Kolumne: So werden Medienprofis mental fit für jede Krise

 

Die wenigsten Krisen kommen völlig überraschend. Aber wir sind gut darin, Hinweise und Vorzeichen lange auszublenden. Persönlichkeitsentwicklung kann Sie dabei unterstützen, offener, gelassener und stärker zu werden. Mediencoach Attila Albert sagt, wie Sie mit einfachen Schritten beginnen.

Eine Ressortleiterin traf kürzlich eine Freundin wieder, die sie zuletzt vor der Coronakrise gesehen hatte. Das Wiedersehen war enttäuschend: "Sie hat nur geschimpft und geklagt. Viele Meinungen, keine Fragen." Einige Tage später dachte sie ein wenig anders darüber: "Eigentlich war ich die letzten Jahre auch so drauf, damit wohl auch nicht die angenehmste Freundin." Ähnlich ging es einem Chefreporter: "Ich habe viele Kollegen auf Twitter und Facebook inzwischen stummgeschaltet. Die ewige Negativität halte ich nicht mehr aus, das zieht mich völlig runter." Gleichzeitig fragt er sich, warum ihn das überhaupt belastet.

Krisenzeiten sind ja angeblich die beste Gelegenheit, an den Herausforderungen zu wachsen. Ein kurzer Blick auf unsere Mitmenschen - und auch auf uns selbst - zeigt allerdings: Das gelingt nicht immer gleich gut. Mancher bleibt in einer Krise tatsächlich ruhig, respektvoll und erledigt, was zu tun ist. Andere können kaum noch einen klaren Gedanken fassen, werden apathisch oder aggressiv. Immer wird zuerst der Ruf laut, die anderen oder gleich alle - die "Gesellschaft", "das System" - müssten sich jetzt ändern. Irgendwann folgt die weniger populäre Einsicht, dass man wohl bei sich beginnen müsste.

Herausforderungen des Lebens bewältigen

Das ist das Feld der Persönlichkeitsentwicklung, bei der es nicht um fachliche Kompetenzen geht, sondern um persönliche und charakterliche Stärken. Sie sind kein Selbstzweck oder Luxus für Gelangweilte, sondern haben ein sehr praktisches Ziel: Die Herausforderungen des Lebens gut bewältigen zu können. Für manchen geht das schon damit los, Ängste und Hemmungen bei Konferenzen, Bewerbungen und Präsentationen loszuwerden. Weitaus stärker braucht es Bewältigungskompetenz aber bei akuten Krisen (z. B. Epidemie, Unglück, Naturkatastrophe) oder Verlusten (z. B. Entlassung, Trennung, Krankheit, Todesfall).

In meinen Karriere-Coachings mit Medienprofis kommen sämtliche dieser persönlichen Herausforderungen zur Sprache, auch wenn sie meist nicht unser Kernthema sind. Aber nur, wer sie bewältigen - nicht verdrängen - kann, ist schlussendlich auch beruflich erfolgreich.  Das eigene Leben muss weitergehen und funktionieren, trotz z. B. einer langwierigen Scheidung, eines pflegebedürftigen Elternteiles, des tragischen Todes eines Angehörigen, eines unerfüllbaren Kinderwunsches oder einer chronischen Erkrankung. Besser noch: Trotzdem schön, reich und erfüllend sein. Anspruchsvoll, aber machbar.

Die Beispiele zeigen die Besonderheit dieser Herausforderungen: Sie treffen absehbar jeden einmal, das Risiko lässt sich bestenfalls reduzieren. Und sie lassen sich nicht schnell lösen, sondern müssen lange ausgehalten, schrittweise bewältigt und in die bisherigen Erfahrungen integriert werden. Den schnellen Tipp, der alles sofort löst, gibt es dafür also nicht. Man kann sich einige theoretische Erläuterungen durchlesen, etwa zu Resilienz-Faktoren, oder einige entspannende oder beruhigende Techniken erlernen, etwa Meditieren oder Atemübungen. Aber am Ende ist "Arbeit an sich selbst" notwendig.

Entscheiden, wie Sie sein wollen

Beginnen Sie mit einem persönlichen Ziel: Welche Aspekte Ihrer Persönlichkeit wollen Sie stärken, welche reduzieren? Die bisherigen Stärken sind uns häufig weniger bekannt oder werden als selbstverständlich abgetan. Die Schwächen (man darf sie auch "Potenzial" nennen) sind präsenter, weil sie uns selbst stören oder regelmäßig kritisiert werden. Einige einfache Schritte, die weder Geld noch viel Zeit kosten, bringen Sie dabei schon weiter.

  • Fragen Sie einige Vertrauenspersonen, wie Sie sie charakterlich sehen. Nicht danach also, wie gut Sie etwas tun, sondern wie Sie sind. Die meisten Menschen fürchten und vermeiden diese sehr grundsätzliche Einschätzung, sind aber anschließend fast immer positiv überrascht oder sogar berührt davon.

  • Reflektieren Sie, wie Sie eigentlich sein wollen. Wie bei einer fachlichen Weiterbildung hilft ein klares Ziel. Gibt es Menschen, denen Sie in bestimmten charakterlichen Aspekten oder insgesamt nacheifern wollen? Derartige Vorbilder müssen nicht perfekt sein, und Sie können auch mehrere haben.

  • Beobachten Sie, wie Sie sich unter Stress verhalten. Ziehen Sie sich ganz zurück, werden Sie angriffslustig, flüchten Sie sich in Ablenkungen oder vergessen Sie, auch noch an Ihre Bedürfnisse zu denken? Wenn Sie dieses Verhalten nur minimal ändern, setzen Sie Energien frei, die Sie anderweitig einsetzen können.

  • Achten Sie darauf, wo Ihre Einschätzungen regelmäßig daneben liegen. Wenn jemand ständig die Welt nicht mehr versteht, liegt es eventuell nicht an der Welt, sondern am Weltbild. Das ist kein Fehler, sondern ein Hinweis auf "blinde Flecken" in Ihrem Blick - wo Sie also gewohnheitsmäßig etwas übersehen oder ausblenden.

  • Erweitern Sie Ihre Komfortzone: Setzen Sie sich Gesprächen mit Menschen aus, die ganz andere Ansichten und Lebenserfahrungen als Sie haben, stellen Sie offene Fragen und hören Sie viel zu. Sie erfahren dadurch nicht nur, wie andere ihre Krisen bewältigt haben - sondern gleichzeitig auch, dass sie zu bewältigen sind.

  • Entdecken Sie verräterische Bemerkungen. Wenn Sie beispielsweise in Ihrem Alltag ständig von "Problemen" reden, ist es nur eine oberflächliche, nicht nachhaltige Lösung, sich stattdessen zum Begriff "Herausforderungen" zu zwingen. Eine echte Änderung wäre, wirklich zuversichtlicher als bisher zu sein.

  • Unterscheiden Sie zwischen Haltung und Starrheit: Wer ein stimmiges, stabiles Weltbild hat, muss sich nicht ständig selbst vergewissern, indem er andere kritisiert, zurechtweist oder abwertet. Sondern kann seine eigene Sichtweise vertreten und erklären, aber auch andere daneben stehen lassen oder sich korrigieren.

  • Überprüfen Sie Ihre praktische Situation: Neben der mentalen Kompetenz ist immer auch die praktische Seite notwendig. Hier geht es nicht darum, jeden denkbaren Fall vorauszuplanen (Stichwort: Perfektionismus). Sondern: Grob gerüstet zu sein, indem Ihre Lebens- und Finanzplanung das "Unerwartete" erwartet.

Für neue Coaching-Klienten ist es oft überraschend, dass wir sehr schnell konkret werden. Beispiel: Wenn ein freier Journalist regelmäßig finanzielle Sorgen hat, dann muss er nicht eine allgemeine Weltverbesserung durchdenken - sondern seine Umsatzsituation, etwa an Unternehmenskonzept, Kundenakquise und Arbeitsabläufen arbeiten. Hier ergänzen sich Persönlichkeitsentwicklung und praktische Umsetzung: Was theoretisch klar war, wird nun durch mehr Entschlossenheit, Klarheit und Beharrlichkeit endlich wirklich angegangen. Die bisherige Kraftlosigkeit, Vermeidung oder Unkonzentriertheit geht dagegen zurück.

"Wie gut soll ich denn noch werden?", wird bei diesem Thema oft etwas suggestiv gefragt. Die Antwort: So gut, wie es Ihnen notwendig erscheint, um Ihr Leben inklusive der Krisen und Umbrüche gut zu bewältigen und zusätzlich auch anderen beistehen zu können. Es handelt sich also - ähnlich wie bei der körperliche Fitness - um ein fortlaufendes, lebenslanges Vorhaben, das immer wieder seine Erfolge und Rückschläge erlebt, aber viel Freude machen kann. Wie so oft gilt: Bescheidene Vorhaben, aber konstant verfolgt, bringen Sie langfristig am weitesten.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA. www.media-dynamics.org.

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