Nach Piraterie-Vorwürfen am Wahlabend: Bild macht ARD & ZDF pikantes Angebot

27.09.2021
 

"Der Krawallsender Bild TV kapert ohne Genehmigung die Sendung von ARD und ZDF", schimpft Ex-ARD-Chefredakteur Ulrich Deppendorf. Er wirft dem Springer-Konzern, der sonst nur Kampagnen gegen den ÖRR führe, "Sender-Piraterie" vor. Bild hat sich nun zu den Vorwürfen geäußert - und macht den Öffentlich-Rechtlichen ein Angebot, das es in sich hat.

Bild hatte am Wahlsonntag zur Crunchtime kurz nach 18 Uhr minutenlang das Programm von ARD und ZDF auf seinem jüngst gestarteten Fernsehsender übertragen. Dort waren dann die wichtigen Wahlprognosen und Teile der "Berliner Runde" zu sehen. U.a. kommentierten Bild-Chefredakteur Julian Reichelt und Bild-TV-Lenker Claus Strunz die Bilder. Boris Rosenkranz von Übermedien machte gleichzeitig mehrere Screenshots von dem Treiben und teilte sie auf Twitter. Damit war die Debatte entfacht, in die sich mehrere Medienprofis einschalteten (kress.de berichtete).

ARD und ZDF teilten in der Folge mit, dass die Aktion der Bild nicht mit den Sendern abgestimmt war. Man wolle juristische Schritte gegen Bild TV prüfen.

Das Medienmagazin Zapp des NDR weist in einer aktuellen Meldung darauf hin, dass Bild zuletzt immer wieder den öffentlich-rechtlichen Sendern Vorwürfe im Zusammenhang mit der Wahlberichterstattung gemacht hätte: "Die Zeitung titelte etwa: 'So macht das ZDF Wahlkampf für die Grünen' oder: 'Wollen ARD-Sender Laschet als Kanzler verhindern?'. Wie passen diese Vorwürfe gegenüber ARD und ZDF damit zusammen, dass sie deren Live-Sendung am Wahlabend minutenlang bei Bild TV einbetten?"

Ein Bild-Sprecher gab gegenüber kress.de folgendes Statement ab:

"Die Bundestagswahl war ein zeithistorischer Moment. Wir haben im Rahmen unserer aktuellen Wahlberichterstattung die stark unterschiedlichen Prognosen mit klarem Quellenhinweis live zitiert und ausgewählte Sequenzen aus der 'Berliner Runde' übernommen und für unsere Zuschauer eingeordnet. Bei diesem Gesprächsformat handelt es sich um ein nachrichtliches Ereignis von überragender Bedeutung, das von ARD und ZDF als gebührenfinanzierter Rundfunk zentral veranstaltet wird, aber auch für Menschen relevant ist, die sich am Wahlabend auf anderem Wege informieren möchten.

Falls sich aus der Übernahme seitens Bild Ansprüche von ARD und ZDF ergeben sollten, sind wir gerne bereit, diese zu begleichen. Wir würden dann allerdings davon ausgehen, dass ARD und ZDF Leistungsschutzrechte auch gegenüber den GAFA-Plattformen in gleicher Konsequenz geltend machen."

Gemeint sind die großen Digitalkonzerne Google, Amazon, Facebook und Apple. Wenn diese Inhalte von ARD und ZDF übernehmen, würden die Sender auch nicht so konsequent dagegen vorgehen, so die Argumentation. "Tatsächlich hatte erst im Frühjahr die Verwertungsgesellschaft Corint Media dagegen wegen Verzerrung des Medienmarkts bei den 16 Chefs der deutschen Staatskanzleien Beschwerde eingelegt", erinnert die SZ in diesem Zusammenhang. Ob das den Vorwurf der möglicherweise rechtswidrigen Übernahme der Inhalte durch Bild-TV aus der Welt schaffen werde, müsse nun geklärt werden.

Leonhard Dobusch, ZDF-Fernsehrat, kommentierte auf Twitter: "Das Problem ist nicht, dass 'Bild' hier das Programm von ARD & ZDF übernommen hat. Das Problem ist, dass zeithistorische, urheberrechtlich unproblematische Inhalte von Öffentlich-Rechtlichen nicht sowieso unter freien Lizenzen stehen. Dann könnten *alle* sie nutzen."

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Der Bild-Sprecher teilte zugleich mit, dass über 3,5 Millionen Menschen am 26. September die Wahlsendungen bei Bild verfolgt hätten, davon über 1 Million live im TV (Quelle: AGF Videoforschung in Zusammenarbeit mit GfK) sowie über 2,5 Millionen live und on Demand auf BILD.de und Youtube.

Hintergrund: Am Wahlsonntag haben zeitweise rund 32 Millionen Zuschauer ferngesehen und damit in der Spitze mehr als in den Sonntagen vor der Wahl. Diesen Tageshöchstwert gab es über die öffentlich-rechtlichen und privaten Sender verteilt und zusammengenommen gegen 20.14 Uhr. Das geht aus einer Zuschaueranalyse der AGF Videoforschung rund um die Bundestagswahl hervor. Das Unternehmen misst unter anderem die täglichen Quoten der TV-Sender. Auch danach war das Interesse im Tagesvergleich bis etwa 21 Uhr besonders hoch. Zu dieser Zeit lief zum Beispiel die "Berliner Runde" im Ersten und ZDF, in der Top-Politiker über den Wahlausgang sprachen.

Knapp 70 Prozent der TV-Zuschauer ab 3 Jahre in Deutschland hatten seit Ende August bis zur Bundestagswahl mindestens einmal Kontakt mit einer Wahlsendung gehabt - das entspricht gut 51 Millionen Leuten. Inbegriffen sind auch Wahlwerbespots. Betrachtet man die jüngere Zielgruppe, so waren es in der Altersgruppe 14 bis 29 Jahre 39 Prozent (5,1 Millionen), die mindestens eine Wahlsendung vor der Bundestagswahl verfolgten. Speziell am Wahlabend kamen den Angaben zufolge rund 4 Millionen Zuschauer ab 3 Jahre hinzu, die davor keine Wahlsendung im Fernsehen gesehen hatten.

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