25 Jahre kress.de: Thomas Kemmerer erinnert sich an eine süße Jugend im Kellerbüro

20.08.2021
 
 

Im Sonderheft zum 25. Geburtstag von kress.de erzählen Ex-Chefs ihre Lieblingsanekdoten. Den Auftakt macht kress.de-Pionier Thomas Kemmerer, heute Chefredakteur der Ippen Zentralredaktion West.

Es waren der Medienboom und meine Faszination für Quote, Quatsch-TV und Marktanteil, die mich in meinen zarten Zwanzigern zu kress brachten. Bei RTL sorgte zu diesen Zeiten "Mein Name ist Barbara Eligmann" für Quoten-Kicks am Vorabend, "Focus" fischte äußerst erfolgreich nach Anzeigen und Fakten, Fakten, Fakten – und dann war da ja noch dieses Internet voller neuer Chancen und Möglichkeiten.

Da mochte es manch einen irritiert haben, dass die Adresse des Fachdiensts, der sich mit Erfolgen und Niederlagen dieser glamourösen Branche beschäftigte, so unsexy daherkam: Seegarten 24, 69190 Walldorf (Baden). Was es wirklich gab: einen See. Was es nicht gab: einen "Landlust"-artigen Blick über das Gewässer. Dafür ein schlauchartiges Büro – im Keller. War trotzdem cool. Denn die Kellerlage hatte während des heißen badischen Sommers durchaus ihre Vorteile und entsprach als Firmenstandort im Übrigen genau dem, was kress nach der Übernahme durch Peter Turi und Thomas Wengenroth war: ein Start-up in der Frühphase.

Mir selbst war damals dieser Umstand gar nicht richtig bewusst. Und so wunderte es mich auch nicht weiter, wie rasend schnell sich kress entwickelte. Ich kannte es ja nicht anders: An meinem ersten Arbeitstag als Volontär setzte sich die Redaktion aus Peter Turi und mir zusammen. In besagtem Kellerbüro entstand alle 14 Tage auf gelbem Papier ein getackerter Branchendienst und jeden Tag das neue Baby: "täglichkress" als Tagesausgabe fürs Internet, die ich gegen 17 Uhr – ja! – ausdruckte und an den legendären Gründer, Namensgeber und damaligen Herausgeber Günther Kress faxte.

Als ich keine drei Jahre später Ende 1999 kress verließ, residierte das Unternehmen in den beiden obersten Etagen eines Hochhauses in Heidelberg mit Blick über die Rheinebene. Allein um kress.de kümmerten sich vier Kolleginnen und Kollegen, es gab einen eigenen Newsroom mit Harald-Schmidt-Sprüchen an der Wand und einem gelben Lichtlein, das signalisierte, dass gerade wieder besonders eifrig in die Tasten gehauen wurde. Der kressreport erschien als wöchentliches Magazin. Es gab Ressorts und Teams und Mitarbeiter, von denen ich nicht mal so genau wusste, was sie eigentlich machen. Und meine Visitenkarte schmückte mittlerweile nicht nur das schwarz-gelbe kress-Logo, sondern auch der Titel "Nachrichtenchef". Fürs anhaltende Start-up-Feeling sorgte der "Küchendienst beim Branchendienst" – kein Team entging ihm. Gemeinsam waren wir die "kressies".

Mit mehr als 20 Jahren Abstand betrachtet eine ziemlich irre Zeit: Bei kress war von Anfang an vieles selbstverständlich, was bei den meisten anderen Redaktionen noch Jahrzehnte dauern würde: kress war schon damals eine crossmediale, integrierte, interdisziplinäre, konvergente und datengetriebene Redaktion, lange bevor es solche Begriffe und die dazu passenden Kongresse und Berater gab.

Wir schrieben nicht nur über Reichweitenentwicklungen von Antenne Bayern bis Zeit Online, sondern waren selbst elektrisiert von unseren eigenen Digital-Reichweiten: Es gab sie schon, die ersten Dashboards für kress.de, natürlich noch auf einem ganz anderen Level, aber sie waren zumindest ein ungemeiner Antrieb. Am Anfang eines jeden Monats kam dazu die bange Frage: Sind wir, der Onlinepionier unter den Branchendiensten, weiterhin die Nr. 1? Oder haben uns die mittlerweile aufgewachten Mitbewerber aus großen Fachmedienhäusern überholt?

Vom damaligen Claim-Wahnsinn der Privatradios sichtlich angetan war es mein Ehrgeiz, "täglichkress" als den "schnellsten Dienst der Branche mit der Maximum-News-Garantie" zu etablieren. Peter Turis Spirit voller neuer Ideen und eine gewisse Narrenfreiheit sorgten so für kress.de-Formate wie:

  • "Der Playboy-Witz des Tages": An einen ganz besonders flachen erinnere ich mich seitdem jedes Jahr an Karfreitag.
  • Das "Geburtstagskind des Tages": ein unfassbar wertvoller Netzwerk-Service in einer Zeit vor Facebook, Linkedin, Xing.
  • "Daily Drama": Unter der Anteilnahme zahlreicher Leserinnen und Leser schrieben wir fortlaufend über das Leben unseres Redaktions-Tamagotchis ("Strucki"), bis es eines Tages an der Kasse eines Supermarkts starb.
  • "Human Touch": Auf der Suche nach neuen menschelnden und gleichzeitig nutzerbindenden Impulsen forderten wir unser Fachmedien-Publikum auf, uns Hihi-Geschichten aus ihren Teenager-Tagen zu mailen – für die Rubrik "Süße Jugend, peinliche Jugend".

Heute, 25 Jahre danach, sind die "kressies der ersten Generation" in der Kommunikationsbranche verstreut. Die Zeit damals – "süß" ja, "peinlich" eher nein.

Thomas Kemmerer, 44, verfasste im Herbst 1996 erstmals Meldungen für kress.de und wurde wenige Monate darauf der erste kress-Volontär. Später zog es ihn zu DuMont, wo er in verschiedenen Positionen tätig war, zuletzt als General Manager Digital für „Express“ und „Kölner Stadt-Anzeiger“. Aktuell ist er als Chefredakteur der neuen Ippen Digital Zen-tralredaktion West für das Ippen.Media-Netz-werk aktiv.

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