Gehasst für den Arbeitgeber: Wie Medienprofis mit Ablehnung umgehen können

 

Medienprofis sehen sich oft persönlicher Kritik ausgesetzt, die sich eigentlich gegen die Positionen und Arbeitsweise ihrer Arbeitgeber richtet. Von Lesern bzw. Nutzern und Branchenkollegen, manchmal selbst von Freunden. Mediencoach Attila Albert sagt, wie Sie damit umgehen können.

Den Redakteur einer Boulevardzeitung zermürbte es zunehmend, dass seine Redaktion anscheinend überall auf Social Media und sogar in seinem Freundeskreis gehasst wurde. Ähnlich ging es der Chefreporterin einer Frauenzeitschrift. Sie interessierte sich persönlich für Prominente und Adel, hörte aber oft den Vorwurf, sie würde "die Leser verdummen", und sämtliche Beiträge seien frei erfunden. Die Redakteurin eines konservativen christlichen Magazins belastete die Unterstellung, sie würde "den Rechten in die Hände spielen". Der Redaktionsleiter eines Regionalportals dagegen kämpfte, seit eine Paywall eingeführt worden war, mit wütenden Leserkommentaren auf seinem privaten Facebook-Profil.

Viele Medienprofis finden sich in der unangenehmen Situation wieder, eigentlich für ihren Arbeitgeber angefeindet zu werden. Von Lesern bzw. Nutzern, Branchenkollegen und manchmal sogar im Freundeskreis. Oft kann ihnen gar kein schwerwiegendes persönliches Verschulden vorgeworfen werden. Man lastet ihnen die politischen Positionen oder die Arbeitsweise des Unternehmens an. Wie damit umgehen, ohne zu verbittern oder zynisch zu werden? Da ich mit Coaching-Klienten in meiner Praxis häufig zu diesem Thema spreche, dafür heute einige Empfehlungen.

Sie müssen nicht alles verteidigen

Bei generellen Vorwürfen gegen das Medium, für das Sie arbeiten, gilt: Sie müssen nicht alles verteidigen oder rechtfertigen, was dort je erschienen oder vorgefallen ist. Etwa als Stern-Redakteur direkt zurückschlagen, wenn Ihnen jemand heute noch die gefälschten Hitler-Tagebücher von 1983 vorhält. Geht es um einzelne Beiträge von Kollegen, ist als Ihre Antwort völlig legitim: "Persönlich hätte ich das Thema anders angepackt" oder "Der Kollege hat hier eine andere Meinung als ich". Bei grundsätzlicher Ablehnung kann man bestätigen: "Es stimmt, was wir machen, gefällt nicht jedem – muss es aber auch überhaupt nicht."

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Gleiches gilt für Beiträge, die Sie einmal produziert haben, mit denen Sie inzwischen aber selbst nicht mehr glücklich sind. Auch hier ist es nicht ehrenrührig, offen zuzugeben: "Heute würde ich das anders machen." Es ist normal, dass sich Ihre Bewertungen im Verlauf Ihrer journalistischen Karriere und persönlichen Entwicklung verändern. Damit zeigen Sie, dass Sie dazulernen. Eine entspannte, ehrliche Reaktion ist entwaffnender, als wenn Sie selbst bei einem erkannten Fehler noch darauf beharren würden, es eigentlich doch richtig gemacht zu haben. Lassen Sie sich also nicht unnötig in die Enge treiben.

Inhaltlich eigene Position finden

Zu oberflächlich wäre es aber, jede Kritik direkt beiseite zu wischen oder als Preis der Popularität zu deuten. Nach dem Motto: Viel Feind, viel Ehr’. Natürlich haben viele Kritikpunkte einen wahren Kern, auch wenn sie unangemessen vorgetragen oder böswillig übertrieben wurden. Wer seinen Frieden damit machen will, sollte sich daher mit wiederkehrenden Argumenten differenziert auseinandersetzen und seine eigene Position dazu finden. Als Medienprofi kennen Sie auch die Zeit- und Erfolgszwänge, die zu einzelnen Fehlern oder zweifelhaften Konzepten und Methoden geführt haben.

Reflektieren Sie also Ihre eigene Arbeit: Setzen Sie sich auch mit den heiklen Seiten des Mediums auseinander, für das Sie arbeiten. Wie stehen Sie dazu und warum arbeiten Sie trotz möglicherweise berechtigter Kritik dort? Eventuell ist Ihre Antwort ganz pragmatisch: Wegen des Einkommens und weil Ihnen die Arbeit insgesamt Spaß macht. Alles andere interessiert Sie weniger. Oder Sie sehen sich eher als Dienstleister: Sie wollen dem Leser bzw. Nutzer überlassen, ob das redaktionelle Angebot seine Berechtigung hat. Ihre eigene Antwort kann auch ganz anders ausfallen. Je klarer, desto leichter Ihr Umgang mit Kritik.

Auf die Außenwirkung achten

Viel unnötige Kritik vermeiden Sie mit einem vorbeugenden Image-Management in eigener Sache. Sehen Sie dafür regelmäßig Ihre bisherigen Social-Media-Beiträge und die Google-Ergebnisse bei der Suche nach Ihrem Namen durch. Entscheiden Sie, was Sie heute so nicht mehr im Internet sehen wollen. Es ist durchaus möglich, einen missglückten redaktionellen Beitrag früherer Jahre noch nachträglich zu ändern oder ganz löschen bzw. wenigstens die Autorenzeile entfernen zu lassen. So etwas zahlt sich z. B. aus, wenn Sie später einmal auf- oder umsteigen und man Ihre bisherige Arbeit kritisch prüfen wird.

Hilfreich ist es, wenn Arbeitgeber wiederkehrende Vorwürfe identifizieren und vorbereitete Argumentationshilfen dafür z.B. im Intranet bereitstellen. Beispiel: Die regelmäßige Kritik von Lesern an einzelnen Journalisten, weil sie auf Facebook einen Artikel geteilt haben, der ein Abo erfordert. Hier ist es unnötig aufreibend für den einzelnen Medienprofi und schädlich für das Unternehmen, jedes Mal in Grundsatzdiskussionen einzusteigen, die bald eskalieren. Bedenken Sie bei derartigen Reaktionen immer, dass Ihre Antworten öffentlich sind und z.B. durch archivierte Internetseiten oder Screenshots eventuell auch dauerhaft bleiben.

Diskussionen ja, aber ausgewählt

Schon nach einigen Berufsjahren wird Ihnen klar sein, dass gewisse Diskussionen völlig fruchtlos sind. Wenn nämlich die Beteiligten nur auf ihren Ansichten beharren wollen oder vom Thema kaum etwas verstehen. Hier empfiehlt sich die Feedback-Regel: Sich für die Meinung bedanken, ohne sie weiter zu kommentieren, und noch alles Gute wünschen. Ansonsten können Diskussionen mit Kritikern durchaus für beide Seite bereichernd sein, selbst wenn Ihre Ansichten unterschiedlich sind (z.B. zu journalistischer Ethik in Theorie und umsetzbarer Praxis). Suchen Sie sich also aus, mit wem Sie streiten wollen.

Eine gefährliche Versuchung ist es, auf Kritik mit Abschottung zu reagieren: Sich nur noch mit Kollegen und Freunden zu umgeben, die gleiche Ansichten haben und auf Kritik sofort mit Gegenangriff zu reagieren. Ersteres schwächt langfristig ein realistisches Selbstbild und verführt zur Fehlannahme, dass doch eigentlich alle denken wie man selbst. Zweiteres fördert die Verhärtung und Radikalisierung der eigenen Positionen. Achten Sie daher auf einen gut gemischten Freundeskreis, in dem Sie immer auch ganz andere Ansichten als die eigenen hören – aber gegenseitig respektvoll und interessiert.

Eigenen Überzeugungen folgen

Möglicherweise können Sie sich insgesamt sehr gut mit Ihrem Medium identifizieren, damit auch mit Kritik gut leben. Dann sollte das nicht in Arroganz umschlagen, indem Sie z.B. auf Social Media jede Kritik direkt abkanzeln. Sie werden die Dinge möglicherweise auch einmal anders sehen (z. B. nach dem Wechsel des Chefredakteurs, mit dem ein neuer redaktioneller Kurs einhergeht). Ein versöhnlicher, respektvoller Stil zahlt sich langfristig für Sie aus, weil Sie sich nicht unnötig Feinde machen. Antworten Sie auf öffentliche Kritik so, dass Sie trotz unterschiedlicher Ansichten noch Freunde bleiben oder werden können.

Sollten Sie gerade in der Situation sein, dass Ihr Medium weitgehend Ansichten vertritt, die Ihren eigenen völlig widersprechen: Kurzfristig (6-12 Monate) lässt sich das ignorieren, indem Sie sich auf Ihre Arbeit konzentrieren und alles weitere möglichst ausblenden. Es auch schon aus praktischen Gründen meist gar nicht möglich, immer sofort zu wechseln. Mittelfristig (1-3 Jahre) besteht das Risiko, dass Sie ins "innere Exil" flüchten, lethargisch oder zynisch werden. Wenn Sie externer Kritik an Ihrem Arbeitgeber insgeheim seit langem schon zustimmen, dann ist eine Veränderung für Sie überfällig.

 

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