Spektakulärer Einstieg: Was die Belgier wirklich mit der Aachener Zeitung wollen

 

Erstmals seit über 15 Jahren will sich mit dem belgischen Medienhaus Mediahuis wieder ein größeres ausländisches Unternehmen in den deutschen Zeitungsmarkt einkaufen. Zudem verbirgt sich hinter dem Kauf der Aachener Verlagsgesellschaft eine ganz andere Logik als bei vergangenen Zeitungsdeals, wie kress pro recherchiert hat. 

Aus der kress pro-Kolumne "Aus unseren Kreisen" in der aktuellen kress pro:

Die Meldung kam Ende September mehr als überraschend: Das belgische Medienhaus Mediahuis möchte die Aachener Verlagsgesellschaft (u. a. "Aachener Zeitung" und "Aachener Nachrichten") kaufen.

Derzeit halten sich alle noch bedeckt, weil die Verträge nicht final unterschrieben sind, die Unterzeichnung gilt aber als Formsache. Der bisher nur wenig gewürdigte Einstieg von Mediahuis in Deutschland ist aus zwei Gründen spektakulär. Erstens kauft sich erstmals seit 2005 wieder ein größeres ausländisches Unternehmen in den deutschen Zeitungsmarkt ein (als David Montgomery die "Berliner Zeitung" kaufte). Zweitens verbirgt sich hinter dem Kauf in Aachen eine ganz andere Logik als bei den Zeitungsdeals in Deutschland in den vergangenen Jahren.

Diese folgten fast immer dem Gedanken, Synergien auf der Kostenseite zu ziehen, um die Rendite im rückläufigen Geschäft stabil zu halten. Es ging um Konsolidierung, eingebettet in eine defensive Strategie. Und selbst dann zeigten sich die großen Häuser nur noch an Zukäufen interessiert, wenn sie den Kaufpreis in vier, fünf Jahren refinanzieren konnten. Alles andere gilt angesichts der rückläufigen Märkte als zu riskant. Statt auf Übernahmen setzt man zunehmend auf Kooperationen.

Der angekündigte Deal in Aachen wirkt ganz anders. Große Synergien werden sich grenzüberschreitend nicht realisieren lassen. Nein, die Belgier glauben wohl tatsächlich ans Zeitungsgeschäft: "Unser Wachstumsziel ist klar: Wir wollen uns zu einem führenden europäischen Medienunternehmen weiterentwickeln", sagt Gert Ysebaert, Geschäftsführer der MediahuisGruppe, die 2020 rund eine Milliarde Euro Umsatz erzielt hat. Noch 2014 war es weniger als ein Drittel davon. Seither steuert Mediahuis einen forschen Expansionskurs mit etlichen Zeitungskäufen. In vier Ländern (Belgien, Niederlande, Luxemburg, Irland) ist die Gruppe inzwischen mit 30 Medienmarken aktiv und erreicht jeden Tag durchschnittlich 4,5 Millionen Nutzer mit ihren News-Seiten im Netz, wie im Jahresbericht stolz vermerkt ist. Auch digitale Rubrikenmärkte zählen in allen Ländern zum Unternehmen.

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Angesichts der wirtschaftlichen Kraft des Konzerns glauben in Nordrhein-Westfalen nicht wenige, dass die Belgier über Aachen nur einen ersten Brückenkopf in den Markt legen, um sich in Deutschland in den nächsten Jahren als neuer Player zu etablieren.

Die Aachener Verlagsgesellschaft pflegt seit Jahren gute nachbarschaftliche Beziehungen zum belgischen Unternehmen, dessen Sitz in Antwerpen keine zwei Autostunden entfernt ist.

Überrascht von der jüngsten Entwicklung dagegen wurde die "Rheinische Post" (RP), die 30 Prozent der Anteile in Aachen hält. Dass die Mehrheit im Geheimen mit den Belgiern verhandelte, ohne die RP einzubeziehen, soll für eine gewisse Missstimmung gesorgt haben. Aus kartellrechtlichen Gründen hätte die RP wohl kaum eine Chance gehabt, sich die Mehrheit in Aachen zu sichern.

[...] In seiner aktuellen kress pro-Kolumne widmet sich Chefredakteur Markus Wiegand auch folgenden Fragen: Warum geht Stefan Hilscher bei der SZ? Warum hat Bild TV bei ARD/ZDF Bilder geklaut? Bestellen Sie jetzt das neue kress pro in unserem Shop.

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