Dirk Ippen verhindert kritischen Bericht über Julian Reichelt

 

Verleger Dirk Ippen hat offenbar verhindert, dass in seinen Medien ein kritischer Bericht mit neuen Vorwürfen gegen Julian Reichelt erscheint. Das Rechercheteam Ippen Investigativ habe dafür "bislang unbekannte Details über den mutmaßlichen Machtmissbrauch" des "Bild"-Chefredakteurs zusammengetragen, berichtet "Übermedien". In der "New York Times" ist derweil ein Bericht erschienen, der Reichelt, das Unternehmen Axel Springer und den CEO Mathias Döpfner in einem sehr schlechten Licht erscheinen lässt.

Laut "Übermedien" war die Veröffentlichung eigentlich für Sonntag vorgesehen. Wie im Compliance-Verfahren gegen Reichelt hätte es darin um die Vorwürfe Mobbing, Begünstigung und ein toxisches Arbeitsklima gehen sollen. Ippen Investigativ habe dafür ein halbes Jahr lang recherchiert. "Unsere Recherche-Ergebnisse deuten auf Missstände und Machtmissbrauch im Hause Axel Springer und durch den mächtigsten Chefredakteur Deutschlands hin", schreiben Chefredakteur Daniel Drepper, sein Stellvertreter Marcus Engert und die beiden Senior-Reporterinnen Juliane Löffler und Katrin Langhans in ihrem Protestschreiben an die eigene Unternehmensführung, aus dem "Übermedien" zitiert. "An diesen Recherche-Ergebnissen besteht ohne jeden Zweifel ein hohes öffentliches Interesse."

Die Autoren des Protestschreibens zitieren auch aus einer Mail von Ippen-Digital-Chefredakeur Markus Knall, aus der hervorgeht, dass der Verleger die Entscheidung gegen die Veröffentlichung getroffen hat: Ippen habe sich "nach intensiver und harter Diskussion" letztlich "klar" dagegen ausgesprochen, soll Knall geschrieben haben. Das Investigativ-Team wertet das in seinem Protestschreiben als "Vertrauensbruch": "Die Entscheidung ist eine absolute Verletzung des Grundsatzes der Trennung von Redaktion und Verlag. Wir fühlen uns dadurch in unserer Arbeit als Investigativ-Team beschnitten." Laut "Übermedien" sollen Vertreter von Axel Springer zuvor Kontakt zu "hochrangigen Ippen-Verlagsleuten" aufgenommen haben, um die Veröffentlichung zu verhindern.

Ippen selbst hat unterdessen in einem Statement, veröffentlicht bei "Meedia", um Verständnis für seine Entscheidung geworben. Er verweist darin auf die Konkurrenz zwischen seiner "tz" und der "Bild": "Es gehört für mich zu den ältesten Grundsätzen des Journalismus, dass bei Berichten über Wettbewerber auch der Anschein vermieden werden muss, es könnten neben publizistischen auch wirtschaftliche Motive hinter einer Kritik am Wettbewerber stehen."

"Sex, Journalismus und Firmengeld"

Um Vorwürfe wie Machtmissbrauch war es auch in dem Compliance-Verfahren gegen Reichelt gegangen, das im Frühjahr glimpflich für den "Bild"-Chef ausging. Dass die Geschichte damit nicht beendet ist, zeigt neben den kurz vor Veröffentlichung gestoppten Recherchen des Ippen-Investigativ-Teams ein Artikel der "New York Times" von Sonntag: Er setzt Reichelt, das Unternehmen Axel Springer und den CEO Mathias Döpfner in ein sehr schlechtes Licht. Medienkolumnist Ben Smith zitiert unter anderem Aussagen, die junge "Bild"-Mitarbeiterinnen während des Compliance-Verfahrens gegen Reichelt gemacht haben. Die Dokumente, die er gesehen habe, würden das Bild von einer Arbeitsplatzkultur erscheinen lassen, die "Sex, Journalismus und Firmengeld" vermischt, schreibt Smith.

Heikel ist auch eine Mail vom 1. März, die Döpfner dem Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre geschickt haben soll, mit dem er zu diesem Zeitpunkt noch befreundet war. In dem Verfahren gegen Reichelt müsse man "sehr vorsichtig" sein, weil der "Bild"-Chef "wirklich der letzte und einzige Journalist in Deutschland" sei, der "noch mutig gegen den neuen DDR-Obrigkeits-Staat aufbegehrt", heißt es darin laut NYT. Fast alle anderen seien zu "Propaganda-Assistenten" geworden. Döpfner bezieht sich mit seiner DDR-Anspielung offenbar auf einen Reichelt-Kommentar gegen die Corona-Maßnahmen in Deutschland. Für Springer dürfte die Veröffentlichung der "New York Times" besonders schmerzhaft sein, weil das Unternehmen in den USA massive Geschäftsinteressen verfolgt, was sich zuletzt durch den Kauf von Politico gezeigt hat.

Hintergrund: Das Investigativ-Team von Ippen ist aus der Redaktion von Buzzfeed Deutschland hervorgegangen, das seit dem vergangenen Jahr zu Ippen Digital gehört. Ippen Digital hat ein Netzwerk mit rund 50 Websites von Zeitungen und Anzeigenblättern, 24er- und Special-Interest-Portalen geknüpft und wollte durch die Integration der Buzzfeed-Reporter um Daniel Drepper journalistisch relevanter werden und sich eine investigative Note zulegen. "Das Investigativ-Team um Daniel Drepper produziert exzellente Inhalte, für die es oft Wochen oder Monate recherchiert", sagte Knall im vergangenen Jahr im Interview mit kress pro. "Diesen Kollegen wollen wir eine größere Bühne geben, indem wir ihre Inhalte auch über das Netzwerk verbreiten." Knalls Vorhaben dürfte mit der geplatzten Reichelt-Recherche jetzt gründlich gescheitert sein.

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