Schwache Belege: Der Umgang mit Reichelt in den Medien war nicht fair

 

Das neue kress pro bringt acht brisante Fragen und Antworten zum Rauswurf des Bild-Chefs Julian Reichelt. Zum Beispiel, wie merkwürdig die Staatsanwaltschaft in Berlin mit dem Thema umgegangen ist. Im Editorial fragt Chefredakteur Markus Wiegand: Sind wir als Branche mit Reichelt fair umgegangen? Seine Antwort lautet: Nein.

Auszug aus dem Editorial im neuen kress pro, dem Magazin für Führungskräfte in Medien:

Falls Sie nach der Lektüre dieses Editorials den dringenden Wunsch verspüren, den Beitrag mit Abscheu und Entsetzen auf Twitter zu kommentieren, möchte ich Sie bitten, den folgenden Absatz zweimal zu lesen.

Ich möchte das Verhalten von Julian Reichelt nicht verteidigen: Er war eine schlechte Führungskraft. Aktuelle und ehemalige Mitarbeiter beschreiben sein Verhalten als herrisch, sprunghaft und spaltend. Mehr als zwei Dutzend Leistungsträger haben das Haus seit seinem Amtsantritt verlassen. Etliche auch, weil sie mit Reichelt nicht klarkamen, der stark dazu neigte, inhaltlichen Widerspruch als Illoyalität zu interpretieren. Dazu kommt, dass der ehemalige "Bild"-Chef gleich reihenweise Beziehungen zu Frauen am Arbeitsplatz eingegangen ist, die ihm unterstellt waren. Die Frage ist also nicht, warum Reichelt gefeuert wurde, sondern warum Axel Springer so lange an ihm festgehalten hat (die Antwort darauf in der großen "kress pro"-Story, Seite 60).

Jetzt das neue kress pro lesen: Reichelts Fall. Acht brisante Fragen und Antworten zum Medienthema des Jahres:

Warum hat Axel Springer Julian Reichelt nicht schon früher gefeuert?

Wie genau wurde Julian Reichelt gefeuert?

Wie gut hat die Kanzlei Freshfields den Fall untersucht?

Warum schweigt Julian Reichelt?

Was ist zwischen den Frauen und Julian Reichelt wirklich vorgefallen?

Warum hat die "New York Times" sich Springer vorgenommen?

Warum hat Dirk Ippen die Reichelt-Story wirklich gestoppt?

Warum gab es nach dem Comeback Reichelts einen Machtkampf?

Dazu weitere Hintergründe: Julian wer? Die Berliner Generalstaatsanwaltschaft tut sich schwer, über den Fall Reichelt zu reden. Ippen intern: So wurde die Story geknickt.

Ein ehemaliger Boulevardchef sagte mir einmal, sein Gewerbe sei ein Grenzgängergeschäft. Und offenbar herrschte bei Springer lange die Haltung vor, dass man in diesem Business einen Chefredakteur tolerieren muss, der auch in seinem Führungsverhalten ein Grenzgänger ist. Heiligt der Zweck die Mittel?

Damit kommen wir allerdings zu einer Frage, die bisher kaum jemand gestellt hat. War der Umgang mit Reichelt in den Medien fair? Ich sage: Nein. Wenn Journalismus die bestmögliche Annäherung an die Wahrheit ist, dann gehört es dazu, die stärksten Argumente beider Seiten zu nennen. Reichelts Sicht ist in der Flut von Beiträgen und Kommentaren bis hin zu Talkshow-Diskussionen aber fast vollständig untergegangen.

Der Kern der Vorwürfe gegen Reichelt lautet Machtmissbrauch. Der "Bild"-Chef habe sich Frauen durch seine Stellung gefügig gemacht. Reichelt hat das immer bestritten. Kaum beachtet worden ist bisher, dass sowohl im Artikel der "New York Times" als auch in der "Spiegel"-Ippen-Geschichte der zentrale Vorwurf des Machtmissbrauchs trotz monatelanger Recherchen nur sehr schwach belegt werden konnte: Die Kritiker des Ex-"Bild"-Chefs stehen in diesem Punkt auf ziemlich dünnem Eis.

"Kress pro" hatte bereits vor Monaten mit zwei betroffenen Frauen Kontakt. Das, was sie schilderten, klang nach einer toxischen Beziehung und menschlich höchst unanständig. Für eine Veröffentlichung reichte uns das aber nicht aus, weil die betroffenen Frauen aus unserer Sicht nicht gerichtsfest belegen konnten, wie genau Reichelt sie im beruflichen Kontext unter Druck gesetzt haben soll.Im Gegenteil gaben beide Quellen an, dass die intime Beziehung einvernehmlich zustande kam. Es gab demnach auch keine direkten verbalen oder gar schriftlichen Versuche, Druck aufzubauen, um sexuelle Gefälligkeiten zu erpressen. Dazu zeigen "kress pro"-Recherchen: Julian Reichelt ist bereits vor der Veröffentlichung des "Spiegel" im März angezeigt worden. Die Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen Nötigung aber eingestellt. Auch arbeitsrechtlich ist der Fall keineswegs klar. Ein erfahrener Jurist in diesem Feld sagte "kress pro", das Verhalten Reichelts reiche für eine Kündigung höchstwahrscheinlich nicht aus.

Das Wichtigste aus den Medien - einmal am Tag: Jetzt den kressexpress bestellen

Das alles ist im Sturm der Entrüstung bisher ziemlich untergegangen. Darin liegt die besondere Ironie im Fall Reichelt. Seine Kritiker haben sich oft genug genau der boulevardesken Methoden bedient, die sie bei "Bild" und Reichelt kritisieren. Zugespitzt, ohne den Mut zur Differenzierung. Schadenfroh und mit Schaum vor dem Mund wurde der Rauswurf kommentiert und gefeiert. Nach dem Motto: Der Zweck heiligt die Mittel, mit Julian Reichelt, der für viele in der Branche ein Feindbild ist, hat es den Richtigen getroffen.

Auch wenn Julian Reichelt als "Bild"-Chefredakteur reihenweise dagegen verstoßen hat, über Menschen sorgsam zu berichten, sollten wir als Branche nicht den gleichen Fehler begehen.

Jetzt das neue kress pro 9/2021 in unserem Shop bestellen.

Ihre Kommentare
Kopf

Daniel Killy

17.11.2021
!

Völlig richtig. Journalistisches Handwerk und juristische Selbstverständlichkeiten (Unschuldsvermutung) wurden ignoriert, um das Mütchen endlich am Endgegner zu kühlen.


Daniel Killy

17.11.2021
!

Völlig richtig. Journalistisches Handwerk und juristische Selbstverständlichkeiten (Unschuldsvermutung) wurden ignoriert, um das Mütchen endlich am Endgegner zu kühlen.


X

Kommentar als bedenklich melden

 
×

Bestätigung

Dieser Kommentar wurde erfolgreich gepetzt.

×

Oooooooooops

Beim Petzen trat ein Fehler auf. Versuchen Sie es bitte noch einmal.

Inhalt konnte nicht geladen werden.