Als säße er auf einer Kirchenbank: Reporterin Margrit Sprecher über ihr Treffen mit Claas Relotius

12.08.2021
 
 

Anfang Juni meldete sich der Fälscher Claas Relotius erstmals in einem Interview zu Wort: Die Schweizer Reporterlegende Margrit Sprecher traf ihn mit einem Kollegen gleich mehrfach und zeichnete 25 Stunden Material auf. Wie sie Relotius dabei erlebte, hat sie für das medium magazin aufgeschrieben.

Auszug aus dem aktuellen medium magazin 3/2021 - Text Margrit Sprecher:

Die nachfolgenden Beobachtungen und Schilderungen geben allein meine subjektiven Eindrücke über unsere Begegnungen mit Claas Relotius wieder. Sie sind nicht als objektiver Befund zu seiner Person oder seinem Verhalten zu verstehen.

Eigentlich hatten wir einen anderen Treffpunkt erwartet. Eine düstere Kneipe zum Beispiel, in der das Reden leichtfällt. Oder einen türkischen Imbiss am Stadtrand, wo mit Sicherheit keine „Spiegel“-Leser verkehrten. Schließlich wurde Claas Relotius seit 18 Monaten von seinen Opfern gesucht, die endlich eine Entschuldigung für seine Lügen hören wollten. Oder wenigstens eine Erklärung. Doch Claas Relotius wählte ein Bistro mitten in Hamburg. Damit nicht genug. Er saß draußen, in der prallen Sonne und an einem Tisch, an dem alle Gäste vorbeimussten. Ganz so, als stellte er sich freiwillig an den Pranger. Trotzdem sah kein Passant zweimal hin oder verlangsamte den Schritt: Auch wir übersahen ihn fast. Zu reglos sein langer, zusammengeklappter Körper und sein in die Ferne gerichteter Blick. Ja, fast schien er Teil des Mobiliars zu sein.

[...]

Zum Interview in Hamburg zogen wir vom Bistrogarten in den ersten Stock um. Fünf Stunden lang harrte Relotius so gesammelt und aufrecht hinter dem Tisch aus, als säße er auf einer Kirchenbank. Nie streckte er, auf vorsichtige Platzeroberung erpicht, seine langen Beine aus, nie machte seine Hand eine unkontrollierte Bewegung. Nur sein Hirn stand unter Strom. Sein Redefluss war druckreif, häufig schien er beim Satzanfang schon zehn Gedanken weiter zu sein. Um sicherzustellen, dass wir alles richtig mitbekommen hatten, schickte er uns am Tag danach ein dickes Paket wissenschaftliche Publikationen über psychotische Störungen, die wichtigsten Stellen gelb markiert. Das Material sollte wohl eine perfekte Anleitung zum großen Relotius-Verstehen sein. Alles Rätselhafte, Unverständliche und Empörende an seinen Taten erschien als eine Folge von zu viel Dopamin, einem neuralen Botenstoff im Gehirn, was zu Erinnerungsverfälschung, Gedächtnislücken und Wahnvorstellungen führte. Darüber, sagte Relotius, spreche er auch mit seinem Psychiater.

Doch gab es diesen Psychiater wirklich? Fragten wir uns. Relotius hatte schon viele Menschen erfunden. In einer Geschichte zauberte er eine Frau aus dem Hut, die sich freiwillig Hinrichtungen in Texas anschaute. In einer andern besuchte er syrische Kindersklaven, die es ebenso wenig gab. Was, wenn Relotius den Psychiater nur erdichtete, um seine Krankheit glaubhaft zu machen? Oder um sich selbst zu überzeugen, krank zu sein? Wir wollten den Psychiater kennenlernen. Relotius wehrte ab: Der Psychiater sei übervorsichtig. Dann wieder platzte der Termin in letzter Minute. Unser Gefühl verstärkte sich: Wir waren mittendrin in einer neuen Relotius-Geschichte. Schwankend zwischen Zweifel und Hoffnung warteten wir schließlich an einem weiteren Date auf Relotius. Dass er erst in letzter Minute auftauchte, war gewissermaßen sein Markenzeichen. Manchmal, so erfuhren wir später, kam er überhaupt nicht. Oder erst, wenn schon niemand mehr mit seinem Erscheinen rechnete. Manchmal blieb er nur kurz, manchmal sprach er kaum. All das erhöhte die Kostbarkeit seiner Anwesenheit. Es umgab ihn, wurde uns geschildert, eine geheimnisvolle Aura, die in seiner Umgebung das Gefühl weckte: Sicher besprach er Wichtigeres mit wichtigeren Leuten.

Doch Relotius erschien mit dem Elf-Uhr-Glockenschlag. Und den Psychiater gab es wirklich.

...

Wie der Ton schärfer wurde und warum Magrit Sprecher sich schließlich fragte: "Waren wir nicht längst zu Co-Therapeuten geworden?", können Sie in der kompletten Relotius-Aufmacherstory im medium magazin lesen. Dort gibt es auch ein Gespräch mit Daniel Puntas, der mit Claas Relotius zusammen mit Sprecher interviewt hat. 

Hintergrund: kress.de erscheint wie medium magazin im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteur ist Alexander Graf.

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