Axel Ganz über die G+J-Übernahme durch RTL: "Fernsehen und Print sind zwei verschiedene Welten"

 

Axel Ganz, ehemaliger G+J-Auslandsvorstand, glaubt nicht, dass die Fusion von RTL und Gruner + Jahr funktioniert. Ihr Beitrag für offensive Marktstrategien gegen die vordringenden Streaming-Dienste werde gering sein, prognostiziert er in einem Interview.

In der Geschichte von Gruner + Jahr spielt Axel Ganz eine Hauptrolle: Ab 1978 baute er von Frankreich aus das Auslandsgeschäft des Zeitschriftenverlags auf und machte ihn im Laufe der Jahre zum am stärksten international ausgerichteten deutschen Großverlag. Mehr als 60 Magazine gründete er für G+J, die "International Herald Tribune" krönte ihn 1991 zum "König der europäischen Magazinpresse". Ganz war Auslandsvorstand, zuletzt, zwischen 2005 und 2015, saß er noch im Aufsichtsrat von Gruner + Jahr.

Vom einstmals strahlenden Auslandsgeschäft, dem in Frankreich inbegriffen, hat sich Gruner + Jahr peu à peu getrennt, und seit Ende Juli steht fest, dass auch das Unternehmen selbst bald Geschichte ist, jedenfalls als eigenständiger Akteur: Der Mutterkonzern Bertelsmann schlägt den größten Teil seines Geschäfts der TV-Sendergruppe RTL zu.

Der alte Zeitschriftenmann Ganz, mittlerweile 84 Jahre alt, hält den Schritt für falsch: "Fernsehen und Print sind zwei verschiedene Welten - und zwei verschiedene Metiers", sagt er im Interview mit Klaus Boldt von der "Welt". Außer gemeinsamer Themenentwicklung und gebündelter Informationsbeschaffung gebe es nicht viele Synergien, auch wenn die technologische Entwicklung die Zusammenarbeit gegenüber den 80er- und 90er-Jahren verbessert habe. Den Zusammenschluss von RTL und G+J hält Ganz für eine "defensive Maßnahme": "Der Beitrag für offensive Marktstrategien, für die Entwicklung neuer Produktformate als Antwort auf die vordringenden Streaming-Angebote wird gering sein." Die "Schlacht" mit Netflix oder Amazon Prime könne nur über Kreativität bzw. die Inhalte geschlagen werden, analysiert er: "Hinsichtlich der Investitionskraft sind Netflix & Co. als 'internationale Champions' unerreichbar und dringen mehr und mehr auch in lokale und regionale Programme vor".

Wegen seiner "ordentlichen Ergebnisse" und seines "soliden Titel-Portfolios" hätte Gruner + Jahr nach Ganz' Überzeugung unabhängig bleiben können. "Um den Verlag erfolgreich und eigenständig, und zwar unter Einschluss der ständig notwendigen Transformationen weiterzuführen, hätte es allerdings des Glaubens an die eigenen kreativen Fähigkeiten und der Bereitschaft zu Investitionen bedurft. Dies war offensichtlich nicht der Fall."

In der Rückschau sieht Ganz drei Komponenten für den Niedergang von Gruner + Jahr in den vergangenen Jahren: den Rückzug aus den wichtigen europäischen Auslandsmärkten, die "nicht ausreichend schnelle und entschlossene Orientierung und damit verbundene Investition zu neuen flankierenden Geschäftsfeldern, auch im Internet" und unzureichende Investitionen in Inhalte und Redaktionen.

Auf die Frage, ob es G+J in zehn Jahren noch geben werde, hat Ganz zum Abschluss des Interviews nur eine bittere Antwort: "In den Archiven: ja."

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