Reaktionen auf Reichelt-Rauswurf: "Er wird immer einer der besten Journalisten bleiben"

 

Am Montag hat Axel Springer "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt abberufen, nachdem neue Erkenntnisse über Machtmissbrauch und Fehlverhalten bekannt geworden waren. Wie seine Freunde und Gegner sowie Medienjournalisten auf den Rauswurf reagieren.

"Bild"-Vize-Chefredakteur Paul Ronzheimer ist so etwas wie ein Alter Ego von Reichelt - und daran hat dessen Rausschmiss nichts geändert: "Er wird auch immer einer der besten Journalisten bleiben! Axel Springer, BILD, und ganz viele Reporter haben @jreichelt so so viel zu verdanken. Und auch das sollte nicht untergehen! Danke, mein Freund!", twittert Ronzheimer und garniert seinen Tweet mit einem Herzchen. Auch bei "Bild TV" bedankt er sich bei ihm und würdigt ihn für seine "journalistischen Glanzleistungen" und seine "absolute Power".

Zuspruch für Reichelt kommt auch aus den Reihen seiner jungen Getreuen bei "Bild" und von anderen Springer-Chefredakteuren. Ulf Poschardt, "WeltN24"-Chef, bedankt sich via Twitter ebenfalls bei ihm - und erklärt ihn in mehreren Tweets quasi zum Opfer: "wie muss man sich eine moral vorstellen, in der erwartet wird, dass man einen freund fallen lässt, wenn er am boden ist?", fragt er rhetorisch. Und Julian Röpcke, verantwortlicher Redakteur im Politik-Ressort von "Bild", twittert einen Ausschnitt aus dem aktuellen "Spiegel"-Bericht zu Reichelt, in dem wiederum eine angebliche intime Nachricht Reichelts zitiert wird. Röpcke kommentiert das mit dem Hashtag "#Drecksblatt" - und er meint damit offenbar nicht "Bild".

Markus Knall, Chefredakteur von Ippen Digital, wurde gestern zur tragischen Figur. Er musste seinen eifrigen Rechercheuren verkünden, dass Verleger Dirk Ippen ihre Reichelt-Recherchen nicht veröffentlich sehen will. Auf die Mitteilung über dessen Abberufung reagierte Knall dann mit dem Tweet "Ippen-Impact". Das hat ihm Spott eingetragen: "Chefredakteur, der es nicht geschafft hat, dass die Arbeit seiner eigenen Investigativ-Redaktion in den von ihm verantworteten Medien erscheint, prahlt mit deren Recherchen und ihrem Impact. Eine traurige Figur", twitterte Medienjournalist Stefan Niggemeier zurück.

Erleichterung herrscht bei Knalls Investigativ-Team, das seine Recherchen doch noch öffentlich machen konnte und so maßgeblich zu Reichelts Abberufung beigetragen hat. Teamleiter Daniel Drepper würdigte vor allem die Leistungen von Juliane Löffler, die offenbar am meisten zur Recherche beigetragen hat: "Was waren das für verrückte dreieinhalb Tage. Meinen allergrößten Respekt für@laloeffelstiel! Es ist so unglaublich, was sie in den vergangenen Tagen, Wochen und Monaten geleistet hat, gegen welche Widerstände sie sich durchgesetzt hast, mit welcher Ausdauer. Tiefe Verneigung!", twittert er.

Rausschmiss war "strategische Notbremse"

Im Morning Briefing des "Handelsblatts" beschäftigt sich auch Hans-Jürgen Jakobs mit dem "Bild-Beben". Jakobs, früher vielbeachteter Medienjournalist, interpretiert den Reichelt-Rausschmiss als "strategische Notbremse" des Medienkonzerns, weil er in den USA Reputationsschäden fürchten musste. Ähnlich sieht es auch Joachim Huber vom "Tagesspiegel": "Die MeToo-Vorwürfe gegen Reichelt haben das Potenzial, die Expansion in den USA ins Stolpern zu bringen", kommentiert er. "In der Gesellschaft wie in der Ökonomie der USA wird derartiges Gebaren hart und härter als in Deutschland sanktioniert." Der Artikel der "New York Times" habe "so unaufdringlich wie deutlich gezeigt, welche Gegenwinde auf Springer zukämen, wenn die Causa Reichelt nicht ausgeräumt worden wäre".

Wachsende Kritik an Döpfner

Springer-Boss Mathias Döpfner wird unterdessen selbst immer mehr zum Ziel heftiger Kritik von Medienjournalisten. Sie entzündet sich insbesondere an einer Mail an seinen früheren Freund Benjamin von Stuckrad-Barre, aus der zunächst die "New York Times" zitiert hatte. Springer hat die Authentizität des Zitats mittlerweile bestätigt, und auch das deutsche Original ist nun publik: Reichelt sei "wirklich der letzte und einzige Journalist in Deutschland der noch mutig gegen dan neuen DDR Obrigkeitsstaat aufbegehrt", schrieb Döpfner demnach (Rechtschreibfehler aus dem Original). "Fast alle anderen sind zu Propaganda Assistenten geworden."

Der Querdenker-Duktus im privaten Mail-Austausch zwischen Springer-Boss und Schriftsteller birgt Sprengstoff - zumal Döpfner Präsident des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) ist. "Wenn Xavier Naidoo im Fernsehen schwurbelt bei 'DSDS', dann fliegt er raus. Wo liegt die Messlatte für Mathias Döpfner?", fragt daher DWDL-Chefredakteur Thomas Lückerath in einem Kommentar. In dieses Horn stößt auch Medienjournalist Niggemeier: "Es ist eine Schande für die deutschen Zeitungsverlage, dass jemand wie #Döpfner ihr oberster Repräsentant ist. Und das nicht erst seit dem DDR-Obrigkeitsstaats-Zitat", kommentiert er bei Twitter.

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