So kämpfte das Ippen-Investigativteam um die Reichelt-Recherche: "Nicht zu veröffentlichen, war keine Option"

 

Das Team von Ippen Investigativ hat mit seiner Reichelt-Recherche die Branche zum Beben gebracht. Auch, oder gerade, weil Verleger Dirk Ippen die Geschichte nicht veröffentlichen wollte. Das medium magazin hat mit Juliane Löffler, Daniel Drepper, Marcus Engert und Katrin Langhans darüber gesprochen

Auszug aus dem Interview in der aktuellen medium magazin Ausgabe - mit den Journalistinnen und Journalisten des Jahres:

Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf die vergangenen Wochen zurück?

Juliane Löffler: Es ist sehr schwer, aus einem derartigen Ereignisstrudel heraus etwas über die eigenen Gefühle zu sagen. Wir werden wohl noch etwas Zeit brauchen, um ausgeruht darauf schauen zu können und uns zu fragen: Was bedeutet das eigentlich alles? Ich glaube, diese Phase fängt gerade erst an.

Daniel Drepper: Wir können sicher sagen, dass wir sehr froh darüber sind, dass die Recherche letztlich beim "Spiegel" veröffentlicht werden konnte. Und auch darüber, dass dadurch die Aufmerksamkeit für das Thema Machtmissbrauch gestiegen ist. Persönlich freut mich zudem, dass unsere gute Arbeit als Team in den Fokus gerückt ist. Denn es ist ja nicht so, als hätten wir bei der Recherche zu Springer irgendetwas anders gemacht als bei den anderen Geschichten der vergangenen Jahre. Sie hat nur mehr öffentliche Resonanz erhalten. 

Lassen Sie uns die Ereignisse einmal aus Ihrer Sicht nachzeichnen. Was lief intern ab, als klar wurde, dass Verleger Dirk Ippen sein Veto gegen die Veröffentlichung eingelegt hatte?

Marcus Engert: Ich habe das erst überhaupt nicht glauben können. Ich dachte wirklich, da wäre in der internen Kommunikation etwas schiefgegangen. Erst als die Mail an uns und andere Kollegen im Verlag kam, habe ich realisiert, dass das jetzt wirklich passierte.

Löffler: Am Donnerstagabend stand der Text, die Recherche war rechtlich geklärt, die Quellen waren an Bord. Am Sonntag sollte der Text veröffentlicht werden und ich war so gut im Zeitplan, dass ich sogar ausnahmsweise mal pünktlich Feierabend machen konnte. Am Freitagmorgen kam dann der Anruf von Daniel, der sagte: Es gibt ein Problem, die Story ist gekippt. Ich habe noch am Telefon meine Sachen gepackt und bin ins Büro, um dort gemeinsam die weiteren Schritte zu besprechen. Ich war natürlich erschrocken und enttäuscht - aber gleichzeitig war für mich ganz klar, dass es gar keine Option ist, diese Recherche nicht zu veröffentlichen.

Hat das Team das genauso gesehen?

Löffler: Ja, wir haben uns sehr schnell dafür entschieden, einen Brief an die Geschäftsführung und die diversen Redaktionsleitungen zu schreiben, um unseren Standpunkt deutlich zu machen - nämlich, dass wir das für einen gravierenden Fehler halten.

Katrin Langhans: Wir waren uns sofort einig. Die Trennung von Verlag und Redaktion ist wichtig, um als Presse redaktionell unabhängig über Inhalte entscheiden zu können. Für uns war es wichtig, klar zu kommunizieren, dass eine rote Linie überschritten wurde.

Engert: Die anderen Redaktionsleitungen, die teilweise bereits alles für die Veröffentlichung vorbereitet hatten, haben die Mail mit Dirk Ippens Einschätzung ja auch erhalten. Deshalb war uns wichtig, dass diese auch unsere Seite hören. So eine Entscheidung des Verlegers bedeutet ja auch etwas für ihre eigene journalistische Arbeit. Zudem haben wir in einem gemeinsamen Call deutlich vor den Konsequenzen dieses Schritts gewarnt. Die Geschichte konnte gar nicht mehr eingefangen werden.

Gab es denn Verhandlungsbereitschaft seitens des Verlags?

Langhans: Herr Ippen hat auf unseren Brief noch einmal per Mail geantwortet - aber man hat gemerkt, dass diese Entscheidung für ihn feststand. Wir haben dann sehr viele Optionen durchgespielt und uns mit Arbeitsrechtlern beraten, um ein Gefühl für mögliche persönliche Konsequenzen im Falle einer Veröffentlichung bei einem anderen Medium zu bekommen. Da ging es dann schon auch um das Risiko einer Kündigung oder gar Schadenersatzforderungen. Dennoch hat sich Juliane in Absprache mit den Quellen dann für den Weg zum "Spiegel" entschieden und das Team stand dabei voll hinter ihr.

Haben Sie irgendein Verständnis für Ippens Begründung, er wolle nicht den Eindruck erwecken, einem Mitbewerber wirtschaftlich schaden zu wollen? Diese Logik wäre ja das Ende jeder kritischen Berichterstattung über Medien.

Engert: Ich kann nachvollziehen, was er sagt, aber ich kann nicht nachvollziehen, dass er nicht zuerst mit uns darüber geredet hat. Er hatte genügend Zeit, seine Bedenken zu äußern.

[...] Das komplette Gespräch über Rückgrat, MeToo, vermeintliche Strippenzieher und strafrechtliche Relevanz als Kriterium für eine Veröffentlichung können Sie im aktuellen medium magazin lesen. Jetzt bestellen.

Hintergrund: Eine Jury der Fachzeitschrift medium magazin hat das Ippen-Investigativ-Team zu den Journalistinnen und Journalisten des Jahres 2021 gewählt. 

In der Begründung der unabhängigen Fachjury zur Wahl des Ippen-Investigativ-Teams heißt es:

"Mit ihrer Recherche in der Affäre um Julian Reichelt und der Entscheidung, die Ergebnisse auch gegen das Veto des eigenen Verlegers zu veröffentlichen, haben sie ein wichtiges Signal für Pressefreiheit und investigativen Journalismus gesetzt. Juliane Löffler, Daniel Drepper, Katrin Langhans und Marcus Engert riskierten ihre eigenen Jobs, als sie die Story schließlich bei der Konkurrenz vom "Spiegel" an die Öffentlichkeit brachten. Weil die brisante Recherche zu Reichelt zwar inhaltlich zu großen Teilen von Löffler stammt, die Veröffentlichung aber niemals ohne die Unterstützung und Solidarität sowie den Weitblick des Teams möglich gewesen wäre, gebührt nach Ansicht der Jury allen vier Reporterinnen und Reportern von Ippen Investigativ die preiswürdige Anerkennung."

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Ihre Kommentare
Kopf

Lothar Riemenschneider

17.12.2021
!

Angesichts dieser entschlossenen von sich selbst überzeugten Gesichter "unbestechlicher"Journalist/-innen ergibt sich von selbst,dass sie demnächst auf"Investigativen"bei libanesischen, russischen oder chinesischen Clans und in "gläubigen muslimischen" Milieus angesetzt werden.
Die allerhärsteste Mafia-Bossin,die unbarmherzigste Rechtgläubige aus den bekannt diversen und vergewaltigungsfernen Milieus werden zittern und ihnen nicht widerstehen können und alles zugeben.


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