und ein Marketingkonzept vor.

Ralf-Dieter Brunowsky, lange Chefredakteur von Capital, kommentiert auf Meedia: "Dass ausgerechnet RTL die wahre Führung der Medieninhalte übernimmt, ist ein strategischer Gau. Der Qualitätsanspruch und die Reputation von G+J sollten eher Herr über RTL werden als umgekehrt. Da hilft auch nicht der Einkauf prominenter Nachrichtensprecher vom Öffentlich-Rechtlichen. Es wäre besser - auch ehrlicher - gewesen, den Hamburger Verlag komplett oder in Einzelteilen zu verkaufen, so wie es der Verlag Axel Springer mit dem vormaligen Kern seiner Printmedien außerhalb von 'Welt' und 'Bild' durchgezogen hat." Die Fusion sei in Wahrheit die letzte Phase eines sterbenden Verlags.

Brigitte Baetz merkt im Deutschlandfunk an, es sei fast so etwas wie Ironie der Geschichte, dass zwei Tage vor der Übernahme des G+J-Zeitschriftengeschäfts Gerd Schulte-Hillen gestorben sei. Baetz Fazit: "Wie man es dreht und wendet: Mit der Fusion dürfte der Traditionsverlag Gruner+Jahr, wie man ihn unter Schulte-Hillen kannte, langfristig Geschichte sein."

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