Wie das Journalismus Lab Medien-Startups fördert - Köpfe-Interview mit Simone Jost-Westendorf

 

Simone Jost-Westendorf war lange Redaktionsleiterin bei Arte und weiß daher, wie wichtig, aber auch wie teuer verlässliche Strukturen für guten Journalismus sind. Als Leiterin des Journalismus Lab der Landesanstalt für Medien NRW macht sie sich für Gründer-Geist in den Medien stark. Wie man an Födergeld kommt.

kress.de: Frau Jost-Westendorf, Sie leiten mit dem Journalismus Lab eine Einrichtung der Landesanstalt für Medien NRW, die sich auf Förderung und Unterstützung von Medien-Geschäftsmodellen und der redaktionellen Innovation setzt. Warum wählen Sie in der Selbstdarstellung so gerne den Begriff eines "Inkubators", den man ja sonst eher aus der Szene aufstrebender Wirtschafts-Startups kennt?

Simone Jost-Westendorf: Dieser Begriff ist bewusst gewählt, auch wenn wir kein klassischer Inkubator in der Startup-Szene sind. Inkubatoren schaffen optimale Bedingungen zur Entwicklung von Geschäftsideen und unterstützen vielversprechende Projekte auf dem Weg der Existenzgründung. Das ist genau das, was wir tun – und auch im Medienbereich geht es dabei immer auch um Wirtschaftlichkeit. Mit unserem Media Innovation Fellowship begleiten wir inzwischen die fünfte Runde von Medien-Startups inhaltlich und finanziell dabei, ihr Projekt weiter zu schärfen, ihr Geschäftsmodell zu entwickeln und bestenfalls nach dem Fellowship auf dem Markt zu gründen. Das Besondere: Die Teams können nach dem Fellowship unabhängig von uns gründen und müssen zum Beispiel keine Unternehmensanteile an uns abgeben.

"Wir wollen professionellen Journalismus innovativer, nutzerzentrierter und wirtschaftlich tragfähig machen."

kress.de: Wenn man von Unterstützung spricht, weckt das schnell Hoffnungen auf satte Geldspritzen. Was kann das Expertennetzwerk Ihres Hauses im Journalismus Lab darüber hinaus oder anstelle dessen noch Besseres leisten?

Simone Jost-Westendorf: Eine finanzielle Unterstützung ergibt hauptsächlich dann Sinn, wenn schon ausgereifte Konzepte und ausreichende Kompetenzen vorliegen, also mehr oder weniger nur noch das Sprungbrett fehlt. Unser Ansatz beim Media Innovation Fellowship ist umfassender: Mit gezielten Mentoring- und Förderprogrammen für einzelne Teams und Projekte unterstützt das Journalismus Lab Medienschaffende, Gründerinnen und Gründer sowie Unternehmen bei der Entwicklung und Umsetzung zukunftsfähiger digitaler Projekte. Immer mit dem Ziel, professionellen Journalismus innovativer, nutzerzentrierter und wirtschaftlich tragfähig zu machen. Daneben umfasst unser Angebot aber auch fachbezogene Veranstaltungen, Branchentreffs sowie Studien in Kooperation mit der Landesanstalt für Medien NRW. Neben dem Wissenstransfer ist es unser Ziel, Menschen zusammenzubringen, die Journalismus neu denken und die Medienlandschaft in NRW erweitern und vielfältiger machen möchten.

kress.de: Sie bringen Akteure aus den Medien und aus anderen Industrien zusammen. Wie muss man sich diese Annäherung konkret vorstellen, herrscht auf beiden Seiten nicht oft "Fremdeln"?

Simone Jost-Westendorf: Gemeinsam mit der Medienbranche identifizieren wir aktuelle Herausforderungen, denen sich aus unserer Sicht besonders optimal mit Dialog und Kooperationen begegnen lässt. 2020 haben wir beispielsweise einen Branchendialog zum Thema "Audio im Auto" gestartet. Hier diskutierten Expertinnen und Experten aus den Bereichen Radio, Audio-Tech, Automobilindustrie und -zulieferung gegenwärtige Problemstellungen und vor allem: mögliche Lösungen. Ein Beispiel ist die Erschließung neuer Distributionskanäle, z.B. von Sprachassistenten, mittels angepasster Angebote und Geschäftsmodelle. Dieser Austausch ist nicht nur vertrauensvoll, sondern auch produktiv – daraus ist u.a. in diesem Jahr die Forschungsreihe "On Track – Studien zu Mobilität und Audio" entstanden. Beteiligt waren neben der Landesanstalt für Medien NRW auch der Vaunet, RTL Radio Deutschland, die Ford-Werke GmbH und das MedienNetzwerk Bayern. Unser Learning dabei: Häufig gibt es gar kein Fremdeln, aber es braucht einen Anstoß von außen, damit die Beteiligten aus dem Alltagsgeschäft heraustreten können.

"Die Corona-Pandemie hat die Notwendigkeit von qualitativ hochwertigem Journalismus noch deutlicher sichtbar gemacht."

kress.de: Dass die Medienbranche über sich verändernde Wettbewerbsbedingungen, sinkende Auflagen und rückläufige Erlöse klagt, ist bei allem Ernst in der Diskussion häufig nicht überraschend neu. Inwiefern hat die konkrete gesellschaftliche Krise der vergangenen und leider vermutlich auch noch bevorstehenden Monate diese Entwicklungen nochmals verstärkt?

Simone Jost-Westendorf: Aus unserer Wahrnehmung hat die Corona-Pandemie die Notwendigkeit von qualitativ hochwertigem Journalismus noch deutlicher sichtbar gemacht. Die Menschen suchen im Zusammenhang mit der Pandemie nach vertrauenswürdigen und seriösen Informationen. Das Informationsbedürfnis der Menschen per se und damit auch die Mediennutzung ist gestiegen - vor allem die Nachfrage nach lokalen News und Bewegtbild. Im Bereich Audio wurde laut Medienforschung der GfK das Radio stärker genutzt, gefolgt von den Musik-Streamingdiensten. Das hat auch unsere Forschung zur mobilen Audionutzung bestätigt. Ob sich die verstärkte Mediennutzung positiv auf die Zahlungsbereitschaft für professionell erstellte Inhalte auswirkt, ist derzeit noch nicht hinreichend belegt. Das wäre in jedem Fall ein sehr wünschenswerter Effekt.

kress.de: Gerade digitale journalistische Geschäftsmodelle haben in jüngster Zeit noch einmal starken Rückenwind, auch kräftige Image-Gewinne erzielen können. Was ergibt sich daraus konkret für die Arbeit des Lab?

Simone Jost-Westendorf: Wir haben einige inspirierende und zukunftsweisende Projekte ausfindig gemacht und fördern diese. Wie beispielsweise VierNull, ein Digital-Angebot in Düsseldorf, das von ehemaligen Lokalredakteuren gegründet wurde und das Schritt für Schritt auch mit Unterstützung durch unser Fellowship zum Unternehmen ausgebaut wird. Das können aber genauso gut rein technische oder datengetriebene Lösungen sein. Wir beobachten den Markt, beraten verschiedene Projekte und vernetzen sie untereinander - auch mit Unterstützung von Mentorinnen und Mentoren, mit denen wir im Rahmen des Fellowships zusammenarbeiten.

kress.de: Sie unterstützen gezielt auch Einzelprojekte und sogenannte Fellows. Was muss man vorweisen können, um Sie für so eine Art von Unterstützung gewinnen?

Simone Jost-Westendorf: Unser Media Innovation Fellowship unterstützt Medienschaffende aus NRW, die ein Medien-Startup gründen möchten, das sich mittelfristig wirtschaftlich trägt. Mit ihren bereits validierten Ideen und Prototypen sollen sie Lösungsansätze für aktuelle Probleme auf dem Medienmarkt bieten. Vorweisen sollten die Bewerber mindestens eine validierte Idee, gerne auch ein Produkt oder einen technischen Prototypen. Außerdem sollte das Team möglichst interdisziplinär aufgestellt sein.

kress.de: Wie sieht die gemeinsame Arbeit mit den Fellows, aber auch mit den Mentoren des Journalisten-Programms konkret aus?

Simone Jost-Westendorf: Das Fellowship ist in zwei Förderphasen unterteilt. In den ersten zwei Monaten entwickeln die Teams mit Hilfe der Coaches und des Journalismus Lab die Prototypen ihres Projekts weiter und legen erste Meilensteine für das Fellowship fest. Weiteren Input erhalten sie zu den Themen Businessplan, Gründung, Teamentwicklung, Marketing und auch zu ganz individuellen Herausforderungen. Am Ende der ersten Phase präsentieren die Teams ihre bisherigen Fortschritte vor einer Jury aus Expertinnen und Experten der Medienbranche. Wenn sie diese überzeugen können, geht es weiter in die zweite Förderphase, die vier Monate lang dauert und in der weitere Teilziele in den Projekten erreicht werden sollen. Neben den intensiven Coaching-Phasen haben die Teams zusätzliche Workshops. Außerdem vernetzen wir sie mit passenden Mentorinnen und Mentoren aus der Praxis, die sie mit Marktwissen unterstützen und dabei beraten, wie und wo sie sich am Markt platzieren können.

"Mir ist relativ früh klar geworden, dass Netzwerk Wissen ist."

kress.de: Wenn Sie auf Ihre eigene Karriereentwicklung zurückblicken: Ab wann haben Sie Vorlieben fürs Netzwerken und fürs Ermöglichen neuer Chancen für andere entdeckt?

Simone Jost-Westendorf: Mir ist relativ früh klar geworden, dass Netzwerk Wissen ist. Egal, in welcher Situation ich vor Herausforderungen stand oder Rat brauchte – aus meinem Netzwerk bekomme ich bis heute wichtige Impulse, Antworten auf drängende Fragen und hilfreiche Tipps. Zum ersten Mal ist mir das sicher nach dem ersten Jobwechsel bewusst geworden, als ich mich in neue Themen einarbeiten musste und Menschen fragen konnte, die mich schon länger auf meinem Weg begleiten. Gleichzeitig habe ich festgestellt, dass auch ich Kolleginnen und Kollegen weiterhelfen kann und dass man gemeinsam auf gute Ideen kommt. Das hat mich darin bestärkt, für gute Rahmen- und Arbeitsbedingungen für andere zu sorgen. Es ist sinnstiftend, etwas zu tollen Projekten beitragen zu können und das Beste aus Menschen und Teams herauszuholen, indem wir für sie zu Ermöglicherinnen und Ermöglichern werden. Und es bringt viel Freude an der eigenen Arbeit.

"Ein großer Vorteil von geschützteren Umfeldern ist, dass man sich im Idealfall mehr Zeit für Kreativität nehmen und Ideen reifen lassen kann. Es kann aber auch ein Nachteil sein, wenn der äußere Druck fehlt."

kress.de: Sie waren neben freien Tätigkeiten auch länger für Arte tätig. Wenn Sie diese beiden Welten miteinander vergleichen: Welche Vorteile bieten die vermeintlich geschützteren Umfelder für Journalismus, wo liegen die Chancen, wenn man sich auf dem harten Markt bewähren muss?

Simone Jost-Westendorf: Ein großer Vorteil von geschützteren Umfeldern ist, dass man sich im Idealfall mehr Zeit für Kreativität nehmen und Ideen reifen lassen kann. Es kann aber auch ein Nachteil sein, wenn der äußere Druck fehlt. Sowohl finanzieller als auch Zeitdruck führen – zumindest bei mir persönlich – auch oft zu besseren Ergebnissen, vor allem aber zu schnelleren Entscheidungen. Ich bin durchaus für Pragmatismus in vielen Lebenslagen.

kress.de: Mut und Zuversicht zu verbreiten sowie Vorbild zu sein, kostet ja auch Kraft. Wie tanken Sie privat Ihre Energien auf?

Simone Jost-Westendorf:  Ich treffe mich mit Menschen außerhalb der eigenen Arbeitsblase und koche gerne mit Freunden und mit der Familie. Beim Abschalten hilft mir persönlich die Bewegung in der Natur: wandern, spazieren gehen oder Fahrrad fahren. Während der letzten Lockdowns habe ich festgestellt, dass man auch bei null Grad und Nieselregen zwei Stunden spazieren gehen, sich unterhalten und so den Kopf frei bekommen kann.

"Nur wer sichtbar ist, findet auch statt."

kress.de: Als kresskopf sind sie in die Branche gut auffindbar und leicht zu finden. Wie wichtig ist es, als Medienschaffende Eigen-Marketing zu betreiben, und was sind Ihre wichtigsten Netzwerk-Tipps?

Simone Jost-Westendorf: Wie bereits gesagt, halte ich Netzwerken für immens wichtig. Spätestens von Tijen Onaran haben wir gelernt: Nur wer sichtbar ist, findet auch statt. Meine wichtigsten Tipps: Ich bin durch eine spannende Fortbildung, die sich inhaltlich mit Innovation und Change-Kultur beschäftigt und sich ausschließlich an Frauen gerichtet hat, Teil eines tollen Frauennetzwerks mit starken Kolleginnen geworden. Zur Inspiration eignen sich Veranstaltungen manchmal sogar noch besser als Fortbildungen - man lernt viel, bekommt neue Ideen und kann relativ unkompliziert Leute ansprechen, die man dort trifft. LinkedIn finde ich sehr informativ und oft auch inspirierend.

Hintergrund: Mit seinen Förderprogrammen unterstützt das Journalismus Lab in Düsseldorf Medienschaffende, Gründerinnen und Gründer sowie Unternehmen bei der Entwicklung und Umsetzung zukunftsfähiger digitaler Projekte im Bereich Online, Video und Audio. Ziel ist es, professionellen Journalismus innovativer, nutzerzentrierter und konkurrenzfähiger zu machen. So werden wegweisende digitale Projekte gefördert, die dem Druck von Wirtschaftlichkeit und Wettbewerb langfristig standhalten können. Neben gezielten Mentoring- und Förderprogrammen für einzelne Teams und Projekte (wie dem Media Innovation Fellowship für Medien-Startups oder die Förderung der Weiterbildung von Journalistinnen und Journalisten) umfasst das Angebot zudem fachbezogene Veranstaltungen - von Konferenzen bis hin zu Barcamps und Hackathons sowie Branchentreffs.

Zur Person: Leiterin des Journalismus Lab ist Simone Jost-Westendorf. Sie war Redaktionsleiterin bei ARTE, arbeitete als freie Film-Producerin und leitete das Online-Magazin politik-digital.de in Berlin. Sie ist Mitglied des Beirats des Digital Journalism Fellowships der Hamburg Media School.

kress.de-TippSie arbeiten in der Medien- und Kommunikationsbranche? Dann registrieren Sie sich kostenlos auf kress.de und legen in der Personen-Datenbank "Köpfe" ein Profil an. Ihren Köpfe-Eintrag können Sie mit einem Passwort bequem selbst pflegen und aktualisieren. Mit Ihrem Profil können Sie sich auf kress.de - beispielsweise mit Kommentaren - präsentieren und sind zudem - wenn gewollt - auch im Netz leicht auffindbar. Wir als Redaktion verknüpfen die Kopf-Profile mit Personalmeldungen und präsentieren am Wochenende die populärsten Köpfe der Woche.  

Alle Neuzugänge bei den "Köpfen" finden Sie hier.

Sie möchten exklusive Medienstorys, Jobkolumnen und aktuelle Top-Personalien lesen? Dann bestellen Sie bitte unseren kostenlosen kressexpress. Jetzt für den täglichen Newsletter anmelden.

Ihre Kommentare
Kopf
Kressköpfe dieses Artikels
  • Noch kein kresskopf?

    Logo
    Dann registrieren Sie sich kostenlos auf kress.
    Registrieren
Inhalt konnte nicht geladen werden.