Nicht vor, sondern hinter der Kamera? Die seltsame Entscheidung im WDR-Fall Nemi El-Hassan

29.09.2021
 

Nach Antisemitismus-Vorwürfen hat sich der WDR "zum jetzigen Zeitpunkt" dafür entschieden, die Journalistin Nemi El Hassan die Wissenschaftssendung "Quarks" nicht moderieren zu lassen. Hinter der Kamera könnte sie allerdings zum Einsatz kommen. Wie Intendant Tom Buhrow das begründet - und warum nicht nur die FAZ von einem seltsamen Kompromiss spricht. 

WDR-Intendant Tom Buhrow begründete seine Entscheidung im Fall Nemi El-Hassan laut einem dpa-Bericht im WDR-Rundfunkrat so: Das Problem sei in seinen Augen nicht so sehr ihre Teilnahme an einer Al-Kuds-Demonstration vor sieben Jahren, da sie sich davon klar distanziert habe. Es hätten sich aber auch aus jüngster Zeit problematische Likes von ihr in sozialen Netzwerken gefunden. "Es ist eine schwierige, schwierige Abwägung", sagte Buhrow. Eine Moderation würde aber in jedem Fall zu einer unangebrachten Politisierung der Sendung führen. Allerdings erwäge man, El-Hassan als Autorin für "Quarks" arbeiten zu lassen, so Buhrow - also nicht vor, sondern hinter der Kamera.

Michael Hanfeld pflichtet in seinem FAZ-Kommentar WDR-Chef Buhrow zunächst bei: Eine schwierige Abwägung sei es in der Tat. Denn es gehe hier um einen Einzelfall und um Grundsätzliches. Es gehe um die Frage, welche Einstellungen Nemi El-Hassan persönlich vertrete und um den fundamentalen Grundsatz, dass Judenfeindlichkeit, dass Rassismus und Intoleranz im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht nur keinen Platz haben dürfe, sondern es dem Grundauftrag der Sender entspreche, für die freiheitlich-demokratische Grundordnung einzutreten und diese zu verteidigen. Das gelte für jede einzelne Mitarbeiterin, für jeden Mitarbeiter, vor und hinter der Kamera, so Hanfeld.

Der Leiter des Medienressorts und Chef von Feuilleton Online bei der FAZ verweist darauf, dass El-Hassan bis in die jüngste Vergangenheit auf Instagram Beiträge für gut befunden, also "geliked", hätte, die von Antisemitismus geprägt seien. "Soll man das mit Gedankenlosigkeit erklären?", fragt Hanfeld. Die Likes unter diesen Beiträgen habe Nemi El-Hassan erst in den letzten Tagen entfernt, weist Hanfeld in seinem FAZ-Kommentar hin. Wer sich so verhalte, habe den Rubikon überschritten.

Zum Wunsch des Vorsitzenden des WDR-Rundfunkrats, Andreas Meyer-Lauber, nach einer für alle Seiten akzeptable Lösung, bezieht Hanfeld klar Stellung:

"Akzeptabel für alle Seiten? Für Nemi El-Hassan, für ihre mehr als vierhundert Unterstützer aus der hiesigen Twitter-Blase, die in einem offenen Brief eine „rassistische“ Kampagne wittern und meinen, Nemi El-Hassan werde ihrer Herkunft wegen verfolgt und angegriffen und müsse vom WDR engagiert werden? Und zugleich für all jene, die der Überzeugung sind, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender in dieser Frage keinen faulen Kompromiss eingehen darf? Das kann es nicht geben."

Medienredakteur Christian Meier findet bei der Welt die Entscheidung des WDR, El-Hassan die Quarks-Sendung nicht moderieren zu lassen, richtig und schmerzhaft zugleich. Aus zwei Gründen:

"Zum einen ist jegliches Urteil über eine Person, das aufgrund von Likes in sozialen Medien gefällt wird, problematisch. Das Prinzip der sogenannten Kontaktschuld ist abzulehnen. Gleichzeitig muss jeder Mensch natürlich darauf achten, wen oder was er im Netz unterstützt, und gerade Likes haben selbstverständlich eine Aussagekraft. Medienprofis sollte die Wirkungsmacht auch solcher symbolischer Kommentierungen bewusst und präsent sein. Frau El-Hassan muss sich der Brisanz ihrer Likes bewusst gewesen sein, sonst hätte sie diese nicht wieder entfernt. Dennoch ist die Vorstellung deprimierend, dass eine Karriere, ja ein Lebenslauf von einem Like vielleicht unwiderruflich beschädigt wird."

Zum anderen ist der Fall aus Sicht von Christian Meier schmerzhaft, "weil die Gesellschaft dringend Vorbilder nötig hätte, die sich glaubhaft von radikalem Gedankengut distanzieren, das sie zu einem früheren Zeitpunkt gutgeheißen oder zumindest toleriert haben". So ein Vorbild hätte Nemi El-Hassan sein können. Könne sie es jetzt noch werden?, fragt Meier. Im Rundfunkrat habe es laut einem Bericht Stimmen gegeben, El-Hassan könne weder vor noch hinter der Kamera für den Sender arbeiten.

Zu den Erwägungen von WDR-Chef Buhrow El-Hassan als Autorin für die "Quarks"-Sendung arbeiten zu lassen, meint Meier: "Diese Art von Kompromiss wirkt zum jetzigen Zeitpunkt schwer vermittelbar und inkonsequent. Denn es gehe nicht nur um den Schein, die sichtbare Repräsentantin einer Sendung. Sondern gerade und ausdrücklich um das Sein, um die Überzeugungen von Menschen, die beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk beschäftigt seien. In welcher Rolle sie das tun, sei nachrangig, so Christian Meier bei Welt Online.

Zahlreiche Rundfunkratsmitglieder meldeten sich dpa zufolge im Fall Nemi El-Hassan zu Wort und kritisierten ganz überwiegend, dass El-Hassan weiter für den WDR tätig sein solle. Sie könne weder vor noch hinter der Kamera einen Platz haben. "Wir dürfen doch nicht so tun, als ob es unterschiedlich wichtige Aufgabenbereiche im WDR gibt", hieß es demnach in einer Wortmeldung. Damit tue sich der WDR keinen Gefallen. Das Problem seien weniger die Jugendsünden als die Bekundungen aus neuester Zeit. Man könne israelkritisch sein, aber Freude über Gewalt gegen Israel sei auf keinen Fall zu tolerieren.

Der Rundfunkratsvorsitzende Andreas Meyer-Lauber sagte laut dpa: "Antisemitische Positionen können und dürfen im WDR keinen Platz haben." Daran lasse man nicht rütteln. Wie man dann im Detail eine Personalentscheidung treffe, sei nicht Sache des Rundfunkrates. "Die Entscheidung können wir Ihnen hier und heute nicht abnehmen", sagte er demnach  an Buhrow gewandt. Die Grundrichtung der Wortmeldungen sei aber deutlich gewesen. Er wünsche sich eine für alle Seiten akzeptable Lösung.

Hintergrund: Bei den alljährlichen Al-Kuds-Demonstrationen in Berlin waren in der Vergangenheit immer wieder antisemitische Parolen gerufen und Symbole der pro-iranischen libanesischen Hisbollah-Bewegung gezeigt worden. Der ganze Fall war durch Berichterstattung der "Bild" ins Rollen gekommen: Die Zeitung hatte bekanntgemacht, dass die Journalistin vor mehreren Jahren bei einer Al-Kuds-Demo in Berlin war. Daraufhin hatte sich El-Hassan von der Demo im Jahr 2014 distanziert. Der WDR teilte anschließend mit, dass er den geplanten Start der Moderation von El-Hassan bei der Wissenschaftssendung "Quarks" vorerst aussetze (kress.de berichtete). Eigentlich hätte die 28-Jährige im November anfangen sollen.

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