Ein Medienjournalist berichtet: Wie Bertelsmann kritische Recherchen verhindern wollte

26.08.2021
 
 

Im Juni hat Bertelsmann ein Buch über Reinhard Mohn herausgebracht, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Es zeigt neue Details aus seinem Leben, verschweigt aber vieles. Für den "Wirtschaftsjournalist" hat Thomas Schuler aus diesem Anlass aufgeschrieben, wie der Konzern häufig versucht hat, seine Recherchen zu behindern.

Am 24. April 1974 führte Reinhard Mohn seine Geliebte Liz erstmals einer breiten Öffentlichkeit vor. Der Chef von Bertelsmann tat dies unauffällig in einer Dokumentation, die der NDR "Der stille Mensch von Gütersloh" nannte. Zu Beginn zeigte der Film, wie Reinhard Mohn die Villa am Stadtrand verlässt, die er mit seiner damaligen Frau Magdalene bewohnte. Im weiteren Verlauf des Films führt Reinhard ernste Gespräche, gibt bereitwillig Auskunft über das Unternehmen. Der Reporter erwähnte, dass Reinhards Sohn Johannes als Nachfolger im Gespräch sei. Damals hatte Reinhard Mohn offiziell nur drei Kinder aus erster Ehe. Seine Frau Magdalene ist im ganzen Film nicht zu sehen.

Am Ende durfte der Reporter des NDR den ernsten Mann in launiger Pose auf dem alljährlichen Bertelsmann- Faschingsfest filmen. Reinhard trägt ein buntes Hemd und tanzt mit einer hübschen langhaarigen Blondine zu den Klängen von Tony Marshalls Lied "Schöne Maid". Erst tanzen sie offen, dann eng umschlungen, dann küsst er sie auf den Mund. Schnitt. Plötzlich schmiegt sich eine andere Blonde an ihn. Sie hat kurze Haare und trägt ein Matrosen-T-Shirt, eine Matrosen-Kappe, einen Minirock und weiße Stiefel. Man sieht sie nur einige Sekunden lang, der Filmabspann läuft bereits. Insider der Medienbranche mussten sich in den folgenden Jahren aber an ihr Gesicht gewöhnen, denn mehr und mehr tauchte sie an der Seite ihres Chefs auf.

Das sind die ersten beiden Absätze eines Artikels, den ich im März 2004 für die damals neue Zeitschrift "Cicero" schrieb. Das Magazin wusste, dass ich seit Monaten an einem Buch über "Die Mohns" arbeitete – und bestellte zum Erscheinen zwei Geschichten, für die ich weitere Recherchen anstellte: eine über den Aufstieg von Elisabeth Beckmann zu Liz Mohn, der mächtigen Eigentümerin von Bertelsmann; die andere über Politik und Einfluss der Bertelsmann Stiftung.

Der erste Artikel umfasste ausgedruckt sieben Seiten; der zweite war in Arbeit. Keiner von beiden ist erschienen.

Eigentlich handelte mein Buch von den Legenden, die Liz und Reinhard Mohn über sich und ihr Unternehmen erzählten und eigentlich begann diese Geschichte einige Jahre früher, etwa 1998. Damals berichtete ich für die "Süddeutsche Zeitung" aus New York, regelmäßig auch über Bertelsmann. Der neue Vorstandsvorsitzende von Bertelsmann, Thomas Middelhoff, hielt dort eine Rede, in der er auch auf das Verhalten von Bertelsmann im Dritten Reich einging und wiederholte, was in der Festschrift zum 150-jährigen Firmenjubiläum stand: Dass Bertelsmann von den Nazis geschlossen worden sei, weil die verlegten Bücher den Nazis auf Grund ihres Inhalts ein Dorn im Auge gewesen seien. Der Düsseldorfer Soziologe Hersch Fischler warf Bertelsmann vor, die eigene Geschichte zu verfälschen. In Wirklichkeit habe Bertelsmann mit den Nazis kooperiert und Kriegsliteratur verlegt.

Bei Middelhoffs Rede waren nur zwei Journalisten zugegen – einer war ich. Middelhoff selbst hatte mich – ohne Zustimmung seines Pressesprechers Manfred Harnischfeger – spontan zu der Rede eingeladen. Er war stolz auf seinen Auftritt, obwohl man ihn in Gütersloh davon abbringen wollte und warnte, seine Aussagen würden missverstanden werden, wie er mir sagte. Ich berichtete in der "SZ". Fischler nahm den Bericht als Anlass für seine Enthüllung über die dunkle Vergangenheit.

Wenn jemand bei Bertelsmann den Anspruch der seriösen guten Pressearbeit vor sich hertrug, dann Manfred Harnischfeger, der 2015 verstorbene langjährige Leiter der Unternehmenskommunikation. Zum 150-jährigen Bestehen von Bertelsmann 1985 hatte er die Arbeit an der Festschrift koordiniert. Darin hieß es: Der "braune Ungeist" habe dem Verleger Heinrich Mohn "nichts anhaben" können. Allerdings war Harnischfeger auf Dokumente gestoßen, die der Legende vom Widerstandsverlag widersprachen, wie er 2002 dem "Wall Street Journal" sagte. Er habe befürchtet, eine genauere Untersuchung könne den Redaktionsschluss gefährden und daher habe er angeordnet, Widersprüche und Lücken zu ignorieren. Er ließ die Widersprüche auch danach nie aufklären. Als das 3sat-Kulturmagazin 1998 Fischlers Kritik in einem beschwerte sich Harnischfeger beim zuständigen ARD-Intendanten Peter Voß. Ein freier Journalist recherchiere zu "Bertelsmann und Drittes Reich", ohne dass er "an uns herangetreten" sei.

"Angesichts der Bedeutung des Themas erscheint es uns unheimlich und gefahrvoll, wenn ohne unser Wissen und ohne die Möglichkeit unseres Inputs Vermutungen und Halbwissen durch Recherchen in die Welt gesetzt werden – von einer zu erwartenden fehlerhaften Berichterstattung ganz zu schweigen." Voß solle sich persönlich einschalten, damit Bertelsmann nicht durch unprofessionelle Berichterstattung beschädigt würde. Man könne sich "nicht vorstellen, dass Bertelsmann in irgendeiner Weise zum publizistischen Handlanger des damaligen Regimes wurd". Voß ließ sich nicht beeindrucken. Bei ZDF-Intendant Dieter Stolte, der auch im Beirat der Bertelsmann Stiftung saß, war Harnischfeger erfolgreicher. Stolte ließ die laufenden Recherchen abbrechen. Stolte dementierte die Einmischung.

Ich war inzwischen zur "Berliner Zeitung" gewechselt, die Gruner+Jahr (und damit Bertelsmann) gehörte. Wiederholt drängte Harnischfeger den Chefredakteur der "Berliner Zeitung", er solle meine Recherchen zu den Vorwürfen beenden. Ich sei einem Fanatiker aufgesessen. Dennoch konnte ich weiter ausführlich berichten, während "Spiegel", "SZ" und andere Zeitungen mehr als ein Jahr lang schwiegen. Als die "New York Times" die Vorwürfe von Fischler aufgriff, setzte Bertelsmann eine Historiker-Kommission ein, um Zeit zu gewinnen. Im Oktober 2002 legte sie ihren Abschlussbericht vor, der Fischlers Vorwürfe bestätigte und übertraf. Dokumente zeigten, dass Reinhard Mohn persönlich an der Legendenbildung beteiligt war, um eine Lizenz zu erhalten; dazu erklärt hat er sich nie. Von diesen Vorwürfen, Behinderungen der Aufklärung und Forschungsergebnissen handelte mein Buch "Die Mohns".

Die Pressesprecher von Bertelsmann pochen stets darauf, dass sie gefragt und mit Vorwürfen konfrontiert werden. Das ist presserechtlich so vorgeschrieben. Nur hat sich mir der Eindruck aufgedrängt, dass Bertelsmann mitunter weniger daran interessiert zu sein scheint, wirklich Auskunft zu geben. Stattdessen nehmen Pressesprecher ihr Wissen aus einer Anfrage mitunter zum Anlass, um mit ganz anderer Intention in Kontakt mit Redaktionen zu treten, um den Artikel zu verhindern.

Ein Beispiel: Im Jubiläumsjahr 2010 wünschte sich Bertelsmann dringend gute Presse. Doch ausgerechnet 2010 musste man erstmals einen Verlust in der Bilanz erklären. Mit einem PR-Trick versuchte Bertelsmann das zu verschleiern und machte aus dem Verlust einen Gewinn, indem es sich auch Einnahmen zurechnete, die man an Minderheitsteilhaber abführen musste. Zeitungen und Agenturen berichteten völlig widersprüchlich; ich versuchte den wahren Zusammenhang, dass es sich hierbei klar um einen Verlust handelte, in der "Neuen Zürcher Zeitung" aufzuklären und stellte Pressesprecher Grafemeyer schriftlich einige Fragen. Er antwortete nicht, beschwerte sich jedoch hinterher über handwerkliche Fehler meiner Recherche bei der "NZZ", garniert mit der Falschbehauptung, ich hätte nicht angefragt und legte der Redaktion nahe, deshalb auf meine Mitarbeit künftig zu verzichten. Die "NZZ" tat ihm den Gefallen nicht; bei der "Wiener Zeitung" hingegen war er in gleicher Angelegenheit jedoch erfolgreich: Sie beendete meine Mitarbeit, ohne das jemals zu begründen, und berichtete anschließend sehr wohlwollend über Bertelsmann. Als ich Grafemeyer mit meiner Anfrage konfrontierte und wissen wollte, wieso er bei den Zeitungen interveniert habe, sagte er kleinlaut, er müsse meine Anfrage übersehen haben.

Bleibt die Frage: Wieso sind die beiden von der Redaktion bestellten Artikel im Jahr 2004 im "Cicero" nicht erschienen? "Cicero" hatte stattdessen einen Text von Liz Mohn über CDU-Chefin Angela Merkel ("Da ist viel Wärme") veröffentlicht. Die Redaktion schrieb, das sei auf ihren Anstoß hin geschehen. Ich frage mich, ob es nicht genau umgekehrt war und Bertelsmann den Text im Austausch für mein Stück anbot. Aus dem Umfeld der Redaktion erfahre ich vom Besuch eines Pressesprechers von Bertelsmann in der kleinen Redaktion in Potsdam. Der Pressesprecher habe meine Arbeit schlechtgeredet und meine Seriosität und Glaubwürdigkeit infrage gestellt und vor meinem Buch gewarnt. Hinterher habe es in der Redaktion geheißen, man habe jetzt etwas Besseres.

Wolfram Weimer, der damalige Chefredakteur von "Cicero", und sein Stellvertreter Markus Hurek geben sich heute ahnungslos und antworten ausweichend. Weimer stellt es so dar, als hätte ich meine Artikel unverlangt angeboten, bittet aber, nicht zitiert zu werden. Auf den Besuch des Pressesprechers geht er nicht ein und dementiert ihn aber damit auch nicht ausdrücklich. Nach der Veröffentlichung der Sympathiekundgebung von Liz Mohn über Angela Merkel wies später der "Focus" darauf hin, dass der im "Cicero" veröffentlichte Artikel nicht exklusiv war, sondern lediglich eine überarbeitete Rede sei. "Liz Mohn kopiert sich selbst." Der Zweck war dennoch erfüllt.

Der Artikel von Thomas Schuler ist ein Auszug aus seinem Text "Die andere Seite von Bertelsmann", erschienen im "Wirtschaftsjournalist" 3/2021. Sie möchten ihn komplett lesen? Die Ausgabe können Sie hier bestellen.

Hintergrund: Der Wirtschaftsjournalist erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteur ist Wolfgang Messner.

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