"Bewusste Falschaussagen": Wissenschaftler gehen wegen Bild-Bericht auf die Barrikaden

07.12.2021
 

Eine Allianz von Wissenschaftlern wehrt sich mit scharfen Formulierungen gegen die jüngste Berichterstattung der Bild. Die Humboldt-Universität zu Berlin schaltet den Presserat ein. Auch der Spiegel macht der Bild Vorwürfe und DJV-Chef Überall sagt: "Journalismus ist kein Schlachtfest!"

Die Allianz von Wissenschaftsorganisationen erklärte am Montag

"Die Bild-Zeitung setzt mit dem Beitrag 'Die Lockdown-Macher' vom 4. Dezember 2021 ihre im vergangenen Jahr begonnene einseitige Berichterstattung gegen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fort, die ihre fachliche Expertise in den Dienst von Politik und Gesellschaft stellen, um der Coronavirus-Pandemie und ihren gerade in diesen Tagen dramatisch sichtbaren Folgen zu begegnen. Dass und auf welche Weise hier einzelne Forscherinnen und Forscher zur Schau gestellt und persönlich für dringend erforderliche, aber unpopuläre Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung verantwortlich gemacht werden ('Experten-Trio schenkt uns Frust zum Fest'), ist diffamierend. Es kann überdies leicht zu einem Meinungsklima beitragen, das an anderer Stelle bereits dazu geführt hat, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich physischer oder psychischer Gewalt ausgesetzt sahen oder mit ihr bedroht wurden."

Solche Formen der Auseinandersetzung sind aus Sicht der Allianz in keiner Weise akzeptabel und widersprechen den Grundregeln einer freien und offenen Gesellschaft sowie den Grundprinzipien der Demokratie. Gerade in Krisensituationen und einem ohnehin schon emotionalisierten Themenfeld sei Sachlichkeit in Diskussion und Berichterstattung in besonderer Weise geboten und weitaus zielführender. Die Wissenschaftler unterstreichen: "Politik und Gesellschaft werden, nicht nur in pandemischen Krisen, substanziell durch die Erkenntnisse der Wissenschaft unterstützt. Daher müssen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Expertise frei einbringen können."

Indes hat die Humboldt-Universität zu Berlin Beschwerde beim Presserat eingereicht: Das Präsidium der Humboldt-Universität verurteilt die Berichterstattung der Bild-Zeitung vom 4. Dezember 2021 scharf, in der die drei Wissenschaftler Dirk Brockmann (HU), Viola Priesemann (MPI für Dynamik und Selbstorganisation) und Michael Meyer-Herrmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung als "Lockdown-Macher" bezeichnet würden. Den Lesern werde auf diese Weise suggeriert, Wissenschaftler seien verantwortlich für Entscheidungen der Politik. Diese Art der journalistischen Darstellung sei in den Debatten um den Zusammenhalt der Gesellschaft in Pandemie-Zeiten gefährlich und verantwortungslos, so die Humboldt-Universität zu Berlin in einer Mitteilung.

Wissenschaftler würden auf diese Weise markiert. Anhänger von Verschwörungstheorien erhielten dadurch mediale Unterstützung für ihre Ansicht, die Wissenschaft sei ein Treiber politischer Entscheidungen.

Das Präsidium der Humboldt-Universität zu Berlin "verwahrt sich vor solchen Falsch-Behauptungen und stellt sich schützend vor jedes seiner Mitglieder, das auf diese Weise verleumdet wird". Zudem erklärt sich das Präsidium der HU "solidarisch mit allen, die sich gegen derartige bewusste Falschaussagen zur Wehr setzen". Diese Art der Berichterstattung sei weit entfernt von jeder journalistischen Redlichkeit. Man habe daher Beschwerde beim Deutschen Presserat gegen diesen Beitrag der BILD-Zeitung und besonders dessen Überschrift eingelegt, mit der Dirk Brockmann als Professor der HU als "Lockdown-Macher" bezeichnet werde.

Ein Bild-Sprecher sagte zur Erklärung der Allianz von Wissenschaftsorganisationen: "Wir können die Kritik verstehen und nehmen sie ernst. Wissenschaftler verdienen unseren Respekt." Kritik an Wissenschaftlern und ihren Vorschlägen müsse möglich sein, "aber immer angemessen geübt werden".

Auch die Bild-Zeitung greift die Kritik der Forscher in einem Bericht auf. Darin heißt es: "Bild-Chefredakteur Johannes Boie hatte dazu bereits am Sonntag online und am Montag in der Zeitung klargestellt: "Kritik muss angemessen geübt werden. Das gilt ausdrücklich auch für Bild." kress.de berichtete an diesem Montag über Boies Kommentar, der in der Medienszene eine Debatte ausgelöst hat.

In die Medien-Debatte hat sich auch Der Spiegel lautstark eingeschaltet:

"Die Überschrift war faktisch unwahr: Die drei Coronaforscher hatten weder einen allgemeinen Lockdown gefordert, noch haben sie die Macht, einen Lockdown ins Werk zu setzen", stellte Spiegel-Reporter Mathieu von Rohr am Montagmorgen in der "Lage am Morgen" klar und warnte: "Wer so abgebildet wird, muss mit Drohungen und Schlimmerem rechnen." Für Mathieu von Rohr hat die Bild-Zeitung an der aufgeheizten Stimmung ihren Anteil: Sie mache seit Beginn der Pandemie im Modus der Dauerempörung Stimmung gegen Wissenschaftler wie Christian Drosten oder das Tragen von Masken.

DJV-Chef Frank Überall kommentiert:

"[...] Es gibt Grenzen, die auch 'knalliger' Boulevard-Journalismus nicht überschreiten sollte. Dazu gehört aus meiner Sicht das unsägliche Anprangern von Wissenschaftler*innen durch die 'Bild' Anfang Dezember. 'Experten-Trio schenkt uns Frust zum Fest", heißt es da in einer knalligen Überschrift mit Fotos von Forschenden. Diejenigen, die ihre Expertise zur Bekämpfung der Corona-Pandemie in den öffentlichen Diskurs eingebracht haben, werden damit vorgeführt. Das gesellschaftliche Klima wird vergiftet, Journalismus wird als Schlachtfest zelebriert. Denn für den Fest-Frust ist das Virus verantwortlich, allenfalls sind es dann noch diejenigen, die auf der Grundlage von Fakten politische Entscheidungen treffen!"

Zum Thema Bild und Presserats-Beschwerden merkt Überall an, der Axel-Springer-Verlag sei mit seinem Boulevardblatt Stammkunde bei den Tugendwächtern deutscher Medien. Man kassiere eine Rüge nach der anderen, und nur in den seltensten Fällen werde diese wie vorgesehen im Blatt abgedruckt. Für Überall gerät hier langsam Springer-Chef Mathias Döpfner in den Fokus. "In seiner Funktion als Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger und Digitalpublisher (BDZV), der Mitträger des Selbstkontrollorgans Presserat ist, sollte er darauf hinwirken, dass die dort festgeschriebenen Regeln endlich eingehalten werden", fordert der DJV-Chef von Döpfner. 

Hintergrund: Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen ist ein Zusammenschluss der bedeutendsten Wissenschaftsorganisationen in Deutschland. Sie nimmt regelmäßig Stellung zu wichtigen Fragen der Wissenschaftspolitik. Der Wissenschaftsrat ist Mitglied der Allianz und hat für 2021 die Federführung übernommen. Weitere Mitglieder sind die Alexander von Humboldt-Stiftung, der Deutsche Akademische Austauschdienst, die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die FraunhoferGesellschaft, die Helmholtz-Gemeinschaft, die Hochschulrektorenkonferenz, die Leibniz-Gemeinschaft, die Max-Planck-Gesellschaft und die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

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