Kann ich das? Medien-Managerin Tanja Herkert über Selbstzweifel bei weiblichen Führungskräften

 

Seit Monatsbeginn hat Tanja Herkert einen neuen Führungs-Job. Die bisherige Dolde-Medien-Geschäftsführerin hat die Rolle des Chief Digital Officer bei DvH Medien (Zeit, Handelsblatt, Tagesspiegel) übernommen. Im Titelinterview in kress pro spricht sie über ihren Wechsel und auch über Selbstzweifel bei weiblichen Medienprofis. 

Auszug aus dem Titelinterview mit Tanja Herkert in kress pro 6/2021:

kress pro: Jetzt wechseln Sie in die Holding von Verleger Dieter von Holtzbrinck. Warum?

Tanja Herkert: Die DvH Medien haben mit "Zeit", "Handelsblatt" und "Tagesspiegel" attraktive Marken. Die Themen und Herausforderungen sind mir wohlbekannt: die Digitalisierung des Geschäfts und der Fokus auf den Abobereich. Auch das Verhältnis von den Tochterfirmen zur Holding ist ähnlich wie bei der Forum Media Group. Ich kann viel lernen und gleichzeitig meine Erfahrungen und Fähigkeiten einbringen.

kress pro: Von außen wirkt Ihr Wechsel überraschend. Viele würden lieber in Ihrem eigenen Unternehmen weiterarbeiten, statt angestellt zu werden.

Tanja Herkert: Das Erreichen meiner persönlichen Ziele ist unabhängig davon, ob ich im eigenen Familienunternehmen arbeite oder woanders. Dolde Medien verantwortet jetzt Oliver Graßy als Geschäftsführer, der unsere gemeinsame Strategie umsetzt. Und ich gehe eine neue Herausforderung an.

kress pro: Mal ehrlich: Wie offensiv haben Sie bei Holtzbrinck das Thema Familie und Beruf thematisiert?

Tanja Herkert: Ich habe sehr deutlich kommuniziert, dass das ein ganz wichtiges Kriterium ist und ich flexible Arbeitszeiten brauche. Das stellte für die DvH Medien auch nie ein Problem dar und war in unseren Gesprächen schnell festgehalten. Dieses Thema muss man zu Beginn regeln, sonst kann es später nicht funktionieren. Meine Kernarbeitszeit ist von 8 bis 15 Uhr, dann ist Familienzeit und am Abend geht es dann mit der Arbeit weiter.

kress pro: Haben Sie eigentlich irgendeine Form von Druck gespürt, schnell wieder arbeiten zu gehen?

Tanja Herkert: Keinen gesellschaftlichen, eher einen persönlichen. Ich suche Herausforderungen und möchte vorankommen. Den gesellschaftlichen Erwartungen kann man als Mutter ohnehin nicht entsprechen. Wenn man sehr früh mit der Arbeit beginnt, bekommt man zu hören: Wie früh lässt du dein Kind fremd betreuen? Bleibt man lange zu Hause, hört man die Frage: Willst du nicht wieder arbeiten?

kress pro: Müssen Frauen mehr leisten als Männer?

Tanja Herkert: Ja, sowohl beruflich als auch privat. Beruflich schon alleine deshalb, weil gerade bei jungen Frauen in einigen Unternehmen die Sorge mitschwingt, sie könnte bald mit der Familienplanung starten.

kress pro: Was müssen Frauen selbst ändern? DuMont-Verlegerin Isabella Neven DuMont sagte in einem Interview, dass es gar nicht so einfach sei, Frauen für Führungspositionen zu begeistern.

Tanja Herkert: Wenn man Männer fragt, ob sie eine Führungsposition haben möchten, ist die Antwort oft einfach Ja. Die meisten denken nicht nach, ob sie qualifiziert sind oder den Job auch können. Frauen überlegen oft erst: Kann ich das? Dann kommen die Selbstzweifel.

kress pro: Wie geht man damit um?

Tanja Herkert: Man darf als Vorgesetzte oder Vorgesetzter nicht sagen: Okay, wenn du dir nicht sicher bist, dann lassen wir das. Sondern man sollte die Frauen bestärken und sagen: Ich glaube, du kannst das.

[...] Dolde-Medien-Geschäftsführerin Tanja Herkert (32) sagt im kress pro-Titel-Interview mit Markus Wiegand auch, wie sie Familie und Beruf verbindet, welche Schwierigkeiten sie dabei überwinden musste, warum sie von Programmen für Frauenförderung wenig hält und warum ein Baby am Arbeitsplatz gut für das Betriebsklima ist.

Zur Person: Tanja Herkert studierte int. BWL und Finance. Bei Unternehmen wie Ravensburger Digital und Amazon sowie IDG und rtv (Bertelsmann) sammelte sie sowohl Digital- als auch Medienerfahrung. 2014 wechselte sie zu Pricewaterhouse Coopers in die Transaktionsberatung. Neben Zu- und Verkäufen in unterschiedlichen Branchen betreute sie Projekte in der Medienbranche. Ab 2016 leitete sie beim Fachverlag Dolde Medien, der zur familieneigenen Forum Media Group zählt, die Abteilungen Marketing/ Vertrieb und Business Development. Nachdem sie im November 2017 die Verlagsleitung übernommen hat, ist sie seit Jahresbeginn 2019 ebenfalls Geschäftsführerin bei Dolde Medien. Am 1. September übernimmt sie bei den DvH Medien (u. a. "Zeit", "Tagesspiegel", "Handelsblatt") die Rolle des Chief Digital Officer.

Hintergrund: kress pro erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteur ist Markus Wiegand.

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