Burda-Manager Kay Labinsky: "Niemand braucht ein staatliches Gesundheitsportal"

 

Der Burda-Manager Kay Labinsky sagt im Interview mit kress pro, wie sich die Apothekenzeitschrift "My Life" entwickelt, wie es im Streit mit Google und dem Gesundheitsministerium um das staatliche Portal gesund.bund.de aussieht und welche seiner Titel von Corona profitieren konnten.

Der Burda-Manager Kay Labinsky sagt im Interview mit kress pro, wie sich die Apothekenzeitschrift "My Life" entwickelt, wie es im Streit mit Google und dem Gesundheitsministerium um das staatliche Portal gesund.bund.de aussieht und welche seiner Titel von Corona profitieren konnten.

kress pro: Herr Labinsky, "My Life" ist Ihre wohl wichtigste Zeitschriftengründung der vergangenen Jahre, beschäftigt sich mit dem Thema Gesundheit. Ein Jahr nach dem Start haben Sie 2020 eine sehr positive Bilanz gezogen. Seitdem stagniert die Auflage allerdings. Hat "My Life" an Schwung verloren?

Kay Labinsky: "My Life" liegt an über 7.000 Apotheken aus, und wir haben im Gegensatz zum Wettbewerb unsere Auflage auf einem Niveau von monatlich über 2,3 Millionen Exemplaren stabil gehalten. Das ist ein sehr erfreuliches Zwischenergebnis. Die Coronapandemie hat allerdings dazu beigetragen, dass wir nicht in der geplanten Form expandieren konnten. Unser Ziel ist es aber natürlich, weiter gegen den Markttrend zu wachsen, und die Voraussetzungen dafür sind gegeben: eine hohe Akzeptanz des Titels bei Apothekern und Lesern.

kress pro: Wo stünde "My Life", wenn Corona nicht dazwischengekommen wäre?

Labinsky: Das Potenzial des Titels können Sie auch an dem Potenzial der anderen Marktteilnehmer ablesen. "My Life" ist ein Teil des Zukunftspakts Apotheke (ZPA), den wir mit starken Partnern wie Noweda gegründet haben. Der Erfolg des ZPA in seiner perspektivischen Entwicklung hin zu einem vernetzten Gesundheitsökosystem wird dazu führen, dass noch viele weitere Apotheken daran Teil haben wollen. Insofern ist auch weiteres Wachstum für "My Life" möglich, insbesondere in Verbindung mit der Plattform ihreapotheken.de, über die man Medikamente in seiner Vor-Ort-Apotheke bestellen kann. Die von Noweda eingeführte Plattform ist nicht nur Pionier, sondern heute die mit Abstand am weitesten entwickelte Lösung in diesem Bereich, auch aus logistischer Sicht. Dieser Service kommt Patienten, unter anderem im Hinblick auf die Einführung des E-Rezepts, sehr entgegen und hilft den Vor-Ort-Apotheken, sich im Wettbewerb mit den Versandapotheken gut zu rüsten.

kress pro: Mit dem Wort & Bild Verlag, der mit der "Apotheken Umschau" nach wie vor Marktführer ist, haben Sie beim Start von "My Life" einen Rechtsstreit geführt, der zu Ihren Gunsten ausging. Wie ist das Verhältnis jetzt? Sind auch Kooperationen möglich?

Labinsky: Guten Kooperationen stehen wir immer positiv gegenüber. Ich persönlich halte den Wort & Bild Verlag für ein großartiges Unternehmen und bewundere den Gründer Rolf Becker. Dass wir die Synergien starker Partner nutzen, um unsere Apothekenkundenzeitschrift zu produzieren und eine Bestellplattform im Internet auszubauen, hat man dort akzeptiert. Wir pflegen einen sehr respektvollen Umgang miteinander.

kress pro: Einen weiteren Rechtsstreit haben Sie mit Google und dem Bundesgesundheitsministerium ausgetragen. Sie haben verhindert, dass die Suchmaschine Ergebnisse des staatlichen Portals gesund.bund.de bevorzugt anzeigt. Können und wollen Sie mit dem Portal selbst leben?

Labinsky: In dem erfolgreichen Rechtsstreit gegen Google und das Ministerium ging es nicht einfach um eine Google-Werbung, sondern um rechtswidriges Zusammenwirken des Staates mit dem wohl größten Monopolisten dieses Planeten zulasten der freien Presse. Glücklicherweise hat das Gericht das unterbunden. Das Staatsportal existiert aber weiterhin und, nein, wirklich leben können und wollen wir damit nicht, denn Staatsferne in der Berichterstattung ist aus gutem Grund ein Kernbestandteil unserer Verfassungsordnung. Inzwischen ist ein weiteres Verfahren am Landgericht Bonn anhängig, das wir interessiert beobachten. Der Wort & Bild Verlag hat dort Klage gegen das Gesundheitsministerium eingereicht. Meine Auffassung ist: Niemand braucht ein staatliches Gesundheitsportal, die freie Presse bietet hochwertige redaktionelle Gesundheitsinfos für jeden Bürger frei verfügbar an. Besonders absurd ist der Vorwurf, die Inhalte von Presseangeboten wie "Netdoktor" oder "Apotheken Umschau" seien nicht neutral genug. Wir leben eine echte Trennung zwischen Redaktion und Werbung. Und mal ehrlich: Wie viel Neutralität wäre eigentlich von einem staatlichen Gesundheitsportal, zum Beispiel in der aktuellen Pandemie-Berichterstattung, zu erwarten?

kress pro: Was sind heute überhaupt die großen Umsatz- und Ertragsbringer in Ihrem Portfolio? Wo rechnen Sie mit Wachstum, wo mit Stagnation und Niedergang?

Labinsky: Tatsache ist, vor dem Hintergrund all der Marktführer, die wir im Printbereich haben, dass Titel wie "Mein schöner Garten", "Freizeit Revue", "Super Illu" oder "Lisa" auch heute noch einen erheblichen Anteil unserer Erlöse und Renditen ausmachen, aber gleichwohl steigt in allen Bereichen auch die Relevanz der digitalen Aktivitäten wie etwa der hochprofitablen "Netdoktor"- Plattform im deutschsprachigen Raum. So wachsen auch diese Bereiche und kompensieren und überkompensieren zum Teil bisher die Rückgänge in den klassischen Märkten, von denen wir natürlich nicht verschont bleiben.

kress pro: Geht es ein bisschen genauer: Kompensieren oder überkompensieren Sie Verluste in den klassischen Märkten?

Labinsky: Insgesamt sind wir wirtschaftlich sehr gut aufgestellt. Mit dem Wachstum der digitalen Aktivitäten und auch in Print – wir nennen es "more from the core" – mit rund 30 Neuentwicklungen von Titeln, regelmäßig erscheinend oder als Sonderpublikationen allein in den letzten fünf Jahren, kann man bisher sogar erfreulicherweise von Überkompensieren sprechen.

kress pro: Welche Spuren hat die Pandemie im Geschäft der von Ihnen verantworteten Titel hinterlassen?

Labinsky: Wir konnten unsere Vertriebserlöse im Bereich der wöchentlichen Zeitschriften stabil halten und erzielten im Garten- und Home-Bereich wegen des größeren Interesses für das eigene Zuhause sogar deutliche Steigerungen. In diesem Bereich gibt es keine Publikation, bei der wir nicht signifikant gewachsen sind. An dieses Gefühl muss man sich als Zeitschriftenmacher erst wieder gewöhnen. Das gilt auch für den Digitalbereich: Die E-Commerce-Umsätze von "Mein schöner Garten" sind um 40 Prozent auf einen zweistelligen Millionenbetrag und die Reichweite ist um über 50 Prozent gestiegen. Neben dem horizontalen Wachstum in Geschäftsfeldern, die es schon gibt, sehen wir in diesem Bereich auch viele Gelegenheiten für vertikales Wachstum durch neue Produkte.

kress pro: Was meinen Sie damit?

Labinsky: Ein Beispiel dafür ist "Einfach los". Drei junge Journalistinnen haben aus ihrer Leidenschaft, mit dem Van zu reisen, eine Zeitschrift gemacht. Davon verkaufen wir zwischen 40.000 und 50.000 Exemplare pro Ausgabe. Und wir arbeiten gerade an einigen weiteren spannenden Ideen. Da werden Sie von uns in diesem Jahr noch einiges hören. Die Bereiche Wohnen, Garten und eigenes Zuhause werden auch nach der Pandemie ihre hohe Bedeutung behalten.

Kay Labinsky führt als Chief Product Officer bei Hubert Burda Media den Bereich Publishing Popular, der die "Lebenswelten" Health, Garden & Living, Entertainment und Women umfasst.

Das Interview ist ein Auszug aus einem Gespräch mit Kay Labinsky in Ausgabe 6/2021 von kress pro. Darin spricht Labinsky auch über das neue Competence Center Health und die Kritik von Jan Böhmermann an den Yellows.
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