Debatte: Wenn Journalisten sich als PR-Manager in der Corona-Politik aufspielen

30.11.2021
 

"In der Corona-Krise hat der Journalismus seine zentrale Aufgabe vergessen. Schleichend ist er dazu übergegangen, Skepsis und Kritik als schädlich zu stigmatisieren. Wie konnte das passieren?", fragt Welt-Autor Tim Röhn in einem Kommentar.

"Ich bin nicht Journalist geworden, um die Narrative der Mächtigen weiterzuverbreiten, sondern um sie zu hinterfragen, um ihren Aussagen hinterher zu recherchieren, mit nur einem Ziel: abzuklopfen, ob sie stimmen. Im Weg stehen und fragen: "Moment jetzt mal, stop - kann das überhaupt sein?" So verstehe ich meinen Job als Journalist. Mein simples Prinzip: Ich glaube erst mal gar nichts. Und deswegen möchte ich mal etwas loswerden: Ich glaube, dass einiges schiefläuft", bekennt Welt-Autor Tim Röhn in einem bei der Welt erschienen Kommentar.

Röhn meint, dass Journalisten in der aktuellen schweren Krise schleichend dazu übergegangen seien, zu viel Vertrauen zu schenken und Skepsis und Kritik als schädlich zu stigmatisieren. Das gelte für die Gesellschaft allgemein, aber vor allem für den Journalismus, der sich gerade in diesen dunklen Zeiten aufbauen müsste als erbarmungsloses Korrektiv - und das nicht zur Genüge tue, so Röhn in der Welt.

Er nennt als Beispiel den Umgang mit dem Bayern-Fußballprofi Joshua Kimmich. Zudem werde aktuell versucht, die Botschaft zu etablieren, die Booster-Impfung sei die Rettung im Kampf gegen Corona. "Sechs Monate nach dem letzten "Pieks" kann sich nun jeder noch mal impfen lassen, und so soll dann die vierte Welle gebrochen werden. Vom Pandemie-Ende ist gar (mal wieder) die Rede." Röhn bezweifelt, dass es so kommt und vor allem geht ihm das alles zu schnell.

FürTim Röhn ist auch "bemerkenswert", wie Journalisten mit den Impfstoff-Herstellern umgehen. Der Autor fordert: "Anstatt Biontech & Co. als 'Impfstoff-Helden' zu huldigen, sollten Journalisten ganz genau hinschauen." Viele der etablierten Narrative ("Der PCR-Test als Goldstandard", "2G als Wellenbrecher") zu hinterfragen.

Journalismus versteht Röhn "als Ringen um die Wahrheit, auch als Ringen mit sich selbst. Man liegt daneben, man geht zu weit, man rudert zurück, man orientiert sich neu. Man tut auch mal jemandem Unrecht und muss um Entschuldigung bitten. Man veröffentlicht Dinge, die andere verärgern. Eigentlich liegt man ständig mit jemandem im Clinch. Das liegt in der Natur des Journalismus."

Ihn schaudert es, wenn Journalisten in der Corona-Krise sich dazu berufen fühlten, die Kritik als Unsinn abzustempeln und als Verteidiger der Mächtigen einzutreten, sie gegen jeden Zweifel und jede Skepsis zu verteidigen, als wären sie ihre PR-Manager.

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Ihre Kommentare
Kopf

Rudolf F. Thomas

30.11.2021
!

Es gibt ihn noch, den Journalisten, der versteht, um was es gehen muss: Wahrheit, Klarheit und Glaubwürdigkeit.


Jean Pierre Hintze

30.11.2021
!

Dieser kluge Beitrag spricht vielen Kollegen aus der Seele. Bereits Mitte der Neunziger Jahre, zur Zeit meines Volontariates, ging es um den „Verfall des Journalismus“. Da ging es aber noch stärker um die Macht der Werbung und ihrer Etats. Heute hat „Haltung“ einen Großteil der Wahrheit verdrängt - und ein Rätsel ist die Frage, wie es so viele Aktivisten und Totalitäre in die Deutschen Schlüsselmedien schafften - waren die echten Journalisten einfach zu sehr mit Themen und Inhalte beschäftigt?


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