Klusmann kontert Reichelts Spiegel-Kritik

16.12.2021
 

Spiegel-Chefredakteur Steffen Klusmann nimmt zur scharfen Kritik von Julian Reichelt Stellung, die der Ex-Bild-Chef zuletzt in einem Zeit-Interview gegenüber dem Spiegel geäußert hatte. Und Klusmann sagt, was sein Haus gegen Machtmissbrauch unternimmt.  

Zuletzt gab es für den Spiegel eine Schlappe im Streit mit Julian Reichelt: Der Spiegel musste seinen umstrittenen Artikel "Vögeln, fördern, feuern" über Reichelt vorerst löschen. Damit errang der ehemalige Bild-Chefredakteur vor dem Landgericht Hamburg einen weiteren juristischen Teilsieg (kress.de berichtete).

In seinem in der Branche viel diskutierten Interview mit der Zeit legte Reichelt in der vergangenen Woche nach. Der Spiegel sei in der Kampagne gegen ihn eine der treibenden Kräfte: 

"Der Spiegel ist für mich das perfekte Beispiel dafür, wie sich Ideologie in Redaktionen ausgebreitet hat. Wissen Sie, was das Verrückte daran ist? Vor einigen Jahren kannte ich einen führenden Spiegel-Redakteur. Ich passte auf seine Kinder auf, während er sich mit einer Mitarbeiterin traf. Die tun jetzt so, als wäre ich der erste Chef auf dieser Welt, der so was gemacht hat", so Reichelt in der Zeit. 

Zu Reichelts harten Worten äußert sich Spiegel-Chefredakteur Steffen Klusmann jetzt im dpa-Gespräch: "In dem Zeit-Interview hat Julian Reichelt ein paar Behauptungen rausgehauen, bei denen ich mich nur wundern kann, wie man das so stehen lassen konnte", so Klusmann. Was stimme: Reichelts Abgang sei auch eine Folge der Spiegel-Berichterstattung. "Das hat allerdings nichts mit Ideologie zu tun. Er hat Dinge getan, die in seiner Position völlig unangemessen sind. Deshalb haben wir darüber berichtet", stellt der Spiegel-Chef im dpa-Interview mit Anna Ringle klar. Er selbst habe mit "Julian" immer ein professionelles Verhältnis gehabt und ihn als Journalisten geschätzt - "auch wenn wir immer mal wieder Rangeleien hatten".

Ringle fragt Klusmann auch, wie es um das Verhältnis zwischen Bild und Spiegel bestellt ist. Klusmann antwortet: "Dicke Freunde werden wir wahrscheinlich nicht mehr. Aber klar, wir kämpfen um die besten und relevantesten Geschichten. Da wird sich nicht viel gegönnt."

Auch zum brisanten Thema Machtmissbrauch in Medienhäusern nimmt Klusmann Stellung. Ihm seien beim Spiegel keine Fälle bekannt:

"Als die MeToo-Debatte vor ein paar Jahren aufkam, gab es hier im Haus eine Initiative. Die Kolleginnen und Kollegen wurden anonym befragt, ob sie Ähnliches bei uns erlebt hatten oder erleben. Da kam viel Feedback, von Frauen wie Männern. Unangemessene Witze, der Eindruck mangelnder Wertschätzung, Gerechtigkeit und Chancengleichheit wurden häufig genannt. Wir haben daraufhin Beratungsangebote bereitgestellt, wir bieten Schulungen für Führungskräfte an und haben eine Betriebsvereinbarung verhandelt. Nächstes Jahr wollen wir eine neue Befragung starten. Wer wie wir in der Berichterstattung so hart zulangt, sollte selbst über alle Zweifel erhaben sein."

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Weitere Auszüge aus dem dpa-Interview mit Steffen Klusmann, in dem der Spiegel-Chefredakteur auch über seinen Führungsstil, Frauenförderung und das Digital-Abogeschäft spricht:

Hat Der Spiegel denn noch die Schlagkraft von einst?

Klusmann: Die Konkurrenz ist heute größer und auch härter. Das spornt uns an. Wir sind das meistzitierte Medium in Deutschland. Und mit einigen investigativen Geschichten lassen wir es immer noch ganz schön rappeln.

Sind die Nachrichtenmagazine Focus und Stern noch Ihre Hauptkonkurrenten?

Klusmann: Im Kiosk liegen wir meistens noch nebeneinander, weil es sich um das gleiche Zeitschriftensegment handelt. Aber wenn wir uns in der analogen Welt heute mit anderen vergleichen, dann eher mit der Zeit und der Süddeutschen Zeitung, da vor allem die Samstagausgabe. Und im Digitalen ist unser wichtigster Wettbewerber die Bild. Das sind die beiden führenden Nachrichtenplattformen in Deutschland, die News nicht nur kuratieren, sondern auch selbst setzen.

Wieviel Relotius-Skandal steckt dem Spiegel noch in den Knochen?

Klusmann: Das wird uns immer in Erinnerung bleiben, wie eine Art Mahnmal. In unserer täglichen Arbeit spielt der Fall allerdings kaum noch eine Rolle. Ich glaube, dass wir daraus eine ganze Menge gelernt haben. Wir haben Prozesse umgestellt, sind bei der Verifikation noch genauer und bemühen uns in den großen Erzählungen um etwas mehr Sachlichkeit und Distanz. Früher waren die manchmal so geschrieben, dass da ein Kopfkino anging und die Leser das quasi miterlebt haben. Ich glaube, dass wir heute insgesamt wieder etwas mehr Classic Spiegel sind, modern interpretiert natürlich, was Themen- und Formatemix, Schreibe und Optik angeht. Und dieser Wandel ist selbstverständlich auch dem Big Bang Relotius geschuldet. Diese Entwicklung hat aber zugleich geholfen, den Fall ein Stück weit hinter uns zu lassen.

Der Skandal fiel in die Zeit, als Sie als Chefredakteur starteten. Manche sagen, der Verschleiß auf der Chefebene beim Spiegel sei enorm. Es gab viel Wechsel in den vergangenen Jahren. Hatten Sie das im Hinterkopf, als Sie den Job annahmen?

Klusmann: Dass es einen an der Spitze des Spiegel schnell verreißen kann, sollte man einpreisen, wenn man den Job annimmt. Sonst macht man vor lauter Angst entweder gar nix oder alles falsch. Bei Relotius hatte ich einfach Glück. Ich kam erst, als der Betrug gerade aufflog. Ich kannte zu dem Zeitpunkt weder Juan Moreno, der den Skandal aufdeckte, noch Claas Relotius. Und ich war für die Geschichten nicht verantwortlich. So konnte ich unbelastet nach vorne blicken, die Hosen runterlassen und gemeinsam mit der Redaktion die Schwächen im System anpacken. Das wäre sonst höchst wahrscheinlich anders ausgegangen.

Wie haben Sie sich gefühlt, als die Relotius-Bombe platzte?

Klusmann: Die ersten Tage waren die Hölle. Ich kannte die beteiligten Personen nicht richtig, war noch nicht vertraut mit der Organisation. Wir hatten als neue Chefredaktion, die zum 1.1. starten sollte, ja den Auftrag, Print und Online zu fusionieren, zwei Unternehmen mit sehr unterschiedlichen Kulturen, völlig unterschiedlicher journalistischer Ausrichtung, und ganz anderen Konditionen. Das war schon anspruchsvoll genug. Und dann kam vor Weihnachten dieser Betrugsfall ans Licht. Der hätte uns versenken können.

Ich weiß noch, wie ich zwischen Weihnachten und Neujahr mit meiner Tochter und ihren Freundinnen im Jump House war, ich saß da auf einem Holzpodest, mit meinem Laptop auf den Knien, um mich rum Dutzende kreischende Kids auf Trampolinen, und ich musste einen Beitrag an die Leserinnen und Leser verfassen, in dem ich erklärte, was da bei uns los war. Die Kollegen am Newsdesk warteten auf das Ding, weil immer mehr absurde Details hochkamen und sich die Sache zuspitzte. Was mir in dieser Situation geholfen hat, war, dass ich als Journalist bereits eine echte Krise durchgemacht habe. Ich habe mal eine Zeitung einstellen müssen, die Financial Times Deutschland, das war ganz anders, aber auch nicht schön.

Chefredakteure beim Spiegel waren häufig bekannte Figuren in der Öffentlichkeit. Sie gehen da anders vor...

Klusmann: Die Rolle des Chefredakteurs kann man sehr unterschiedlich interpretieren. Es gibt Chefredakteure, die sind die Chef-Kommentatoren ihres Mediums. Dann gibt es die, die sich eher als Repräsentanten sehen, die viel draußen unterwegs sind, auf Podien und in Talkshows sitzen. Und dann gibt es die Blattmacher, die den Laden steuern, Themen mitsetzen, redigieren, Titel machen. Ich verstand mich immer vorrangig als Blattmacher. Klar moderiere ich auch Konferenzen und sitze auf Podien. Aber ich habe in unserem Berliner Büro Kolleginnen und Kollegen, die gehen gern für den «Spiegel» in Talkshows und machen das super. Warum sollte ich mich da reindrängen.

Wie steht es um Frauenförderung beim Spiegel?

Klusmann: Wir arbeiten dran. Der Spiegel war über viele Jahrzehnte ein echter Männerladen. Heute haben wir in der Redaktion eine Frauenquote von 44 Prozent bei Führungspositionen. Und das tut uns gut. Wir machen den Spiegel ja nicht nur für Kerle. Wer schlaue Frauen als Leserinnen erreichen will, sollte antizipieren, was die interessiert. Und das können Frauen nun mal besser als Männer. Das Ziel ist, dass wir in der Redaktion 50 Prozent Frauen und 50 Prozent Männer beschäftigen, auch in Führungsjobs. Und wer weiß, vielleicht wird der nächste Chefredakteur des Spiegel ja eine Chefredakteurin sein.

Das digitale Geschäft ist der Wachstumsmarkt für Medienhäuser. Wo geht die Reise für den Spiegel hin?

Klusmann: Die gute Nachricht ist: Wir merken, dass typische Spiegel-Stoffe auch in der digitalen Welt super funktionieren. Unser Bezahlangebot, Spiegel+, läuft wirklich gut. Da zahlt sich aus, dass wir die Print- und Online-Redaktionen fusioniert haben. Das verleiht uns, gerade bei großen Nachrichtenlagen, eine enorme Power. Wir arbeiten nicht mehr nebeneinanderher, sondern zusammen. Interessant ist, wie sich dabei der Anspruch und die Erwartungshaltung unserer Kundschaft verändert hat. Die neuen Abonnenten wollen in der Regel kein abgeschlossenes Magazin mehr, das einmal die Woche neu erscheint, sondern eine schnell getaktete Nachrichtenplattform, die angereichert ist mit starken Analysen, Einordnungen, Rekonstruktionen und investigativen Stories - ob die aus dem aktuellen Heft sind oder aus dem davor oder nur für die Seite recherchiert wurden, ist den Leserinnen und Lesern egal. Solange die Stücke Mehrwert bieten.

Und weil moderner Journalismus heute nicht mehr nur aus Texten besteht, bauen wir unser Angebot an Podcasts und vertonten Artikeln aus. Seit neun Monaten haben wir den täglichen Podcast "Spiegel Daily" im Programm, den wir im Auftrag von Audible produzieren, der aber auch bei uns gehört werden kann.

Gibt es einen Zwischenstand bei den Abo-Zahlen?

Klusmann: Wir haben uns Ende letzten Jahres vorgenommen, die Zahl der vollbezahlten Digitalabos von 100 000 auf 200 000 zu verdoppeln - in fünf Jahren. Wir haben jetzt schon Ende des dritten Quartals 140 000 erreicht. Auch insgesamt, also Print- und Digitalabos zusammengerechnet, steigt die Auflage seit letztem Jahr wieder. Das schlägt sich in diesem Geschäftsjahr auch im Umsatz nieder, der wächst in der Gruppe um satte 20 Millionen Euro. Wird ein Bombenjahr.

Das heißt, Sie verdienen bereits mehr mit digitalem Journalismus, als Sie im Gedruckten verlieren? Viele Medienhäuser arbeiten noch an diesem Wendepunkt.

Klusmann: Ja, derzeit gelingt es uns, das Abschmelzen von Print mit dem Digitalgeschäft mehr als wettzumachen.

Zur Person: Steffen Klusmann ist seit Anfang 2019 und damit seit rund drei Jahren Spiegel-Chefredakteur. Der 55-Jährige wechselte damals innerhalb der Spiegel-Verlagsgruppe vom Manager Magazin, das er seit November 2013 als Chefredakteur leitete. Davor war er einige Monate stellvertretender Chefredakteur des Stern des Verlagshauses Gruner + Jahr. Zu seinen früheren beruflichen Stationen zählte mit Unterbrechung seit 1999 seine Tätigkeit bei der Financial Times Deutschland. 2004 wurde er dort Chefredakteur. 2012 wurde die Zeitung (Gruner + Jahr) eingestellt. Klusmann studierte Volkswirtschaftslehre in Mainz, Glasgow und Hamburg. Er wurde in Karlsruhe geboren.

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