DJV-Chef widerspricht Springer: Liebesbeziehungen in Unternehmen sind privat

12.11.2021
 

Frank Überall, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands, stellt klar, dass Liebesbeziehungen zwischen Beschäftigten eines Unternehmens Privatsache sind. Er reagiert damit auf eine Ankündigung von Axel Springer, als Konsequenz aus der Reichelt-Affäre eine Informationspflicht über Liebesbeziehungen im Konzern einzuführen.

"Das ist mit dem deutschen Recht ebenso wenig vereinbar wie mit dem Grundrecht eines jeden Menschen auf Privatsphäre", erklärt DJV-Chef Frank Überall. "Klar ist, dass das Einfordern sexueller Gefälligkeiten durch einen Vorgesetzten völlig inakzeptabel ist und strafrechtlich relevant sein kann." Ein Transparenzbericht, der tief in die Privatsphäre von Beschäftigten eingreifen würde, sei das falsche Gegenmittel. Stattdessen müsse Springer die Machtfülle von Chefredakteuren beschneiden, die die Reichelt-Affäre erst möglich gemacht habe, betont Überall.

Der Medienkonzern Axel Springer will bis Jahresende ein Regelwerk mit Informationsstandards zu innerbetrieblichen privaten Beziehungen erstellen. Springer bestätigte in dieser Woche einen Artikel der Financial Times, die darüber berichtet hatte. Im Kern geht es nach Angaben des Konzerns darum, dass der Arbeitgeber über Liebesbeziehungen informiert wird, bei denen ein Interessenkonflikt bestehen könnte, etwa bei Abhängigkeitsverhältnissen zwischen Vorgesetzten und direkt untergebenen Kollegen. Hintergrund sind auch Konsequenzen aus früheren Ermittlungen im Frühjahr gegen Ex-"Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt.

Es soll keine generellen Verbote von Beziehungen geben, aber Mitarbeiter sollen in bestimmten Fällen, also bei Interessenkonflikten, verpflichtet werden, über Beziehungen zu informieren, wie es weiter vom Unternehmen hieß. Denkbar wäre zum Beispiel eine Vertrauensperson im Konzern oder eine zuständige Stelle in der Compliance- oder der Personalabteilung, die diese Informationen entgegennimmt. Die Privatsphäre solle möglichst gewahrt bleiben.

Das Ganze soll helfen, einem möglichen Missbrauch von Abhängigkeitsverhältnissen oder möglichen Ungerechtigkeiten in einer Abteilung durch Beziehungen und Nachteilen für Dritte entgegenzuwirken. Dabei wolle man internationale Standards festlegen, die für alle Länder gelten. Das Unternehmen beschäftigt rund 16 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

In einem aktuellen Interview der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagte Axel Springer-Chef Mathias Döpfner: "Schon vor vier Jahren wollten wir, unter dem Eindruck der MeToo-Bewegung in USA auf meine persönliche Initiative hin, eine Regel verabschieden, die Mitarbeiter verpflichtet, Liebesbeziehungen in einer Hierarchie offenzulegen. Aber das wurde von unserem damaligen Betriebsrat vehement abgelehnt. Unsere Arbeitnehmervertreterinnen zögern bis heute, eine solche Regel einzuführen." Er hoffe, bald zu einem konstruktiven Ergebnis zu kommen.

Der Prozess wurde laut Springer nach Abschluss des Compliance-Verfahrens gegen Reichelt neu gestartet. Im April habe der Vorstand beschlossen, dass eine solche Regelung eingeführt werden solle. Seither sei man in Gesprächen mit Arbeitnehmervertretern.

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