Klaas Heufer-Umlauf: "Oft werden in Medien Wahrheiten verkürzt oder eingefärbt"

 

Klaas Heufer-Umlauf ist einer der erfolgreichsten deutschen TV-Entertainer, aber nicht bloß ein Spaßmacher. Im Interview, erschienen im Sonderheft zum 25. Geburtstag von kress.de, wirft er einen nachdenklichen Blick auf die Medien. Und er sagt, wie er mit Beleidigungen im Netz umgeht, warum er kein Facebook-Profil hat, Twitter für ihn aber wichtig bleibt.

kress: Herr Heufer-Umlauf, lassen Sie uns über Ihre Mediennutzung sprechen: Wenn der Wecker klingelt: Zu welchen News-Quellen greifen Sie denn dann?

Klaas Heufer-Umlauf: Momentan gilt mein erster Blick dem Wetterbericht auf dem Handy. Keine Nachrichten ganz in der Früh.

kress: Warum?

Heufer-Umlauf: Ich will erst mal eine Stunde lang außen vor sein. Der Griff nach dem Telefon hat Suchtpotenzial. Ich versuche mich da ein wenig zu disziplinieren. Nach Möglichkeit sehe ich mir die Berichterstattung des Morgens erst etwas später an – aber dann auch wirklich alles. Üblicherweise findet mein komplettes Leben und auch in großen Teilen mein Arbeitsalltag übers Handy statt.

kress: Also kein morgendlicher Ringkampf mit dem Nachbarshund um die versabberte Tageszeitung?

Heufer-Umlauf: Tageszeitung lese ich zumindest nicht morgens. Ich gehöre schon noch zu der Gruppe von Menschen, die eine Zeitung abonniert haben. In der Lebensphase bin ich noch nicht angekommen, dass ich morgens in Ruhe Zeitung lesen könnte.

kress: Kann ja noch geschehen.

Heufer-Umlauf: Mein Vater hat das gern gemacht. Er hat mir auch das Zeitunglesen beigebracht. Als ich klein war, hat mein Vater mit mir geübt, unsere Lokalzeitung zu lesen – die "Nordwest-Zeitung". Keine schlechte Schule. Heute geraten ja immer mehr Menschen in Schwierigkeiten im Umgang mit klassischen Medien. Dabei ist es doch wichtig, unterscheiden zu können: Was sind seriöse Informationen, was sind unseriöse? Wenn man da nicht früh herangeführt wird, wird es irgendwann schwer, Vertrauen aufzubauen.

kress: Sie spielen auf zunehmende Medienskepsis, auch die Ablehnung von Journalisten allgemein an.

Heufer-Umlauf: Solche Anti-Haltungen gab es ja schon außerhalb von Krisenzeiten. Aber nun ist es meiner Wahrnehmung nach schlimmer. Es werden ja ganz klar und absichtlich Fake News im Gewand normaler Berichterstattung verbreitet, um dieses Misstrauen zu stärken. Da ist das Problem nicht das versehentliche Nichtverstehen des Lesers, sondern gezielte Falschinformation. Hier ist Journalismus oft nicht von seiner Imitation zu unterscheiden, bis hin zu Deep Fakes, die einmal online, praktisch unlöschbar weiter existieren.

kress: Sie meinen die Möglichkeit, etwa Bilder und Videos technisch so zu manipulieren, dass sie von Nichtexperten kaum mehr zu entlarven sind.

Heufer-Umlauf: Exakt. Wir müssen eine Möglichkeit entwickeln, wie Menschen an Medien herangeführt werden – und zwar nicht nur Kinder und Jugendliche. Ich meine damit alle Mediennutzer. Nur so können die Menschen wieder Vertrauen in die Medien fassen.

"Vieles, was im Internet oder im Gedruckten steht, ist zwar nicht gelogen, aber unvollständig und damit falsch deutbar."

kress: Wie könnte so etwas konkret aussehen?

Heufer-Umlauf:
Man muss ganz vorne anfangen. Und am besten in der Schule die Grundlagen seriöser Berichterstattung vermitteln. Was sind überhaupt noch Nachrichten, was ist purer Populismus? Was ist nur so halb wahr, was ist aufgeblasen? Wo wird aus Gründen der Zuspitzung Wichtiges weggelassen? Vieles, was im Internet oder im Gedruckten steht, ist zwar nicht gelogen, aber unvollständig und damit falsch deutbar. Wo fängt Meinung und Subjektives an und wo hört sachliches, neutrales Vermitteln auf? Ein Riesenproblem.

kress: Wie meinen Sie das?

Heufer-Umlauf: Vielen Medien gelingt es zwar, dass man ihnen keine Lügen vorwerfen kann. Aber oft werden Wahrheiten verkürzt oder eingefärbt. Nur weil einem keine Lüge vorgeworfen werden kann, bedeutet es nicht, dass es deswegen keine tendenziöse Berichterstattung ist, die ein anderes Ziel verfolgt, als einfach nur zu informieren.

kress: Wird man als Prominenter in diesen Fragen besonders sensibel? Das Verkürzen ist auf dem Boulevard ja üblich. Aber wie schnell ist für Sie der Spaß vorbei, wenn einen diese Mechanismen selbst treffen?

Heufer-Umlauf: Ich stelle eine spürbare Radikalisierung fest. Die Leute vertreten ihre Meinungen immer entschiedener – etwa beim Thema Corona. Ist ja auch zulässig, ich spreche hier aber von kuriosen Thesen tief aus dem Rabbit Hole. Einzelne Verschwörungstheoretiker mag man ja vielleicht noch belächeln. Die Lage ist aber ernst. Und die Anziehungskraft von sogenannten alternativen Fakten – auch natürlich ein Problem aus einer Zeit weit vor Corona – ist noch mal sprunghaft angestiegen.

kress: Was hat sich für Sie im Umgang damit im Vergleich zur Vor-Krisen-Phase geändert?

Heufer-Umlauf: In meiner Auffassung wirkte die Pandemie auch als eine Art Aktivierung für Krudes und Gefährliches. Plötzlich geriet viel bereits existente Verwirrung, die sich aber bis dato in irgendwelchen Nischen und dunklen Ecken des Internets verborgen gehalten hatte, ans Licht der Öffentlichkeit und ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Und am Ende des Tages schlagen irgendwelche Ingrids und Uwes mit ihren Tchibo-Regenschirmen auf die Polizei ein. Wie sollte sich in so einem Informationsüberangebot nun derjenige zurechtfinden, der vorher schon nicht verstanden hatte, was es heißt, eine Quelle zu prüfen?

kress: Sie sind ja selbst recht aktiv, etwa bei Twitter. Wann ist bei Ihnen der Punkt erreicht, dass Ihnen nach der Beschäftigung mit sozialen Medien der Kopf schwirrt und Sie das Handy nur ausmachen wollen? Heufer-Umlauf: Überdruss stellt sich bei mir täglich ein. Und er wird stärker, je mehr ich mich mit der Aggressivität der Leute auseinandersetze. Mich trifft es schon, wie selbstverständlich Menschen im Netz beleidigt werden.

"Ich habe gelernt, Beleidigungen in den sozialen Medien nicht persönlich zu nehmen."

kress: Wie gehen Sie mit solchen Fällen um – auch wenn es Sie selbst trifft?

Heufer-Umlauf: Ich habe schon gelernt, Beleidigungen in den sozialen Medien nicht persönlich zu nehmen. Von meiner Erziehung her und aus meinem Wertekonstrukt heraus finde ich das Beleidigen im Netz aber einfach unanständig. Genauso wie es mich auch ärgert, wenn sich jemand auf der Straße mir oder anderen gegenüber unfreundlich verhalten würde. Andererseits muss man differenzieren: Es gibt gewaltige Kultur-Unterschiede in den sozialen Medien – ob man jetzt etwa Instagram oder Facebook betrachtet.

kress: Inwiefern konkret?

Heufer-Umlauf: Bei Facebook hatte ich noch nie ein Profil. Und ich bin mir recht sicher: Dieser Zug ist zum Glück abgefahren. Aber auch Twitter befindet sich im Wandel.

kress: Wie meinen Sie das?

Heufer-Umlauf: Es ist sehr davon abhängig, in welcher Ecke von Twitter man sich aufhält. Es existieren dort viele Bubbles nebeneinanderher. Ob man sein Twitter-Erlebnis gut findet oder nicht, hängt sehr davon ab, wie man sich seine Bubble dort selber zusammengebaut hat – unabsichtlich oder absichtlich. Aber Twitter hat für mich einen besonders wichtigen Nutzen.

kress: Und der wäre?

Heufer-Umlauf: Twitter funktioniert für mich gut als Frühwarnsystem. Es ist für mich ein Nachrichtenübermittler und eine Plattform für gewisse Leute, die die Disziplin, ein Angebot wie Twitter vernünftig zu nutzen, selbst mitbringen. Diese Disziplin wird vom Medium nicht vorgegeben.

kress: Wie sieht denn für Sie Ihre Faustregel für die Art und die Aufteilung Ihrer Posts aus? Vieles, was Sie auf Twitter und Instagram machen, kann man ja als Werbung für die Shows oder Ihre Formate sehen. Anderes verlinken Sie ohne Bezug zur eigenen Arbeit.

Heufer-Umlauf: Das entwickelt sich bei mir aus dem Bauch heraus. Für mich gibt es kein Prinzip oder eine feste Regel. Bei Instagram gibt es andere Regeln als bei Twitter – und auch ein bisschen anderes Publikum. Aber das geht mir als Moderator ja ähnlich.kress: Inwiefern?Heufer-Umlauf: Ich weiß immer, auf welcher Bühne ich stehe. So ist mir durchaus bewusst, dass ich etwa bei "Late Night Berlin" etwas anderes sagen muss als bei der Eröffnung der Medientage München. Man braucht ein Gespür für Situationen. Nicht nur im echten Leben, sondern auch digital.

Das Interview mit Klaas Heufer-Umlauf ist ein Auszug aus einem langen Gespräch mit ihm, erschienen im Sonderheft zum 25. Geburtstag von kress.de, das Sie hier kostenlos herunterladen können.

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