Ungewöhnliche Print-Partnerschaft: Wie der Focus und der Economist gemeinsam in die Zukunft schauen

 

Der Focus und der britische Economist arbeiten bei Jahresvorschauheften (aktuell: Die Welt in 2022) zusammen. Künftig könnte die Partnerschaft noch enger werden - etwa bei der Recherche, wie Focus-Chefredakteur Robert Schneider und Andrea Laub, Brand Director Burda, im Exklusiv-Interview erklären.

kress.de: Herr Schneider, das ablaufende Jahr war auch für Medienprofis wieder besonders herausfordernd. Worin lag für Sie die größte Schwierigkeit, den Focus und das Focus-Team durch turbulente Zeiten zu steuern und wie zuversichtlich blicken Sie dem neuen Jahr entgegen?

Robert Schneider: Dieses Jahr hat uns vor ähnliche Herausforderungen gestellt wie das vorherige. Das größte Manko war sicherlich, dass wir viele Kolleginnen und Kollegen ein Jahr lang nicht gesehen haben. Die Redaktionsräume waren mitunter ganz schön verwaist. Aber im kommenden Jahr ändert sich das hoffentlich wieder ein Stück weit.

"Wir konnten vor fünf Jahren die Zukunft genauso wenig voraussagen wie heute."

kress.de: Das Sonderheft "Die Welt in 2022" wirft die Frage auf, was kommen wird. Zukunftsvorhersagen waren noch nie einfach, um wie viel schwieriger sind Sie aktuell geworden?

Robert Schneider: Ganz ehrlich gesagt: Wir konnten vor fünf Jahren die Zukunft genauso wenig voraussagen wie heute. In unserm Sonderheft "Die Welt in 2022" wagen wir Prognosen und benennen Thesen und Themen, die wichtig sind oder werden. Dafür holen wir uns namhafte Experten und Autoren ins Boot.

kress.de: Natürlich dominierten bis zuletzt im Focus naheliegende, fast hausgemachte "deutsche" Themen die Berichterstattung. Wie schwer fällt es Ihnen, sich davon trotz allem auch einmal wieder zu lösen und den Blick in die Welt hinein zu weiten?

Robert Schneider: Hier muss man klar differenzieren: Der Focus ist ein deutsches Magazin, das wir für deutschsprachige Leser machen. Wovon im Übrigen auch einige im Ausland leben. Themen, die unsere Nation bewegen, stehen natürlich im Focus. Aber in jedem Focus Magazin gibt es auch zahlreiche Themen aus dem Ausland. Unser Ressort "Agenda" bringt ständig internationale Ereignisse aufs Tableau. Wir beschäftigen uns also durchgängig mit dem, was in der Welt passiert. Für das Sonderheft mussten wir unseren Blick also nicht extra erweitern.  

"Es gibt wohl selten in der Printlandschaft zwei Titel, die in der inhaltlichen Ausrichtung so gut zusammenpassen: neugierig, weltoffen und mit einer positiven Einstellung auf die Herausforderungen der Zukunft zugehend."

kress.de: Für das Sonderheft kooperieren Sie mit dem renommierten Economist. Wie kam die Zusammenarbeit eigentlich ursprünglich zustande und was erwarten Sie sich aktuell davon?

Robert Schneider: Die Zusammenarbeit kam vor über zehn Jahren über Stefan Kossack, den ehemaligen Verlagsleiter der Burda News, zustande. Seither haben wir fünf Sonderheft-Editionen von "Die Welt in…" herausgegeben.

Andrea Laub: Es gibt wohl selten in der Printlandschaft zwei Titel, die in der inhaltlichen Ausrichtung so gut zusammenpassen: neugierig, weltoffen und mit einer positiven Einstellung auf die Herausforderungen der Zukunft zugehend. Unsere Leser lieben den Blick über den Tellerrand und mit "Die Welt in ..." können sie ihr Blickfeld sogar noch vergrößern.  

Robert Schneider: Ein positiver Image-Effekt durch die Lizenz-Produktion lässt sich nicht absprechen. Ganz im Gegenteil. Wir bekommen immer wieder sehr anerkennendes Feedback aus dem Markt hinsichtlich des Zusammenschlusses mit dem seriösen und renommierten The Economist.

kress.de: Der Economist steht für tiefe Analysen und akribische Faktenauswertung. Wie kann man solche journalistischen Grundprinzipien eigentlich auf so etwas Spekulatives wie die Zukunftsvorhersage übertragen?

Robert Schneider: Wir spekulieren nicht: Sondern wir benennen Themen, die wichtig werden und im nächsten Jahr auf der Agenda stehen. Dafür bedienen wir uns ebensolcher Analysen und Faktenauswertungen, wie Sie sie als journalistische Grundprinzipien für den Economist benennen.

kress.de: Wie muss man sich die Zusammenarbeit mit den britischen Kollegen beim Sonderheft konkret vorstellen?

Robert Schneider: Den Großteil des Sonderheftes liefert die Economist-Redaktion. Für die globale Vorschau steuern die Lizenz-Länder ihre Parts bei, die das Sonderheft komplettieren. Wir bekommen dann das komplette Heft in englischer Sprache und geben es in die Übersetzung, anschließend ins Layout. Hier sind wir an enge Vorgaben des Lizenzgebers gebunden. Dennoch haben wir immer den Anspruch, ein einzigartiges Produkt für die deutschen Leser zu machen.

Andrea Laub: Die Zusammenarbeit mit den britischen Kollegen ist sehr professionell und mittlerweile freundschaftlich geprägt. Der Abstimmungs- und spätere Approval-Prozess läuft reibungslos. Das ist sicherlich auch dem Umstand zugute zu schreiben, dass man sich inzwischen gut kennt, schätzt und vertraut.

"Denkbar wäre auch eine Recherchekooperation. Ist die Frage, wie interessant das für den Economist sein kann."

kress.de: Wie könnte die Zusammenarbeit mit dem Economist künftig noch stärker ausgebaut werden?

Robert Schneider: Grundsätzlich ist die Bandbreite der Themen bei den Jahresvorschau-Heften immer wieder faszinierend, die natürlich auch auf dem großen Stamm von Autoren und Redakteuren basiert. Hier gäbe es vielleicht auch eine größere Chance zur Kooperation: Den einen oder anderen Autor/Korrespondenten nutzen zu können an Orten, in denen wir nicht vertreten sind. Denkbar wäre auch eine Recherchekooperation. Ist die Frage, wie interessant das für den Economist sein kann.

Andrea Laub: Es gibt durchaus Bereiche, in denen wir inhaltlich kooperieren, Synergien heben und Geld damit verdienen könnten. Die Möglichkeiten eruieren wir gerade intern.

kress.de: Herr Schneider, Sie beteiligen sich selbst mit Einschätzungen: Worum geht es in Ihrem Stück und warum haben Sie es sich gewählt?

Robert Schneider: Wie bei fast jedem Focus-Sonderheft habe ich das Vorwort geschrieben. Ich empfehle jedem, es zu lesen. Denn jeder von uns fragt sich doch, was einen im kommenden Jahr erwartet, richtet hoffnungsvolle Neujahrsvorsätze danach aus. Letztlich wird das Glück des einen doch von vielen bestimmt. Daher frage ich mich, welches Gesicht das neue Jahr haben wird. Welche Menschen die Weltgeschehnisse nachhaltig beeinflussen werden sowie Auswirkungen bestimmter Szenarien auf die Bevölkerung, den Einzelnen. Die Menschen müssen begreifen, und das ist das Fazit meines Vorworts, dass wir die Zukunft nur gemeinsam zu einer guten machen können. Es braucht jeden Einzelnen von uns. Jeder muss seine Kräfte mobilisieren und im Sinne des Gemeinwohls handeln. Das lehren uns globale Herausforderungen wie Klimawandel und Coronavirus nur zu deutlich.  

kress.de: Wer hat denn die weiteren Beitragenden aus dem deutschsprachigen Raum ausgewählt und warum fiel die Wahl auf sie?

Robert Schneider: Die Autoren des deutschsprachigen Teils haben im Wesentlichen unsere Redakteure Gudrun Dometeit und Marcel Wollscheid ausgewählt. Es sollten jeweils kompetente, möglichst bekannte Kommentatoren sein, wie der Vorsitzende der Jungen Union, Tilman Kuban, der was zur Situation der CDU sagt. Ebenso der Politikwissenschaftler Prof Karl-Rudolf Korte, der sich zur neuen Koalition äußert, oder die Leiterin des erfolgreichen Bremer Laborzentrums, Prof. Mariam Klouche, mit Einschätzungen zur Corona-Lage. Und natürlich unsere Fachkollegen aus der Redaktion.

kress.de: Dass neben dem Tagesgeschäft auch die Planungsaufgaben sportlich sind, darf man sich vorstellen. Aber wie plant man eigentlich quasi nebenher eine Sonderpublikation, die möglichst bis zum Schluss aktuelle Entwicklungen aufgreifen möchte?

Robert Schneider: So wie jedes Sonderheft. Man nimmt sich die Zeit dafür, schaufelt nicht vorhandene Ressourcen frei und fängt an. Die Planung unterscheidet sich auch nicht von denen eines normalen Focus-Heftes.

"Es stehen spannende Themen auf der Agenda Deutschlands. Wir werden sie erzählen."

kress.de: Letzte Frage: Woher nehmen Sie die Zuversicht, dass 2022 für Focus und Burda ein gutes Jahr werden könnte?

Robert Schneider: Für Focus sind wir sehr gut aufgestellt. Wir haben im laufenden Jahr neue Kolleginnen in diverse Ressortleitungen gehoben, einen neuen Chefautor gewonnen. Mit dem neuen Jahr startet auch unsere neue Politikchefin Franziska Reich. Es stehen spannende Themen auf der Agenda Deutschlands. Wir werden sie erzählen.

Andrea Laub: Mit dem neugegründeten Burda Verlag blicken wir auf ein sehr erfreuliches erstes Jahr zurück. 2022 wird anspruchsvoll – keine Frage. Aber der Burda Verlag hat in diesem Jahr bewiesen, was er als Einheit erreichen kann. Darauf bauen wir mutig auf ­– innovativ und nah am Kunden.

 

Hintergrund: Burdas Focus hat am 18. Dezember das internationale Sonderheft "Die Welt in 2022" als exklusive deutsche Lizenzausgabe von The Economist herausgebracht. Es ist bereits die fünfte Zusammenarbeit zwischen Focus und The Economist Newspapers Ltd, die Focus-Redaktion steuert für den deutschen Sonderteil die Themen, Trends und Prognosen bei, die Deutschland betreffen. Neben Focus-Chefredakteur Robert Schneider kommen darin unter anderem der RWE-Chef Markus Krebber, Ex-Bundesentwicklungs-Minister Gerd Müller, Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte und Junge-Union-Chef Tilmann Kuban zu Wort.

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