Köpfe-Interview: Wie die Empfehlungsplattform ScreenHits TV beim Streaming-Boom mitverdienen will

 

Im Angebotsdschungel für Netz-Fernsehen den Überblick zu bewahren, aber auch als Anbieter Abo-Kunden dauerhaft zu halten, wird immer schwerer. Ramy Nasser, Senior Vice President für Corporate Development & Partnerships bei ScreenHits TV, baut aktuell darauf ein Geschäftsmodell auf. Wie es funktionieren könnte.

kress.de: Herr Nasser, Streaming-TV boomt, immer mehr Anbieter buhlen um die Aufmerksamkeit der Kunden. Gleichzeitig wächst oft das Gefühl der Überforderung. Verraten Sie doch mal: Wie lange brauchen Sie an einem gewöhnlichen Feierabend durchschnittlich, um sich für eine Sendung Ihrer Wahl zu entscheiden?

Ramy Nasser: Zunächst ist es eine gute Entwicklung, dass es immer mehr Auswahl an hochwertigem Content gibt. Der Streaming Boom hat vieles ermöglicht, auch an Produktionen, in der Anzahl, wie man es sich früher nicht hätte vorstellen können. Davon profitieren viele Markteilnehmer, vor allem aber natürlich die Konsumenten. Sie haben recht, teilweise sind wir überfordert in der Suche nach Inhalten. Wenn ich persönlich nicht schon im Vorfeld weiß, welche Serie ich fortsetzen möchte, bräuchte ich, soviel kann ich sagen, weit mehr als wenige Minuten. Hier setzt die ScreenHits TV-App an, um die Organisation meiner abonnierten Streaming-Services und Entdeckung neuer Inhalte zu vereinfachen.

kress.de: Fast jeder Streaming-Anbieter wirbt damit, die Vorlieben der Kunden schnell so gut zu kennen, dass die Empfehlungen auch wirklich ins Schwarze treffen. Warum braucht es aus Ihrer Sicht trotzdem eine übergeordnete Instanz, die bei der Auswahl hilft?

Ramy Nasser: Es liegt im Grunde genommen daran, dass Studios und Broadcaster mit ihren eigenen Services an den Markt treten, diese Inhalte in den Vordergrund stellen und innerhalb dieses geschlossenen Eco-Systems Empfehlungen aussprechen. Derjenige Nutzer, der beispielsweise fiktionale Inhalte und das über verschiedene Genres hinweg konsumieren möchte, benötigt eine neutrale Aggregations-Plattform, die unter anderem Anreize für eine gute Übersicht, schnelles Auffinden relevanter, auch überraschender Inhalte schafft. Bei ScreenHits TV versuchen wir das zu adressieren, in dem wir ganz klar die Brand Identity dieser Top Streamer nicht antasten, im Gegenteil sogar in den Vordergrund stellen, allerdings ohne die Vielzahl der einzelnen Apps individuell öffnen zu müssen.

kress.de: Ihr Unternehmen ist ja schon länger in den USA und UK auf dem Markt, der Start in Deutschland war in Fachkreisen immer wieder Thema. Warum kam es dennoch immer wieder zu Verzögerungen?

Ramy Nasser: Dass es immer mal wieder Verzögerungen gibt, kennt man von den großen Plattformen, daher ist es nicht verwunderlich, wenn aufgrund einer Vielzahl parallel laufender Projekte und das in verschiedenen Regionen, bei kleineren Unternehmen die Zeitpläne auch mal angepasst werden.  Und natürlich nehmen wir auch Rücksicht auf Partnerschaften, die ebenfalls ihre Timelines und internen Prozesse haben.

"ScreenHits TV als zentrale App stellt sich nicht selbst, sondern die bekanntesten Streaming-Dienste in den Vordergrund."

kress.de: Wenn Sie die Vorteile, die ScreenHits TV einem Vielseher bietet, in wirklich ein oder zwei kurzen Sätzen zusammenfassen müssten: Wie lautet Ihr zentrales Produktversprechen?

Ramy Nasser: ScreenHits TV als zentrale App stellt sich nicht selbst, sondern die bekanntesten Streaming-Dienste in den Vordergrund. Die Übersicht im TV-Guide erfolgt fair und ausgewogen, allerdings im Lineup mit einer strikt limitieren Anzahl an Content-Partnerschaften un Channels.

kress.de: Warum ist es für die von Ihnen nach und nach an Bord zu holenden Inhalte-Partner von Vorteil, sich mit ScreenHits TV zu verbandeln?

Ramy Nasser: Wir fokussieren uns ausschließlich auf die wichtigsten SVOD/AVOD und (zukünftig) Live-Channels in der Region und glauben ihnen zu helfen, über unsere Plattform neue Nutzergruppen zu gewinnen, beispielsweise jene die ohne lange Vertragslaufzeiten, Hardware (Setop-Boxen, Satellit ...) oder hohe monatliche Grundgebühren auskommen wollen. Als neutrale Plattformen "re-targeten" wir auch verloren gegangene Abonnenten und holen jene über unseren Algorithmus zurück zum Anbieter.

kress.de: Alle großen Anbieter kennen das Phänomen, dass nach Anfangsneugierde das Interesse an den Inhalten und Plattformen oft rasch wieder nachlässt. Welche Marketingtricks können Sie besteuern, um guten Stoff auch weiterhin begehrlich zuhalten?

Ramy Nasser: Man sollte die Marktteilnehmer niemals unterschätzen. Am Ende zählt, ob das Angebot, eingebettet in ein vernünftiges Kosten-Nutzen Verhältnis, die potentiellen Interessenten anspricht sich mit den Produkten und Inhalten nachhaltig auseinanderzusetzen. Gute, spannende Inhalte und der einfache Zugriff treiben die Allermeisten, wichtig ist daher den eigenen, authentischen Weg zu finden, das zu ermöglichen.  

kress.de: Wie seht das Geschäftsmodell Ihres Hauses aus: Womit verdienen Sie jetzt schon Geld auf dem deutschsprachigen Markt?

Ramy Nasser: Wir wachsen über neue Streaming-Abos, die über unsere Plattform kommen, aber auch über App-Downloads und weitere strategischen und Distributions-Partnerschaften, die uns Reichweite garantieren. Die ScreenHits TV App für €0,99/Monat oder alternativ der rabattierte Jahrespreis von €7,99 finden zunehmend Anklang.

"Es sind - positiv gesprochen - sehr aufregende Zeiten in der Streaming-Branche."

kress.de: Wenn man auf Ihren eigenen Werdegang blickt, erscheinen Ihre Anknüpfungspunkte beim Aushandelnd von Partnerschaften in der dann doch engmaschig vernetzten TV- und Inhalte-Branche naheliegend. Trotzdem: Wie sehr lähmt der Wettbewerb auf dem umkämpften Streaming-Markt die Bereitschaft, überhaupt miteinander zu reden oder sogar zu kooperieren?

Ramy Nasser: Vor einigen Jahren, zugegebenermaßen noch gar nicht so lange her, lag mein Fokus in der Aushandlung von Medien-Partnerschaften im Sinne der Formierung von Allianzen - zu der Zeit eher selten in der Branche, da doch der lokale Wettbewerb bei den Allermeisten im Vordergrund stand. Dann kamen neue Rahmenbedingungen, insbesondere damals bedingt durch digitale Geschäftsmodelle im Entertainment (VOD, Multi-Channel-Networks, AdTech, internationale Koproduktionen) sowie im E-Commerce (Media4Equity, Start-up Inkubatoren) etc. Und die Bereitschaft länderübergreifend zu sprechen, war stark zu spüren. Heutzutage befinden wir uns wieder im Wandel, nun im Übergang von klassisch Pay-TV zu App-TV, und die großen etablierten Medienhäuser sprechen mit neuen Playern und Plattformen, denn keiner möchte sich hinterher vorwerfen, einen Trend oder Partnerschaft verschlafen zu haben. Es sind - positiv gesprochen - sehr aufregende Zeiten in der Streaming-Branche.

"Konsumenten haben starkes Verlangen nach lokalen Inhalten, vielleicht stärker denn je."

kress.de: Sie setzten ja neben den Inhalten der Großen auch auf lokaleren Content und Angebote: Wie wichtig ist diese "deutsche" Einfärbung beim Streaming überhaupt aus wirtschaftlicher Sicht?

Ramy Nasser: Unbedingt, sehr wichtig. Konsumenten haben starkes Verlangen nach lokalen Inhalten, vielleicht stärker denn je. Das betrifft vermehrt hochwertige fiktionale Inhalte, aber natürlich auch klassische Kategorien wie News und Sport. Es bleibt aber nur dann wirtschaftlich interessant, wenn man sich als Plattform nur auf die relevanten deutschsprachigen Streaming-Anbieter konzentriert, das heißt: Die Mischung aus internationalem und lokalem Content muss stimmen.

kress.de: Wenn Sie auf frühere Stationen zurückblicken: Auf welchen Stationen haben Sie am meisten für Ihr aktuelles Tätigkeitsfeld gelernt?

Ramy Nasser: Ganz klar die Jahre, als ich die "European Media Alliance" zu meiner Zeit bei ProSiebenSat1Media aufgebaut habe. Der Umgang mit starken, teilweise sehr unterschiedlichen Führungspersönlichkeiten in der Branche, hat mich sehr geprägt. So wie seinerzeit ist auch mein derzeitiges Tätigkeitsfeld bei ScreenHits TV international bzw. global geprägt. Das betrifft damals wie heute die kulturelle Dimension, aber natürlich auch den Charakter, mitzuwirken, was Neues aufzubauen, das den Zeitgeist in der Branche trifft.

kress.de: Nach langen Verhandlungstagen: Wie tanken Sie denn Ihre Batterien wieder auf?

Ramy Nasser: Da habe ich kein natürliches Rezept, aber grundsätzlich tanke ich die Batterien am besten auf, wenn ich den beruflichen Alltag durchbreche. Zudem wenn das Wetter gut ist, da bin ich mediterran geprägt. Und natürlicherweise kommt das alles im Urlaub oder zumindest an den Wochenenden zusammen.

kress.de: Was bringt Sie auf die besten Ideen?

Ramy Nasser: Es gibt Menschen die "feuern" eine Idee nach der anderen ab, ich zähle mich eher zum Durchschnitt, was meine Kreativität betrifft. Daher suche ich häufig das Gespräch mit anderen Menschen, seien es Kollegen, alte und neue Geschäftspartner oder reine Zufallsbegegnungen. Der Bruch mit dem Alltag hilft ebenfalls, beispielsweise auf Konferenzen oder Off-Sites bringen mich inspirierende Vorträge immer weiter. Und privat helfen Freunde oder die Familie. Individuell hilft mir Ausdauersport, meine Gedanken zu sortieren, es kann dann schon mal eine nachhaltig brauchbare Idee dabei rauspringen. Die Konzipierung der "European Media Alliance" jedenfalls hatte ich mir seinerzeit während längerer Jogging-Einheiten zurecht gedacht.

"Beim Netzwerken nicht das Hauptaugenmerk darauf legen, wer einem beruflich wichtig und hilfreich sein kann. Das geht nie gut."

kress.de: Sie führen ein kressköpfe-Profil. Wie wichtig ist das Netzwerken für Sie?

Ramy Nasser: Richtig, das tue ich. Schon seit vielen Jahren und mit Beginn des Studiums. Persönlich sind mir ein paar Dinge wichtig. Erstens: Nicht das Hauptaugenmerk darauf zu legen, wer einem beruflich wichtig und hilfreich sein kann. Das geht nie gut. Zweitens: Natürlich in erster Linie, in digitalen Business-Netzwerken aktiv zu sein, aber eben auch im echten Leben von Angesicht zu Angesicht sozusagen. Wenn mir super engagierte, digitale Networker bei einer persönlichen Begegnung völlig anders vorkommen als im digitalen Profil, stelle ich mir zumindest mal die Frage, warum das so ist. Und Drittens: Iich netzwerke gerne mit mir sympathischen oder zumindest authentischen Personen, am Ende muss die Chemie stimmen, ansonsten bleibt es nur einem Kontakt von vielen.

kress.de: Welche Neuigkeiten und beruflichen Inspirationen ziehen Sie aus Ihrer Lektüre von kress.de und kress pro?

Ramy Nasser: Gute, relevante Neuigkeiten und Ansichten zu den Trends, Entwicklungen und Persönlichkeiten in der Medien-Branche. Das betrifft natürlich Köpfe und den Überblick wer gerade was macht, aber eben auch "Learnings" und Ansichten aus Debatten, exklusiven Kress-Inhalten oder Kress-Köpfe-Interviews.

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