Verleger Holger Friedrich: Trennung von Verlag und Redaktion wirkt ahistorisch

21.12.2021
 

Der Verleger der Berliner Zeitung, Holger Friedrich, sagt im SZ-Interview, warum er gerne selbst zur Feder greift, warum ihn die althergebrachte Trennung von Verlag und Redaktion mitunter amüsiert und warum seine Frau Silke ihre Verlegerrolle nicht mehr wahrnimmt.

"Ich habe im eigenen Haus zusammen mit den Volontärinnen und Volontären eine Journalistenausbildung gemacht, ein Jahr lang, und dann in der Leipzig School of Media einen Abschluss, mit Urkunde und Stempel", betont Verleger Holger Friedrich im Interview mit der Süddeutschen Zeitung, an dem auch der Chefredakteur der Berliner Zeitung am Wochenende, Tomasz Kurianowicz, teilnimmt. 

Im Gespräch mit Verena Mayer erklärt Friedrich auch, warum er selbst gerne zur Feder greift: Er schreibe gerne und viel, das sei im Technologieumfeld immer gut angekommen. "Bei der Berliner Zeitung ist es entweder so, dass ich Textvorschläge habe und auf den Tisch lege, die werden allermeistens abgelehnt. Oder ich werde gebeten, etwas zu schreiben, das wird auch nicht immer angenommen. Ich kann jedenfalls nichts ohne Zustimmung der Redaktion publizieren, das geht schon technisch nicht", hebt Friedrich hervor.

Sein Chefredakteur Tomasz Kurianowicz pflichtet dem bei: Friedrich habe allein wegen seines beruflichen Werdegangs Einblicke in Gestaltungs- und Entscheidungsprozesse, zu denen er als Journalist so offen keinen Zugang habe, so Kurianowicz. Er schätzt es daher, dass sein Verleger den Mut aufbringt, sich publizistisch zu äußern.

Auf die Frage "Wie steht es um die Unabhängigkeit von Journalismus, wenn ein Verleger ständig mit Textvorschlägen in der Redaktion ankommt?" antwortet Friedrich:

"Ich formuliere ergänzende Perspektiven und nehme mir heraus, zu sagen, was ich zu Texten nach ihrer Veröffentlichung denke. Auch denke ich, dass jede Institution von einer Kultur des offenen Austauschs profitiert. Generell habe ich noch nie eine so hierarchiefixierte Arbeitskultur erlebt wie in einer Redaktion. Das hat mich befremdet, weil ich gewohnt bin, dass hierarchiearmes Arbeiten bessere Ergebnisse erzielt. Nur weil einer älter ist oder mehr Sterne auf den Schulterklappen hat, agiert sie oder er fachlich besser? Umgekehrt ist es auch nicht so, dass ein Holger Friedrich von Erkenntnisprozessen ausgesperrt sein muss, weil er der Eigentümer ist. Das verhält sich wie die Trennung von Verlag und Redaktion, das wirkt ahistorisch und amüsiert mitunter."

SZ-Autorin Verena Mayer entgegnet Friedrich, dass er mit dieser Aussage die Trennung zwischen Redaktion und Verlag in Frage stelle, also eine grundlegende Säule der Publizistik, die die journalistische Unabhängigkeit wahren soll. Friedrich meint daraufhin, dass es "in den letzten 8000 Jahren Kulturgeschichte" viel Veränderung gegeben habe, "warum soll sich hier nichts verändern?" Sein Wunsch: "Der Begriff der Unabhängigkeit im Journalismus sollte neu verhandelt werden, damit diese Unabhängigkeit nicht verlorengeht."

Chefredakteur Kurianowicz versucht die Wogen in dem Interview zu glätten: Alle publizistischen Entscheidungen treffe die Redaktion. Trotzdem habe ein Verleger das Recht darauf, seinem Verlag die Tendenz vorzugeben, findet Kurianowicz, der zuvor freier Journalist war, und für die Zeit, SZ und Tagesspiegel schrieb. "Alles andere unterliegt journalistischen Kriterien und Entscheidungsprozessen. Verleger und Redaktion sind bestenfalls ein gut eingespieltes Team. Das ist bei uns der Fall", erklärt die Führungskraft weiter.

Holger Friedrich war 2019 mit seiner Frau Silke ins Verlegergeschäft eingestiegen. Sie ist nicht mehr an Bord. Ihr Mann begründet ihren Ausstieg so:

"Sie wurde in einer so unsachlichen und unfairen Weise von den Medien attackiert, dass wir entschieden haben, alles aus dem Fokus zu nehmen, was eine Gefährdung bedeuten könnte. Wir haben als Familie einen hohen Preis gezahlt, bis hin zu Morddrohungen, daher hat sie gesagt, sie stehe nicht mehr zur Verfügung. Was schade ist, denn sie ist unendlich viel klüger als ich."   

Tipp: Warum Holger Friedrich gegen die Zeit juristisch vorgeht, lesen Sie im neuen kress pro.  

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