Schlappe für den Spiegel im Streit mit Reichelt

26.11.2021
 

Der Spiegel muss seinen umstrittenen Artikel "Vögeln, fördern, feuern" über Julian Reichelt vorerst löschen. Damit hat der ehemalige Bild-Chefredakteur vor dem Landgericht Hamburg einen weiteren juristischen Teilsieg errungen. Der Spiegel will aber nicht klein beigeben - im Gegenteil: Das Magazin sieht sich durch den Rauswurf Reichelts bestätigt.

Der Spiegel hatte in einem Artikel mit der Überschrift "Vögeln, fördern, feuern" online und in seiner Printausgabe im März 2021 über Interna aus der Bild-Redaktion und insbesondere über Reichelts Verhalten berichtet. Das Gericht hat nun entschieden, dass der Artikel online nicht mehr abrufbar sein darf, wie Zeit Online berichtet.

Gegen den Text hat Reichelt bereits kurze Zeit nach dessen Erscheinen eine einstweilige Verfügung erwirkt. Reichelts Vorwurf lautete, der Spiegel habe ihm keine Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben, Reichelt sei von der Kommunikationsabteilung des Axel-Springer-Verlags nicht über vom Spiegel an ihn gerichtete Fragen informiert worden. Reichelt gab darüber eine eidesstattliche Versicherung ab und bekam im Mai vor Gericht recht: Das untersagte dem Spiegel über den damaligen Bild-Chefredakteur "wegen des Verdachts des Fehlverhaltens gegenüber Frauen, des Machtmissbrauchs und der Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen zu berichten und / oder berichten zu lassen", sollte das wie in dem monierten Artikel geschehen. Reichelt hatte zudem nach kress-Informationen vor Gericht geltend gemacht, dass die Verdachtsberichterstattung auch aus inhaltlichen Gründen unzureichend sei. 

In der Folge verbreitete der Spiegel den Printartikel nicht mehr "und schwärzt ihn bei Heft-Nachbestellungen komplett", bestätigte das Landgericht nun laut Zeit Online auch in dem neuen Beschluss. Die Onlinefassung wiederum ergänzte der Spiegel um eine Stellungnahme Reichelts. Der Artikel selbst blieb online aber abrufbar.

Reichelt sah darin Zeit Online zufolge einen Verstoß gegen die einstweilige Verfügung und beantragte einen Ordnungsmittelbeschluss. Auch diesmal hat er recht bekommen, weshalb der Spiegel den Artikel nun offline nehmen muss und ein Ordnungsgeld von 2.000 Euro bezahlen muss. Der Spiegel will das Urteil aber nicht hinnehmen.

Auf kress-Anfrage erklärte der Spiegel am Freitagmittag:

"Das Landgericht Hamburg hatte ein Verbot des Beitrags erlassen hatte und zwar für die Ursprungsversion. In der Begründung verwies es einzig auf die angeblich unterbliebene Konfrontation als Grund der Unzulässigkeit, alle weiteren Fragen - wie etwa der von Julian Reichelt ebenfalls geltend gemachte angeblich fehlende Mindestbestand an Beweistatsachen - wurden offen gelassen. Wir hatten Julian Reichelt schon vorher mehrfach angeboten, Stellung zu nehmen und seine aus dem Verfahren bekannten Stellungnahmen wie angekündigt integriert. Damit war der dann abrufbare Text aber auch nicht mehr die Ursprungsversion. Der vom Landgericht als Grund der Unzulässigkeit angeführte Punkt ist damit entfallen. Wieso das Gericht dann aber meint, die weitere Abrufbarkeit des ergänzten Beitrags verstoße gegen sein Verbot des Ursprungsbeitrags, bleibt zunächst sein Geheimnis - und wird hoffentlich vom OLG Hamburg korrigiert. Wir haben eine sofortige Beschwerde gegen den Ordnungsmittelbeschluss eingereicht. Angesichts der weiteren Entwicklungen und der Freistellung von Julian Reichelt durch den Springer-Verlag: Die Berichterstattung ist von der Realität überholt worden und die Vorwürfe haben sich tendenziell bestätigt."

Jetzt das neue kress pro lesen: Reichelts Fall. Acht brisante Fragen und Antworten zum Medienthema des Jahres:

Warum hat Axel Springer Julian Reichelt nicht schon früher gefeuert?

Wie genau wurde Julian Reichelt gefeuert?

Wie gut hat die Kanzlei Freshfields den Fall untersucht?

Warum schweigt Julian Reichelt?

Was ist zwischen den Frauen und Julian Reichelt wirklich vorgefallen?

Warum hat die "New York Times" sich Springer vorgenommen?

Warum hat Dirk Ippen die Reichelt-Story wirklich gestoppt?

Warum gab es nach dem Comeback Reichelts einen Machtkampf?

Dazu weitere Hintergründe: Ippen intern: So wurde die Story geknickt.

Sie möchten exklusive Medienstorys, spannende Debatten und Top-Personalien lesen? Dann bestellen Sie bitte unseren kostenlosen kressexpress. Jetzt für den täglichen Newsletter anmelden.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.