Vorstellungsgespräch im Bademantel: Jan Fleischhauer entblößt Ex-Arbeitgeber Spiegel

02.11.2021
 

30 Jahre war er beim Spiegel, seit Sommer 2019 arbeitet Jan Fleischhauer für den Focus. In seiner neuen Kolumne "Wollen wir ficken?" kritisiert er die Doppelmoral des Spiegel im Fall Reichelt. Auch der Spiegel müsse seine Firmenkultur dringend aufarbeiten, meint Fleischhauer - und fordert, dass Herausgeber Augstein aus dem Impressum gestrichen wird.

"Reicht eine Büroaffäre, um eine Karriere zu ruinieren? Das wäre wichtig zu wissen. Dann müssten viele Leute in Deutschland um ihren Job bangen, auch beim 'Spiegel', der die Vorgänge in den Chefetagen bei Springer mit besonderer Obsession verfolgt. Oder ist man erst in Schwierigkeiten, wenn man Affären in Serie eingeht und sich damit der 'Zügellosigkeit' schuldig macht, wie der Vorwurf der Sittenwächter aus dem Norden lautet."

Jan Fleischhauer nimmt in seiner neuen Focus-Kolumne die Entlassung von Bild-Chefredakteur Julian Reichelt zum Anlass, um sich über Machtmissbrauch in den Medien auszulassen. In diesen Tagen würden die Standards der Sexualmoral im Mediengewerbe neu justiert, weiß Fleischhauer.

Er wolle Reichelt nicht verteidigen, sei allerdings stets dafür, "klar zu benennen, was man jemandem vorwirft, den man für untragbar hält":

"Je unbestimmter die Vorhaltungen, desto misstrauischer werde ich. 'Kultur der Angst' oder 'schmierige Unternehmenskultur" sind Tatbestände des Innuendos, die den Vorteil haben, dass man sie nicht widerlegen kann, deshalb sind sie ja auch schnell hingeschrieben. Bei jedem regulären Arbeitsgerichtsprozess flögen sie allerdings zum Fenster raus."

Fleischhauer rechnet den "Sittenwächtern aus dem Norden", mit denen er seinen alten Arbeitgeber Spiegel meint, vor: "Mich stimmt es auch skeptisch, wenn der Zeigefinger pfeilgerade in eine Richtung zeigt, ohne dass bedacht wird, dass drei Finger auf einen zurückweisen."

Fleischhauer beteuert zwar, er wolle nicht ins Detail gehen, Indiskretion im Privaten sei seine Sache nicht, breitet dann aber doch Pikantes über angebliche Vorgänge beim Spiegel aus. Der "zügellose Boys Club" kenne mehr als eine Heimat.  

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Und der Focus-Kolumnist wühlt in der Vergangenheit des Spiegel:

"Ein Mann, der zum Vorstellungsgespräch im Bademantel empfing? Der die Bewerberin fragte, ob sie nicht auch ficken wolle, ficken mit langem i gesprochen? Außerdem war Augstein nach den heutigen Maßstäben ein schlimmer Nationalist. Das allein müsste reichen, den Namen des Herausgebers aus der ersten Zeile des Impressums zu tilgen."

Zur Verteidigung von Spiegel-Herausgebers Rudolf Augstein, der das Nachrichtenmagazin 1947 gründete, müsse man aber sagen: Wenn die Bewerberin ablehnte, machte er den Bademantel wieder zu, so Jan Fleischhauer weiter. Ja, er könne sich nicht vorstellen, dass sich ein fortschrittlich gesinntes Magazin wie der Spiegel nicht von einem Herausgeber trennen könne, der für alles stehe, was man heute verachte.

Fleischhauers Forderung: Ab kommenden Samstag darf der Name des Herausgebers Rudolf Augstein nicht mehr im Impressum des Spiegel erscheinen.

Auf Twitter heizt die Kolumne eine Debatte an:

Kommunikationsprofi Mareile meint: "Fand Ihre Kolumne wie immer interessant zu lesen und habe diesmal auch gar nicht so oft die Augen verdreht. Ich finde aber, dass Sie einen relevanten Aspekt auslassen: In den Häusern machen in großen Teilen die Männer die Regeln, sie besetzen oft die entscheidenden Posten."

Jan Fleischhauer antwortet darauf: "Auch das wird sich ändern. Ob es dann allerdings besser und wärmer und kooperativer zugeht, wie viele erwarten: Wir werden sehen. I have my doubts."

Kritik an der Kolumne kommt von Michael Grenzheuser: "Was für ein durchschaubar Whataboutism. Sie vergessen, dass wir uns seit den 50ern als Gesellschaft vermeintlich weiterentwickelt haben (sollten). Gilt ja vielleicht nicht für Jan Flwischhauer und J. Reichelt. Oder nur wieder etwas journalistischer Krawall?"

Meiko Wunsch will von Fleischhauer wissen: "Wie lief der Wechsel zu Focus eigentlich, hat man sich im gegenseitigen Einvernehmen getrennt oder war es freiwillig? Die Obsession mit dem vorherigen Arbeitgeber fällt auf…"

Zur Person: Jan Fleischhauer ist seit 2019 für den Focus als Kolumnist tätig. Außerdem koordiniert er die Social-Media-Aktivitäten des Nachrichtenmagazins. Fleischhauer fing 1989 nach dem Besuch der Henri-Nannen-Schule als Redakteur beim Spiegel an. Er wirkte u.a. als stellvertretender Leiter des Wirtschaftsressorts und stellvertretender Leiter des Hauptstadtbüros. Vor 2001 bis 2005 war er Wirtschaftskorrespondent in New York. Seit 2008 war er bis zu seinem Wechsel zu Burda Autor des Spiegel in Berlin.

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