Landgericht Frankfurt: Spiegel hat Virologen Klaus Stöhr falsch zitiert

22.09.2021
 

Der Virologe Klaus Stöhr hat in erster Instanz einen Unterlassungsanspruch durchgesetzt. Es geht um die Verkürzung eines Zitats durch den Spiegel. Stöhrs Anwalt übt Kritik an dem Nachrichtenmagazin.

"Das Landgericht Frankfurt am Main hat dem Verlag des Magazins "Der Spiegel" auf die Klage von Herrn Prof. Stöhr hin verboten, dessen angebliches Zitat 'Weil die Weltbevölkerung durchseucht werde, seien Impfstoffe nicht notwendig' zu verwenden (Az. 2-03 O 220/21)", teilen die Anwält des Virologen Klaus Stöhr mit. Das Urteil vom 26. August 2021 ist noch nicht rechtskräftig.

Nach Ansicht der Stöhr-Anwältenerweckte der Spiegel in einem Artikel unter dem Titel "Propheten auf dem Irrweg" im Februar 2021 den Eindruck, als habe Stöhr im Frühjahr 2020 die Auffassung vertreten, dass Impfstoffe beim Umgang mit der COVID-19-Pandemie überhaupt nicht notwendig seien. "Der Spiegel" nahm den Anwälten zufolge auf eine Aussage des Virologen im Magazin "Nature" vom 7. Mai 2020 Bezug. Tatsächlich habe sich Stöhr dort allerdings wesentlich differenzierter geäußert und davon gesprochen, dass das Virus in den nächsten ein, zwei Jahren einen Großteil der Bevölkerung infizieren werde. "Danach" werde es in der Welt ähnlich wie die bekannten relativ milden Coronaviren zirkulieren und relativ mild verlaufende Erkrankungen auslösen. Wenig später habe es in "Nature" dazu geheißen, dass deswegen Impfstoffe nicht mehr erforderlich seien. Dies habe sich auf den genannten späteren Zeitraum bezogen, so die Darstellung der Anwälte.

Das Landgericht Frankfurt hat die hohen Anforderungen betont, die an ein richtiges Zitat zu stellen sind: "Da die Verkürzung des Zitats zu einem absoluten Zeitpunkt (Impfungen sind nicht notwendig), ohne Bezugnahme eines Zeitpunkts, ab wann dies nach Ansicht des Klägers der Fall sein könnte, einen anderen, für ihn als Wissenschaftler durchaus abträglichen Aussagegehalt hat, kann er die Unterlassung verlangen", werden die Richter von den Stöhr-Anwälten zitiert.

Klaus Stöhr selbst teilt dazu mit: "Ich habe über mehr als 15 Jahre zur Bedeutung von Pandemieimpfstoffen international publiziert; deshalb war das unzutreffende Zitat besonders befremdlich. Ich glaube auch, ich hatte bei der Recherche des 'Spiegel' zu dem Artikel hinreichend deutlich gemacht, ab welchem Zeitpunkt Impfstoffe u.U. aus meiner Sicht keine große Rolle mehr spielen dürften. Offen bleibt die Frage, ob hier mangelnde Sorgfalt oder Voreingenommenheit als Ursache für die Verkürzung des Zitates vorliegen könnten."

Stöhr-Rechtsanwalt Dominik Höch betont: "Der 'Spiegel' hat sehr hohe Ansprüche an Menschen, über die er berichtet und auch an die eigene Qualität der Arbeit. Es ist bedauerlich, dass er diesen Ansprüchen gerade in Pandemie-Zeiten nicht genügt hat. Verlässliche Informationen sind wichtiger denn je."

Wie der Spiegel auf den Frankfurter Richterspruch in erster Instanz reagiert, ist offen. Eine Verlagssprecherin sagt: "Wir prüfen das Urteil noch und werden binnen der Rechtsmittelfrist entscheiden, ob wir es akzeptieren oder dagegen vorgehen."

Sie möchten exklusive Medienstorys, spannende Debatten und Top-Personalien lesen? Dann bestellen Sie bitte unseren kostenlosen kressexpress. Jetzt für den täglichen Newsletter anmelden.

Ihre Kommentare
Kopf
Kress Pro Magazin
2021/#07

Beim „Kicker“ trifft ein Team alle Entscheidungen. Karin Seidl und Martin Schumacher sagen, wie sie damit vor allem im Digitalgeschäft hocherfolgreich sind.

Inhalt konnte nicht geladen werden.