Christian Schertz im Interview: "Medienanwälte haben in Zukunft mehr zu tun"

09.12.2021
 
 

Einer der bekanntesten Medienanwälte Deutschlands ist Vorlage für die neue ARD-Anwaltsserie "Legal Affairs". Christian Schertz sagt im Interview der dpa, warum sein Beruf jetzt Konjunktur hat und warum er manchmal sogar sein eigener Anwalt ist.

Auszüge aus dem dpa-Interview mit Christian Schertz:

Herr Schertz, wie oft klingelt Ihr Telefon am Tag?

Schertz: Jedenfalls sehr oft. Aber es sind noch viel, viel mehr Mails.

Wie viele Notfälle sind darunter?

Schertz: Pro Tag für unser Team 10 bis 15. Das, was die Serie wirklich zeigt, ist: Der Zeitdruck, unter dem wir arbeiten, die Geschwindigkeit und auch der Druck des Klienten im Hintergrund. Der Angst hat, dass morgen seine Reputation massiv beschädigt wird oder eben Eingriffe in die Privat- und Intimsphäre stattfinden.

Warum rufen Mandanten an, was ist der Klassiker?

Schertz: Es gibt drei typische Fallkonstellationen. Die eine ist, dass mich der Mandant anruft und sagt: "Die recherchieren über mich, dass ich getrennt bin oder erkrankt bin." Da gibt es alle Varianten. Mein Job ist es, im Vorfeld diese Berichterstattung zu verhindern. Die andere Variante ist: Der Mandant ist auf dem Titel eines Magazins mit einem Paparazzi-Foto, das ihn in einem rein privaten Moment zeigt und insofern einen massiven Eingriff in die Intim- oder Privatsphäre darstellt. Schließlich gibt es eben Berichterstattungen, die schlicht falsche Tatsachenbehauptungen über eine Person verbreiten. Auch dieses ist rechtswidrig. Ich versuche so etwas natürlich im Vorfeld zu verhindern, oder eben nach der Erstveröffentlichung dagegen vorzugehen und zu verhindern, dass andere Medien das übernehmen.

Ich werde in der Öffentlichkeit sicherlich oft wahrgenommen als derjenige, der Sachen unterbindet. Das betrifft aber im Regelfall Verletzungen von Persönlichkeitsrechten. Und der Mensch muss es eben nicht dulden, dass falsch über ihn berichtet wird oder eben die Privatsphäre verletzt wird. Oftmals stehe ich aber auch aufseiten der Künstler oder der Kunstfreiheit.

[...]

Herr Schertz, haben Sie schon einmal einen Medienanwalt gebraucht?

Schertz: Ich selber gehe mit meinem Team auch gegen Falschbehauptungen, was meine Person angeht, vor. Das "Manager Magazin" etwa hat in einem Artikel über Medienanwälte geschrieben, ich würde mein Hemd gelegentlich erst ab dem vierten Knopf schließen und einen Walter-Ulbricht-Bart tragen. Dagegen habe ich jetzt eine Gegendarstellung beim Landgericht erwirkt, dass ich seit Jahren einen Vollbart trage und mein Hemd regelmäßig ab dem dritten Knopf geschlossen ist. Diese Formulierungen sollten mich ja auch ein stückweit verächtlich machen. Das war schon so gemeint.

Haben Medienanwälte in Zukunft mehr oder weniger zu tun?

Schertz: Mehr. Wegen des Internets. Der Unterschied zu der Zeit, wo ich anfing in den 1990ern: Da betraf das, was ich mache, nur Prominente, weil es gedruckte Presse war. Heute kann jeder von uns durch Falschbehauptung, Schmähung oder Veröffentlichung von heimlich aufgenommenen Intim-Fotos öffentlich vorgeführt werden - und zwar weltweit. Die Gefährdungslage ist heute für das Individuum vor öffentlicher Diskriminierung, Vorführung, Hate Speech und Fake News viel größer als noch vor 20 Jahren. Ja, der Beruf hat Konjunktur.

Ist es nicht ein Widerspruch, wenn ein Promi in der Presse etwas über sein Privatleben erzählt, aber dann auf der anderen Seite einen Medienanwalt einschaltet?

Schertz: Mandanten empfehle ich, über ihr Privatleben auch nicht nur einen Satz zu sagen. Ich sehe keinen Sinn darin, über sein Privatleben zu sprechen, wenn man Star ist. Erstens behält er seinen Rechtsschutz, wenn er nicht redet. Zweitens ist der Mythos viel stärker, wenn ich über den Star gar nichts weiß. Er behält damit gewissermaßen ein Geheimnis. Den ersten Satz, den ich immer wieder zu Betroffenen sage: Gehe auf die Bühne und fahre dann nach Hause.

Das Problem ist: Wenn ein Prominenter etwas zu seinem Privatleben sagt wie "Ja, ich bin jetzt getrennt. Ja, ich habe drei Kinder", dann sagen die deutschen Gerichte, man macht eine Tür auf und kriegt sie nicht wieder zu. Deswegen haben wir tatsächlich den unbedingten Rat an alle Mandanten: Redet nicht einen Satz über euer Privatleben. Ein Riesenproblem ist, dass viele Prominente aber inzwischen auf Instagram sind. Und relativ viel privat von sich zeigen. Das fällt uns tatsächlich mitunter auf die Füße, wenn dann einerseits gegen Paparazzi-Fotos geklagt werden soll, aber aus demselben Urlaub Fotos gepostet werden.

[...]

Wie viel Schertz steckt in der ARD-Anwaltsserie "Legal Affairs"?

Schertz: Es ist eine fiktionale Serie und hier werden natürlich bewusst die tatsächlichen Dinge dramatisiert. Das ist nun einmal so bei Fiktion. Allerdings die Geschwindigkeit und der Druck werden tatsächlich eins zu eins wiedergegeben. Die Methoden, die Leo Roth teilweise anwendet, sind nicht unsere. Das würde ich nicht machen. Ich würde nicht zu jemandem gehen und ihn nötigen, dass er irgendwas nicht tut. Ich drohe Medien lediglich mit Konsequenzen, etwa mit Geldentschädigungen, eben wenn sie Persönlichkeitsrechtsverletzungen begehen. Aber das ist legal und auch legitim. Aber das Ausspähen von anderen, um seinen Mandanten zu helfen - solche Methoden mache ich nicht. [...]

[...]

Ist die TV-Serie so etwas wie eine Hommage auf Ihr bisheriges Lebenswerk?

Schertz: Ich finde es schlicht etwas unwirklich. Jan Böhmermann hat mir schon eine Kunstfigur geschaffen als Anwalt Dr. Christian Witz. Da hatte ich immer schon gesagt: Was willst du mehr als Jurist schaffen, als Satirefigur im ZDF-Programm zu werden. Die ehrliche Antwort heißt: Das macht mich im Ergebnis eher demütig.

Interview: Anna Ringle, dpa

Zur Person: Christian Schertz ist einer der bekanntesten Medienanwälte in Deutschland. Der promovierte Jurist ist seit den 1990er Jahren auf Presse-, Urheber- und Medienrecht spezialisiert. So gut wie jede Redaktion kennt seinen Namen. Der 55-Jährige gründete 2005 mit Simon Bergmann die eigene Kanzlei Schertz Bergmann mit Sitz in Berlin. Der Jurist ist auch Autor mehrerer Bücher und ist seit vielen Jahren als Honorarprofessor für Medienrecht an der TU Dresden tätig, bekleidet aber auch zahlreiche Lehraufträge an anderen Hochschulen.

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