Axel Springer-Chef Mathias Döpfner: Warum wir die Leser nerven müssen

10.09.2021
 

Mathias Döpfner möchte den Verlag von Bild und Welt zum Weltmarktführer im digitalen Journalismus machen. Nun diskutierte der Axel-Springer-Chef eine Stunde lang mit Welt-Abonnenten über die Frage: "Was ist guter Journalismus?" Döpfner spricht darin auch über eine Intoleranz in der Branche, die ihn beunruhigt.

Ein Welt-Leser fragt Döpfner, was er von "Haltungsjournalismus" hält, den Anja Reschke vom NDR, jüngst neu interpretiert hat.

"Viele schreckliche Sachen sind im Namen einer guten Absicht geschehen. Wer mit Haltungsjournalismus die Welt verbessern will, sollte sich schnell einen anderen Beruf suchen. Wir sind nicht der Reparaturbetrieb der Politik und auch nicht der verlängerte Arm der NGOs. Wir stellen unbequeme Fragen und schauen den Mächtigen auf die Finger. Kritisch nach allen Seiten. Dadurch leisten wir der Demokratie und der freien offenen Gesellschaft den besten Dienst", wird Döpfner deutlich, der selbst mal Chefredakteur der Welt war.

In der weiteren Diskussion mit Welt-Abonnenten definiert Döpfner sein Verständnis von gutem Journalismus: "Guter Journalismus soll nicht die eigenen Vorurteile bestätigen, sondern eher infrage stellen und herausfordern. Deshalb dürfen wir nicht nur schreiben, was unsere Abonnenten lesen wollen. Der Leser muss auch mal genervt die Zeitung zuklappen oder eben den Bildschirm ausschalten. Aber wenn er sich zwischendurch vor Freude in die Hände klatscht, ist das auch ganz schön."

Eine Leserin beschreibt einen "Gleichklang an Meinungen in vielen Medien und dem Öffentlich-Rechtlichen-Rundfunk". Die Leserin hat das Gefühl, erzogen zu werden, "damit die olle, unverständige Zeitungskäuferin sich endlich dem Wunsch einer Wirklichkeit vieler Redakteure beugt".

"Das Gefühl, das Sie beschreiben, haben immer mehr Menschen. Das ist beunruhigend und sollte unsere Branche nachdenklich stimmen", antwortet ihr Döpfner. Vor allem nehme die Intoleranz gegenüber den wenigen Kolleginnen und Kollegen, die es anders sehen, zu. "Dennoch", sagt Döpfner, "es gibt nicht DIE Medien. Und am Ende doch mehr Vielfalt, als es sich manchmal anfühlt."

Döpfner nimmt in dem Chat mit den Lesern auch Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt in Schutz, der in Richtung AfD und deren Wählern von einer "maulenden Verlierertruppe" gesprochen haben soll. Er halte zwar nichts davon, Wähler zu beschimpfen, emotional verstehe er aber Ulf Poschard gut, betont Döpfner. Im Übrigen glaube er nicht, dass die Wähler der AfD einen beträchtlichen Anteil der Leser ausmachten, wie in einer Frage behauptet wird.

Und der Springer-Chef geht auch auf die Finanzierung von Journalismus ein - ein Leser beklagt, dass zu viele gute Beiträge und Analysen bei der Welt hinter der Bezahlschranke verschwinden würden. 

"Journalismus darf nie Empfänger von Spenden und Almosen sein. Nur wenn kritische Berichterstattung ein attraktives Geschäftsmodell ist, werden auf Dauer Qualität und Vielfalt herrschen. Deshalb ist es so wichtig, dass auch über Abo-Erlöse Journalisten-Gehälter finanziert werden können. Wenn wir jeden wichtigen und guten Gedanken kostenlos zur Verfügung stellen, zerstören wir diese Perspektive. Dennoch gibt es Ausnahmen. Und solche Ausnahmen macht auch WELT ab und zu", so die Erklärung von Mathias Döpfner.

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