Maßlose Selbstüberschätzung: SZ nimmt Corona-Titel der Bild-Zeitung auseinander

11.08.2021
 

"Kanzlerin, wir wollen Einigkeit und Recht und Freiheit": Die Titelgeschichte der Bild-Zeitung sorgt für Wirbel - auch in der Medienbranche. Die Süddeutsche Zeitung wirft dem Springer-Blatt in einem Kommentar "maßlose Selbstüberschätzung" vor. Und auch die AfD schaltet sich in die Debatte ein.

Harald Hordych, stellvertretender Leiter SZ Wochenende, schreibt in einem Kommentar in der Süddeutschen Zeitung:

Das "wir" war immer wichtig in der Politik, weil ohne Wir kein "die" oder "ihr" oder "sie" - wo Gegnerschaft gefragt war, braucht es das Personalpronomen in der ersten Person Plural, und wo hat man das besser anbringen können als beim Sport, wenn wir Weltmeister oder Europameister wurden, und sei der Triumph auch in einer Einzelsportarbeit erkämpft - wir haben schon so viele Goldmedaillen gewonnen, und wenn uns jemand darauf aufmerksam gemacht hat, dann die Bild-Zeitung, die uns auch zum Papst gemacht hat.

Hordych findet das "Wir" im Sport zwar aufdringlich und anmaßend, aber es sei zumindest nur halb gelogen, weil es nicht schwer sei anzunehmen, dass mindestens die Hälfte der Deutschen und vielleicht sogar ein bisschen mehr sich freuten, wenn der Ball im Tor der Nicht-wir-Fraktion lande. Schwierig wird es nach Meinung des SZ-Journalisten aber, wenn die Bild-Zeitung - wie in ihrer Dienstagsausgabe - titele "Kanzlerin, wir wollen Einigkeit und Recht und Freiheit", und dann eine Reihe von Forderungen aufstelle, von denen niemand wisse, ob sie in dieser Form drei oder 30 oder 70 Prozent der Deutschen teilten.

So heißt auf dem Bild-Titel:

Schluss mit Einschränkungen unserer Grundrechte +++ Wir wollen demonstrieren dürfen +++ Wir wollen, dass jeder in die Kirche darf oder ins Fußballstadion +++ Jeder kann sich impfen lassen, wir brauchen Ihre Vorschriften nicht.

"Wir? Betrifft das die Bild-Redaktion? Die Chefredakteure Alexandra Würzbach und Julian Reichelt? Oder wir, die schon Papst waren und Fußball-Weltmeister in Brasilien, durch den Wir-Torschützen Mario Götze?", fragt Hordych in der SZ. Er führt in seiner Kritik die jüngste ARD-Deutschlandtrend-Umfrage von Infratest (2. bis 4. August) an. Diese hat ergeben, dass die Hälfte der Wahlberechtigten die Corona-Maßnahmen weiter für angemessen hält. Nur ein Viertel hält sie für übertrieben. Und: "Einem Fünftel und damit mehr als im Frühsommer gehen sie im Umfeld leicht ansteigender Inzidenzwerte nicht weit genug", zitiert Hordych die Infratest-Analyse weiter. "Übrigens sicherlich auch, weil dieses Fünftel mal wieder in die Kirche will. Oder ins Fußballstadion", merkt der SZ-Autor an.

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In dem Aufmacher geht Bild auch (wieder) die Öffentlich-Rechtlichen an: "Schluss mit Corona-Propaganda bei ARD und ZDF", heißt es dort. "Immer wieder machen uns die Öffentlich-Rechtlichen Angst vor Corona. Selbst bei der Eurpameisterschaft mit vollen Stadien vermiesten sie uns die Stimmung, warnten vor dem Wahnsinn den Boris Johnson hier betreibe", meint Bild.

Auf Twitter schaltet sich indes die AfD Berlin in die Debatte mit ein - was von einigen Medienprofis kritisch aufgenommen wird: "Besser spät als nie. #DankeBild für die Übernahme sämtlicher AfD-Positionen. Zurück zur Normalität", postet die Partei.

Die SZ greift dies am Dienstag auf und veröffentlicht unter der Überschrift: "Corona: Die Bild-Zeitung übernimmt AfD-Forderungen" einen Artikel. Am Mittwoch ist das Stück nicht mehr abrufbar.

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