Von "absolut lesenswert" bis "erschütternd": So kommentiert die Medienbranche das Reichelt-Interview in der Zeit

09.12.2021
 

Cathrin Gilbert hat mit ihrem in der aktuellen "Zeit" erschienenen Reichelt-Interview ein gewaltiges Medien-Echo erzeugt. kress hat zusammengetragen, was Journalisten von Spiegel, NZZ, Financial Times, DJV dazu sagen - und wie Stefan Niggemeier Reichelts Aussagen bewertet. 

"Mich interessiert der Mensch - was ihn bewegt und was er sagt. Auch Julian Reichelt", schreibt Cathrin Gilbert an diesem Mittwoch auf ihrem Twitter-Account, als sie ihr Zeit-Interview mit dem Ex-Bild-Chefredakteur ankündigt.

Gilbert ist Verantwortliche Redakteurin im Ressort Politik bei der Zeit. Vor 17 Jahren volontierte sie bei Bild, bevor sie zum Spiegel und dann zur Zeit ging.

Das erste persönliche Treffen zwischen Reichelt und ihr habe vor wenigen Monaten stattgefunden, merkt Gilbert innerhalb ihres Artikels an. Das nun erschienene Interview sei beim dritten Treffen aufgezeichnet worden.

Die Zeit und Gilbert müssen auf Twitter viel Kritik einstecken, weil sie dem ehemaligen Bild-Mann eine Bühne geboten hätten, manche drohen damit, ihr Zeit-Abo zu kündigen. Aber es gibt auch andere Stimmen. "Was für ein Wurf!", schreibt der freie Journalist Sebastian Dalkowski.

Julian Reichelt selbst retweeted auf Twitter die Ankündigung der Zeit-Autorin Gilbert und von Zeit Online. In dem Zeit-Interview hat er kräftig gegen den Spiegel ausgeteilt (kress.de berichtete): Das Nachrichtenmagazin sei in der Kampagne gegen ihn eine der treibenden Kräfte. 

Anton Rainer, Redakteur beim Spiegel, keilt auf Twitter zurück:

In der neuen @DIEZEIT erklärt Julian Reichelt, warum er bei @BILD gehen musste. Eine unvollständige Auflistung aller Schuldigen:
- "Woke-Wahnsinnige"
- Mathias Döpfner
- Die "Berliner Blase"
- Kritiker von Winston Churchill(?)
- Diversity-Plakate mit "islamistischer Kleidung"... 

Sophie Garbe, Politik-Redakteurin beim Spiegel, fügt via Twitter hinzu: "Bei der Zeit erklärt Julian Reichelt, seine Entlassung sei Ergebnis eines 'Vernichtungsfeldzugs' von Medien und Politik gegen ihn, redet von den 'Woke-Wahnsinnigen' und lügenden Medien. Es klingt teilweise, als sitze er schon mit einer Pobacke bei KenFM auf der Interviewcouch."   

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Übermedien-Gründer Stefan Niggemeier zitiert zunächst Reichelt: "Ich glaube, dass ich meinen tiefen Respekt gegenüber Menschen auch in den schlimmsten Lebenssituationen unzählige Male unter Beweis gestellt habe" - und kommt zu dem Schluss, dass Reichelt die letzten diplomatischen Beziehungen zur Realität abgebrochen habe.

Für Lorenz Meyer vom Bildblog ist das Reichelt-Interview in der Zeit das vielleicht erschütterndste und verstörendste Dokument des Jahres: "Völlige Uneinsichtigkeit, Realitätsleugnung, Selbstüberhöhung, Opfer-Täter-Umkehr und lächerliche Kriegsrhetorik. Unglaublich, dass dieser Mann mal Macht hatte."

Olaf Storbeck, Frankfurt-Korrespondent der Financial Times, bricht eine Lanze für Cathrin Gilbert und die Zeit. Das Interview sei absolut lesenswert. Dass die Zeit und die Autorin jetzt für die Tatsache, das Gespräch geführt und gedruckt zu haben, kritisiert werden, ist für Storbeck "haarsträubend". "Wir reden über eines der größten Medienunternehmen Europas, einen mutmaßlichen me-too-Fall und der Frage, wie der Verlag damit umgegangen ist. Jeder Journalist, der seinen Job nicht komplett verfehlt hat, und Gelegenheit hat, die zentrale Figur in dem Vorgang zu interviewen, kann nur einen Gedanken haben: 'super!", so Storbeck. Das Interview sei kritisch geführt, und wirke nicht so, als wären bestimmte Themen "off limits" gewesen. Die Kritik an der Zeit sei vollkommen unangemessen.     

NZZ-Redakteur Alexander Kissler zitiert auf Twitter den Reichelt-Satz: "Der Spiegel ist für mich das beste Beispiel, wie sich Ideologie in Redaktionen ausgebreitet hat."

Der Journalist Anant Agarwala findet es "schon sehr lustig, wie sich Reichelt im Interview mit der Zeit darüber echauffiert, alle wollten heutzutage Opfer sein, und sich im Rest des Gesprächs in wirklich jeder einzelnen Antwort zum größten Opfer aller Zeiten stilisiert."

Hendrik Zörner wettert im DJV-Blog:

"Der gefeuerte BILD-Chefredakteur Julian Reichelt deutet seine Geschichte um: Er musste nicht wegen sexueller Übergriffigkeit gehen, sondern weil er mit seiner unbequemen Meinung Politikern ein Dorn im Auge war. Glaubt er den Stuss etwa selbst?

[...] Hat er sie noch alle?, will man fragen. Glaubt er das etwa selbst oder ist das nur Inszenierung in eigener Sache? Um es hier noch mal unmissverständlich darzustellen: Julian Reichelt wurde als BILD-Chefredakteur gefeuert, weil selbst Mathias Döpfner nicht mehr an den Beweisen für Reichelts Sex-Eskapaden und seinen fortgesetzten Machtmissbrauch vorbei kam. Als Chefredakteur war er eine Schande für alle journalistischen Führungspersönlichkeiten und für den Springer-Verlag. Und das war er nicht deshalb, weil er seine Zeitung aus allen Rohren gegen Regierungsbeschlüsse zur Corona-Pandemie schießen ließ. Das jedoch ist ein weiteres Vergehen, das ihm bisher nur in der Medienkritik angelastet wurde: Er hat die BILD von der Boulevardzeitung zum Kampagnenblatt umgekrempelt. Dass das bei vielen Lesern nicht gut ankam, zeigten die stetigen Auflagenrückgänge unter seiner Ägide.

Auch wenn es schwer fällt: Reichelt sollte bei der Wahrheit blieben. Die Legende, an der er bastelt, glaubt ihm sowieso niemand."

Die Rechtsanwältin Anke Lindemann ist sich sicher: "Die Story um Reichelt fängt jetzt erst richtig an... Danke @jreichelt."

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