Wurde das einst so stolze Haus verramscht? Was ist Gruner + Jahr wirklich wert?

 

Viele in der Branche sagen, RTL habe Gruner + Jahr zu einem Schnäppchenpreis gekauft. Häufig verbunden mit der Kritik, dass Bertelsmann das einst so stolze Haus G+J verramsche und durch den Deal kaputt mache. kress pro hat genauer hingesehen und findet die Argumentation nicht sehr tragfähig.

Auszug aus der Kolumne "Aus unseren Kreisen" in kress pro 7/2021.

Auf dem Papier ist die Frage ja beantwortet: Bertelsmann-Chef Thomas Rabe hat das Zeitschriftengeschäft von Gruner + Jahr (G+J) in Deutschland der RTL Group zugeschlagen. Das gehört nur zu 76,3 Prozent Bertelsmann, weshalb RTL einen Kaufpreis in Höhe von 230 Millionen Euro an Bertelsmann entrichtete.

Nach dem Deal wurde dies von vielen in der Branche als niedrige Bewertung oder gar "Schnäppchenpreis" interpretiert. Häufig verbunden mit der Kritik, dass Bertelsmann das einst so stolze Haus G+J verramsche und durch den Deal kaputtmache. 

Bei näherem Hinsehen ist die Argumentation nicht sehr tragfähig. Gehen wir mal durch die Zahlen: Im Jahr 2020 meldete Gruner einen Umsatz von 1,14 Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr waren es laut Geschäftsbericht 548 Millionen Euro, was auf ein stabiles Erlösniveau schließen lässt.

In den Umsätzen sind allerdings einige Bereiche enthalten, die jetzt nicht an die RTL Group gehen. Dazu zählt das Frankreichgeschäft mit einem Umsatz von 238 Millionen Euro (2020). Ebenfalls nicht im Deal enthalten ist die ddv Mediengruppe (u.a. "Sächsische Zeitung"), die mit den umfangreichen Nebengeschäften ebenfalls rund 200 Millionen Euro erlöst haben dürfte. Dazu kommt noch Content-Marketing-Spezialist Territory und das Startup Applike, das Nutzer mit Empfehlungen für Apps versorgt. Applike dürfte inzwischen einen Umsatz im gehobenen zweistelligen Millionenbereich verzeichnen, Territory (1.000 Mitarbeiter) liegt vermutlich noch deutlich darüber. 

Das alles bedeutet: RTL übernimmt ein Geschäft mit rund 500 bis 550 Millionen Euro Umsatz. Im kress-Ranking der größten deutschen Medienunternehmen würde das gerade noch für Platz 21 oder 22 reichen. Unterstellt man die zuletzt erreichte Ebitda-Rendite (vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen) von 11 Prozent, errechnet sich eine Summe von rund 55 bis 60 Millionen Euro. Der Bertelsmann-Kaufpreis entsprach also viermal dem operativen Ebitda oder etwas weniger als einem halben Jahresumsatz. Das ist im Geschäft mit Publikumszeitschriften keine spektakulär tiefe Bewertung. Schließlich geht man bei Bertelsmann für G+J von sinkenden Erlösen im mittleren einstelligen Prozentbereich jährlich aus. 

Die Bewertung ist das eine, das andere ist der Markt. Wer hätte Gruner + Jahr sonst noch kaufen können? Eines ist sicher: Die Interessenten standen nicht gerade Schlange: Bauer setzt auf andere Geschäftsfelder, Burda wäre womöglich an einem Teil interessiert gewesen, hätte aber sicher auch keine Fantasiepreise aufgerufen.

Wenn jemand viel Geld auf den Tisch gelegt hätte, wäre es Bertelsmann wohl nicht schwergefallen, sich von G+J oder zumindest Teilen zu trennen, weil der Konzern langfristig höhere Renditevorstellungen hat, als im Geschäft mit Zeitschriften möglich sind. So aber ist G+J etwa noch das wert, was Bertelsmann ausgerechnet hat. Dabei spielt die Erwartung über die Zukunft die entscheidende Rolle und nicht die Vergangenheit. Gut möglich, dass das Startup Applike, das bereits 2019 einen Umsatz von 50 Millionen Euro erzielte und nach einer Coronadelle wieder rasant wachsen soll, inzwischen mehr wert ist als das gesamte Geschäft mit "Stern", "Brigitte" und Co.

Die komplette "Aus unseren Kreisen"-Kolumne mit weiteren spannenden Themen, etwa zur Frage, wann Bild-TV Geld verdienen wird, und wie gut Politico zu Springer passt, können Sie in kress pro lesen.

Die Top-Themen im neuen kress pro: Warum der Kicker den Chef abgeschafft hat. Wer die besten Digitalagenturen für Publisher sind. Und warum Verlegerin Simone Tucci-Diekmann aus Passau so unbeliebt ist.

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