Gute Sache oder Propaganda: Sollten Medien jetzt Impfaktionen starten?

25.11.2021
 

In Österreich veranstaltet der ORF eine "Impflotterie", in Deutschland lässt ProSieben (Foto: Moderator Matthias Openhövel) live impfen. Die Journalistin Brigitte Baetz vom Deutschlandfunk kritisiert die Aktionen als eine Form von Propaganda.

"Es ist im Grunde nichts Ungewöhnliches, wenn sich Medien und Medienmacher in den Dienst einer guten Sache stellen", sagt @mediasres-Moderatorin Brigitte Baetz im Deutschlandfunk. Sie nennt als Beispiel die Spendengalas zugunsten der Opfer von Krieg und Naturkatastrophen. Die heutige "Aktion Mensch" sei lange Jahre Nutznießer der ZDF-Spielshow "Der große Preis" gewesen.

Die derzeitige Aktion des ORF unter dem Motto "Wer impft, gewinnt" hat für Baetz allerdings einen seltsamen Beigeschmack. Es handelt sich um eine "Impflotterie", an der alle in Österreich lebenden Erwachsenen teilnehmen können - soweit sie sich zwischen dem 1. Oktober und dem 20. Dezember haben impfen lassen. Zu gewinnen sind u.a. Kücheneinrichtungen, Smart-Fernsehgeräte und ein komplettes Einfamilienheim (kress.de berichtete). Schon im September hatte die Tageszeitung Österreich und ihr Online-Portal oe24 eine ähnliche Aktion gestartet.

"Ist die Verbindung 'Tödliche Pandemie' und 'Viele schöne Preise' für den Rundfunk, den öffentlichen zumal, eine besonders gelungene?", fragt Brigitte Baetz in ihrem Deutschlandfunk-Kommentar.

"Das ist nicht nur eine Geschmacksfrage, in Zeiten, in denen man sich Geschmacksfragen vielleicht gar nicht leisten kann. Die Situation in Österreich ist dramatisch - auf den überfüllten Intensivstationen des Landes geht es um Leben und Tod. Jeder, der geimpft wird, hilft, die Lage zu verbessern. Doch es wird der Eindruck erweckt, die fatal niedrige Impfquote im Land sei in erster Linie das Ergebnis einer mangelnden Aktivierung der Menschen durch die Medien", so die Journalistin.

Wenn Medien die Aufgabe der Politik übernehmen, wenn, wie am Mittwoch bei "Zervakis & Opdenhövel" auf ProSieben geschehen (siehe Hintergrund) extra Impfbusse aufs Sendegelände geladen werden, dann wirkt es für Brigitte Baetz wie eine Form von Propaganda: "Sie macht Medien vollkommen unnötig angreifbar und verstärkt das Märchen von den Systemmedien."

Gerade die eigene Pressemeldung des ORF zeige, wie wichtig gerade jetzt immer noch Aufklärung und Information seien, die Kernkompetenz der Medien. "Die Sonderausgabe des beliebten Talkformats Stöckl live, in der die ORF-Impflotterie lanciert wurde, hatte fast 30 Prozent Marktanteil. Und da ging es nicht nur um die Impflotterie, sondern gerade viel um Information", berichtet Baetz. Für die Sendung sei eine eigene Hotline eingerichtet worden, in der sich die Menschen mit ihren Sorgen und Fragen rund um die Impfung an Expertinnen und Experten hätten wenden konnten - und das mehrsprachig. Für Baetz "ein Dienst an der Öffentlichkeit, mit dem Medien auf den Ernst der Lage eingehen können, ohne selbst Partei zu sein". Uhr Fazit: "Eine Impflotterie, so gut sie gemeint ist, ist dabei vollkommen überflüssig."

Hintergrund: Linda Zervakis und Matthias Opdenhövel haben an diesem Mittwoch im ProSieben-Abendprogramm die Ärmel hochgekrempelt: Live bei ihrer Sendung "Zervakis & Opdenhövel" erhielten die beiden ihre Booster-Impfung. Und nicht nur sie: ProSiebenSat.1 hatte in Kooperation mit den Maltesern zur Impfaktion nach Unterföhring geladen. Vor dem "Zervakis & Opdenhövel"-Studio stand der Impfbus, 122 Dosen wurden an diesem Abend verimpft.

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