Welche technische Innovation ist für die Zeitungsverlage am wichtigsten, Herr Ellers?

 

Meinolf Ellers, Chief Digital Officer der dpa, sagt im Sonderheft zum 25. Geburtstag von kress.de welche technischen Innovationen für den Erfolg und das Überleben von Zeitungsverlagen am wichtigsten sind.

Welche technische Innovation ist für den Erfolg und das Überleben der Zeitungsverlage am wichtigsten, Herr Ellers?

Jede, die hilft, die Kunden, Leser und Nutzer konsequent in den Mittelpunkt zu stellen, ihre individuellen Bedürfnisse zu verstehen und passgenau zu bedienen. Dabei stehen an erster Stelle Tracking- und Analyse- Systeme, die uns verlässliche Daten zum Nutzerverhalten liefern und immer wieder die Frage beantworten, mit welchen Inhalten und Formaten wir die Menschen am besten erreichen und dauerhaft in unseren Angeboten halten können. Das setzt den verstärkten Einsatz von künstlicher Intelligenz voraus, um im nächsten Schritt in den Newsrooms mit verlässlichen Vorhersagen möglichst zielgenau den Erfolg planen zu können ("Predictive Analytics").

Ganz neue Systemanforderungen kommen in diesem Zusammenhang mit der unumgänglichen Personalisierung unserer Angebote auf uns zu. Junge, digital geprägte Zielgruppen zahlen nur für das, was sie wirklich nutzen und für relevant halten. Leistungsstarke Data Analytics und Tools zur Personalisierung werden die Vorgaben für flexible und medienneutrale Produktionsstrukturen verändern. Auf digital getrimmte Print-Redaktionssysteme dürften ebenso ausgedient haben wie das klassische
Content-Management-System.

Die neuen datengestützten Strategien für die Steigerung von Digitalerlösen zeigen uns ebenso wie die ersten Personalisierungskonzepte, wie wichtig leistungsstarke Datenbanken und ein Digital-Asset-Management sind. Manch zeitloser "Evergreen"-Inhalt aus dem Archiv bewegt mehr Menschen als die tagesaktuelle Schlagzeile.

Damit Algorithmen immer wieder den "Perfect Match" zwischen dem einzelnen Nutzer und dem passenden Inhalt – ob ganz aktuell oder gut abgehangen aus der Datenbank – herstellen können, müssen sie diese auch finden können. Metadaten und automatisch vergebene Attribute sind wie ein individueller QR-Code, der jeden Text und jedes Bild maschinenlesbar macht. Und all das ist wenig wert, wenn der zum Digitalabo bereite Kunde in Bestell- und Bezahlsystemen landet, die für die verlässliche Zustellung gedruckter Zeitungen konzipiert wurden. Das digitale Nutzererlebnis der Plattformen, von Amazon bis Netflix und Spotify, setzt den Standard – ob bei der Personalisierung des Angebots oder der Bestellung und Bezahlung mit – im besten Fall – einem einzigen Klick.

Das alles soll als Systemlandschaft modular aufgebaut sein, in offenen Schnittstellen miteinander kommunizieren können und vielfältige Modelle der Kooperation und der Co-Creation ermöglichen. Dabei gilt die alte Management-Weisheit: "Culture eats strategy (and technology) for breakfast." Die tollste Technologie wird wirkungslos verpuffen, wenn ein Verlagshaus nicht konsequent durch alle Bereiche "customer-centric" denkt und handelt. Am Ende ist das vermutlich die größte Herausforderung.

Meinolf Ellers ist Chief Digital Officer der dpa

25 Jahre kress.de! In unserer 100 Seiten starken Jubiläumsausgabe (hier kostenlos als E-Paper) haben wir diesen klugen Köpfen eine Frage gestellt:

Tijen Onaran (Global Digital Women), Carsten Knop (FAZ), Sebastian Turner (Trafo MediaTech), Jan-Eric Peters (NZZ), Christof Ehrhart (Robert Bosch), Julia Bönisch (Stiftung Warentest), Gabor Steingart (Media Pioneer), Marco Fenske (RND), Ingo Kästner (PMG), Meinolf Ellers (dpa), Jochen Wegner ("Zeit"), Stefan Ottlitz ("Spiegel"), Kai Gniffke (SWR), Daniel Steil (Burda Forward), Lorenz Maroldt ("Tagesspiegel"), Steffi Dobmeier ("Schwäbische Zeitung"), Andreas Arntzen (Wort & Bild Verlag), Carina Laudage (G+J), Jan Ippen (Ippen Digital), Andreas Lenz ("t3n Magazin"), Gerlinde Hinterleitner ("Standard"), Philipp Westermeyer (OMR), Dietmar Wolff (BDZV), Steffi Czerny (DLD Media), Johannes Hauner (SZ), Christoph Bauer (DuMont), Peter Hogenkamp (Scope Content), Monika Schaller (Deutsche Post DHL Group), Johannes Sommer (Retresco), Richard Gutjahr (Journalist), Mirijam Trunk (Mediengruppe RTL), Jule Lumma (VRM), Matthias Bauer (Vogel Communications Group), Philipp J. Jacke (Melo Group).

Ebenfalls im großen 25 Jahre kress.de-Geburtstagsheft:

Entertainer Klaas Heufer-Umlauf gibt im Interview einen nachdenklichen Blick auf die Medien und digitale Trends.

FR-Chef und Digitalvordenker Thomas Kaspar schreibt, wo wir heute stehen und wo jetzt die größten Chancen liegen.

"Ich war nie digitalgläubig, du?": Im Gespräch zwischen Herausgeber Johann Oberauer und kress.de-Gründer Peter Turi war mächtig Feuer drin.

"Keiner verlässt den Raum, bis der Newsletter verschickt ist": kress.de-Chefredakteur Marc Bartl lüftet exklusiv fünf Geheimnisse.

Waren 18 Monate Pandemie eine Chance? Haben die Medien etwas gelernt? Neun Erkenntnisse von n-tv.de-Chef Tilman Aretz.

Lieblingsanekdoten: Woran sich die ehemaligen kress.de-Chefredakteure (u.a. Thomas Kemmerer und Stefan Winterbauer) gerne erinnern.

Wie wir morgen arbeiten werden Sechs Job-Trends, mit denen Medienprofis rechnen müssen, beschreibt Karrierecoach und kress.de-Kolumnist Attila Albert.

"Das Internet ist nichts Greifbares": "Kress"-Gründer Günther Kress über das Digitale – und alles andere.

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