Arbeitsplatz, Gehalt, Selbstständigkeit: Wie Medienprofis morgen arbeiten werden

 

Karrierecoach und kress.de-Kolumnist Attila Albert beschreibt im Sonderheft "25 Jahre kress.de" sechs Job-Trends, mit denen Medienprofis rechnen müssen: vom Ende des Großraumbüros über eine stärkere Spreizung der Gehälter bis zur freiwilligen Selbstständigkeit.

Auszug aus dem Sonderheft 25 Jahre kress.de (kostenlos als E-Paper):

Als ich vor etwas mehr als 30 Jahren meinen ersten Artikel schrieb, damals als 17-jähriger Reporter bei "Bild", tat ich das noch auf einer Schreibmaschine. Mit zwei Durchschlägen für die Ressortleiter, die darauf Änderungen und Korrekturen per Hand vermerkten. Wollte ich mich von einer Recherche zurückmelden, musste ich mir ein Münztelefon suchen, konnte meinen Text dann aber auch den Sekretärinnen in der "Textaufnahme" diktieren. Ein Foto versenden? Nur von einem Abzug möglich, in Schwarz-Weiß mit 15 Minuten Sendezeit.

Vieles hat sich seitdem dramatisch verändert, vor allem im technischen, organisatorischen und wirtschaftlichen Bereich. Anderes ist erstaunlich konstant geblieben. So entstehen Zeitungen und Magazine zwar mit neuen Werkzeugen, aber doch auf sehr ähnliche Weise wie einst. Auch hat sich gezeigt, dass die meisten Leser doch eher konsumieren als aktiv beitragen wollen, wie es das "Internet 2.0" noch geglaubt hatte.

Wie geht es weiter in der Arbeitswelt der Medienbranche? Sechs Trends, die ich für besonders wichtig halte.

1. Flexiblere Büros und Satelliten-Teams

Der weitflächige Homeoffice-Praxistest seit Frühjahr 2020 hat, nach einer kurzen Euphorie, zu einer eher sachlichen Bewertung geführt: Die wenigsten wollen ständig von zu Hause aus arbeiten und ihre Kollegen nur noch über Zoom sehen. Häufig höre ich als Wunsch: Drei Tage in der Redaktion, zwei Tage daheim. Auch bei den Arbeitgebern sind allerdings nun Begehrlichkeiten geweckt. Einige haben sofort Büroflächen reduziert oder untervermietet. Das senkt Kosten und lässt sich auch noch als moderne Arbeitskultur verkaufen.

Das Wichtigste aus den Medien - einmal am Tag: Jetzt den kressexpress bestellen

Zukünftig erwarte ich wieder eine Abkehr vom Großraumbüro (Newsroom) als bevorzugtem Modell hin zu vielgestaltigen Arbeitsräumen. Je nach Tätigkeit und persönlicher Neigung des Mitarbeiters: große Produktionsräume, Schreibtisch-Inseln, separate Einzel-, Zweier- und Dreier-Büros, feste und flexible Arbeitsplätze innerhalb einer Abteilung. Das alles vor allem aus Eigeninteresse des Arbeitgebers. Nur, wer sich an seinem Arbeitsplatz angenommen und emotional zu Hause fühlt, wird sich auf Dauer auch an das Unternehmen binden. Ein Modell, das sich informell gerade bildet, ist das Satelliten-Team am Wohnort von Pendlern: Mitarbeiter, die nicht jeden Tag zur Firma fahren, aber auch nicht allein zu Hause arbeiten wollen. Sie treffen sich, bisher meist selbst organisiert, zum Arbeiten im Café oder in einem Coworking-Space. Hier scheint mir absehbar, dass größere Medienhäuser das organisatorisch und finanziell fördern, dafür eigene Büroflächen reduzieren. Für den Medienprofi wichtig, um verhandeln zu können: Klarheit über die eigene Bedürfnisse.

2. Auslagern redaktioneller Kernbereiche

Der Homeoffice-Zwang in der Coronakrise hat jedem Medienhaus auch klargemacht, dass sich mehr Arbeiten als bisher auslagern lassen. Schon seit Langem geschieht das vor allem im technischen und organisatorischen Bereich. Zu den branchenüblichen Praktiken gehören: Abonnenten-Betreuung und Buchhaltung in strukturschwachen Regionen in Ostdeutschland, Fotobearbeitung in Polen oder Vietnam, IT-Support in Polen und Ungarn, Webseiten- und App-Programmierung in Ungarn und Russland, redaktionelle Spätschichten in den USA.

Nach der Erfahrung der Jahre 2020/21 kann sich jedes Verlagsmanagement aber selbst für redaktionelle Kernbereiche fragen: Wenn die Arbeiten, wie praktisch bewiesen, räumlich außerhalb erledigt werden können - muss das dann noch ein eigener Angestellter tun? Einige Verlage praktizieren es bereits: Im Unternehmen verbleiben vor allem Konzept- und Führungsaufgaben, während die Umsetzung weitgehend an externe Agenturen geht, die Unteraufgaben (z. B. Artikel, Fotos, Layout) wiederum an freie Mitarbeiter weiterreichen.

Für angestellte Medienprofis, die sich bisher vor allem über mehr Homeoffice-Möglichkeiten freuen, empfiehlt sich deshalb ein kritischer Blick auf das eigene Tätigkeitsfeld und Profil. Wie groß ist die Chance, dass der Arbeitgeber die eigenen Aufgaben auslagert, um Kosten zu sparen und flexibler zu werden? Je nach Situation bieten sich verschiedene Strategien an. Sie könnten sich weiterbilden, auf schwer ersetzbare Aspekte Ihrer Tätigkeit (statt Standardaufgaben) konzentrieren - oder als Subunternehmer selbstständig machen.

3. Aufspreizen der Aufgaben und Gehälter

Viele Führungskräfte sind bereits mit operativen Alltagsaufgaben (z. B. Themen auswählen, redigieren oder sogar selbst schreiben) vollauf ausgelastet. Kurzfristiges Kostendenken hat das noch verschärft. Fast überall wurden die Sekretariate verkleinert und Assistenzstellen gestrichen, deren Aufgaben in die Redaktion verlagert: Personalpläne führen, Spesen abrechnen, Reisen buchen, Termine vereinbaren, Telefonate vermitteln - selbst das Leeren von Papierkörben. Alles zulasten von strategischen Aufgaben (z. B. Führung, Konzepte).

Für die nächsten Jahre erwarte ich ein stärkeres Bewusstsein für interne Kosten: Was kostet es das Unternehmen beispielsweise, wenn ein Ressortleiter seine Arbeitszeit teilweise dafür nutzt, Redakteurs- oder sogar Sekretariatsarbeiten zu erledigen - und welche Aufgaben kommen deswegen zu kurz, die sogenannten Opportunitätskosten? Das erst erlaubt den Vergleich: Was sollte, weil es wesentlich billiger wäre und das Kernteam entlasten würde, extern erledigt werden? Wo lassen sich Abläufe vereinfachen oder ganz streichen?

Daraus ergibt sich, dass die Stellenprofile präzisiert und enger gefasst werden, operative und strategische Positionen stärker voneinander getrennt. Damit auch: unterschiedlichere Einkommen innerhalb einer Redaktion. Stärker an Verantwortlichkeit, Ersetzbarkeit und Umsatzrelevanz geknüpft - durch unterschiedliche Verträge, flexible Gehaltsbestandteile oder Unternehmensbeteiligung. Für Medienprofis empfiehlt es sich, stärker in diesen betriebswirtschaftlichen als in moralischen Kategorien ("Gerechtigkeit") zu denken.

4. Missionierung und Spiritualisierung

Schon seit Längerem versuchen fast alle großen Unternehmen, ihren Geschäftszweck zu einer sinnstiftenden Mission zu erklären - teilweise bis zum erklärten Anspruch, die Welt zu retten oder zumindest verbessern zu wollen. Inwieweit das ernst gemeint und nicht nur eine kalkulierte PR-Maßnahme ist, hängt wohl vom Einzelfall ab. Für Medienprofis bedeutet das allerdings, sich noch häufiger in Maßnahmen wiederzufinden, die ideologisch oder politisch getrieben sind, gleichzeitig aber möglicherweise ihren eigenen Werten widersprechen.

Dazu gehört auch die Spiritualisierung des Arbeitsplatzes, häufig eingeführt als Methode für mehr Erfolg und Fokus oder weniger Stress: Yoga, Meditation, Versatzstücke von meist fernöstlichen Religionspraktiken - als fortlaufendes Weiterbildungs- oder Kursangebot oder auch als "Retreat" mit Kollegen. Schon bei den jetzt vorhandenen Verteilungskonflikten - nicht genug Stellen angesichts der Arbeitsbelastung - empfindet mancher diesen Trend daher nicht nur als übergriffig, sondern auch als psychologische Manipulation.

Auf lange Sicht erwarte ich in diesem Bereich zwei gegenläufige Trends: Eine weitere aktivistische Positionierung von Medienhäusern, vergleichbar mit Parteien oder NGOs, die sie damit aber zunehmend nur für ähnlich denkende Mitarbeiter attraktiv macht. Und eine Gegenbewegung, unterstützt vom Gesetzgeber und eventuell auch den Gewerkschaften. Ein Treiber hier könnte der Eindruck aufstrebender Männer im mittleren Lebensalter (40 bis 55 Jahre) schon jetzt sein, zugunsten der Frauenförderung gezielt benachteiligt zu werden.

5. Freiwillige Selbstständigkeit

Schon jetzt sollte es Politik und Arbeitgeber alarmieren, dass sich die einst klassischen Leistungsträger - junge Männer - vielfach mental verabschieden. Anzeichen gibt es viele: weniger Ehrgeiz in Bezug auf Führungspositionen, weil der Preis dafür zu hoch erscheint, ein oder sogar mehrere Sabbaticals schon vor dem 40. Geburtstag, der Wunsch nach Elternzeit oder sogar einem dezidierten Vaterschaftsurlaub. Dahinter steht nach meinem Eindruck nicht nur der erklärte Wunsch nach mehr Partizipation in der Partnerschaft.

Diese Angestellten sehen hohe Anforderungen bis zur Überforderung in der nächsten Karriere-Stufe, dazu wenig eigene Spielräume. Nach einigen Berufsjahren lohnt es sich angesichts der enormen Lohnsteuerbelastung in Deutschland zudem oft kaum, um eine Gehaltserhöhung zu kämpfen - netto käme sowieso nicht viel an. Aufstrebende Frauen finden sich dagegen oft in der Situation wieder, dass ihnen zu niedrig bezahlte Positionen in undankbaren, teilweise unlösbaren Umständen als "Chance" untergejubelt werden.

Für beide Gruppen sehe ich die freiwillige Selbstständigkeit schon jetzt als Trend, der sich verstärken wird: Mitarbeiter, die sich das "nicht mehr antun wollen" - oder wenn, nur noch auf eigene Rechnung und nach ihren Regeln. Pauschale oder projektbezogene Mitarbeit beim ehemaligen Arbeitgeber ist dabei durchaus für beide Seiten vorteilhaft. Langfristig schadet die Abwanderung der Leistungsträger vor allem den Unternehmen, zumal sie sich wegen der Kündigungsschutzregelungen personell sowieso nur schwer erneuern können.

6. Vereinfachung und Reduzierung

Schon jetzt sind manche Redaktionen eher "Scheinriesen": Der äußere Eindruck täuscht eine Größe vor, die gar nicht mehr vorhanden ist. Ein genauerer Blick in die Printausgabe oder auf die Website zeigt, wie viele Inhalte aus Zentralredaktionen und von Agenturen stammen, die andere ebenso beliefern, oder von anderen Titeln übernommen wurden. Ähnlich sieht es in vielen Medienhäusern aus: Viele Gebäude sind längst zu groß, Prozesse zu aufwendig, Kanäle und Werkzeuge zu vielfältig, um sie allesamt weiterzuführen.

So ist bewusste Vereinfachung und Reduzierung ein Trend, der das bisherige Dilemma der Marken-Verwässerung durch austauschbare Inhalte und sinkende Qualität lösen kann. Eine Abkehr vom Modell der vergangenen 25 Jahre, schrumpfende Belegschaften trotzdem mit immer mehr Aufgaben zu belasten. So könnten Lokalmedien beispielsweise absichtlich nur noch Lokalnachrichten anbieten und auf einen allgemeinen Mantel ganz verzichten, dieses Themengebiet aber als zubuchbares Abo-Modul von einem Spezialisten mitverkaufen.

Für überfällig halte ich auch ein Zusammenstreichen der digitalen Arbeitsplattformen und Social-Media-Kanäle, die in den vergangenen 25 Jahren zusammengekommen sind. Das zugunsten nationaler Lösungen, um redaktionelle Freiheit, Margen und Nutzerdaten vor dem übergroßen US-Einfluss zu schützen. In der Schweiz haben sich beispielsweise schon jetzt die großen Medienhäuser und der öffentlich-rechtliche Rundfunk auf ein landesweites Login-Modell mit einheitlichen Nutzerprofilen geeinigt - als Basis für mehr Kooperation.

Ist die Gesamtprognose nun positiv oder negativ? Aus meiner Sicht kann die deutsche Medienbranche zuversichtlich sein. Sie hat schmerzhafte Bereinigungsprozesse hinter sich, die jede Marke (und Redaktion) zu mehr Klarheit, Fokus und Einfachheit zwingen. Das kann für den Einzelnen bedeuten, sich komplett neu zu orientieren, damit aber auch mutiger zu werden. Auch übertriebene, oft sehr idealistische Zukunftshoffnungen aus der Frühzeit der Digitalisierung liegen längst wieder hinter uns. Mit diesem Realismus lassen sich, dabei bin ich sicher, Gestern und Morgen zu neuen Ideen und Geschäftsmodellen zusammenfügen.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA. www.media-dynamics.org.

Sind Sie zufrieden mit ihrem Arbeitgeber?

Wir recherchieren Woche für Woche alle Jobangebote aus der Branche und machen daraus einen Newsletter. Ein Blick auf Ihren Marktwert lohnt sich immer. Vielleicht stimmt ja der Job, nicht aber das Geld.

Sie stellen ein? Hier können Sie Ihre Stellenanzeige aufgeben.

Sie möchten exklusive Medienstorys, spannende Debatten und Personalien lesen? Dann bestellen Sie bitte unseren kostenlosen kressexpress. Jetzt für den täglichen Newsletter anmelden.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.