Brisanter Widerspruch: Sagt Julian Reichelt die Wahrheit oder Mathias Döpfner?

 

Im Interview mit der "Zeit" hat Ex-"Bild"-Chef Julian Reichelt nicht nur kräftig gegen alle ausgeteilt, sondern auch Springer CEO-Döpfner deutlich widersprochen. Was das bedeutet, berichtet "kress pro" in seiner neuen Ausgabe.

Auszug aus der Titelgeschichte im aktuellen kress pro - dem Magazin für Führungskräfte in Medien:

Ein Interview wie das von Julian Reichelt in der "Zeit" hat es in der jüngeren deutschen Pressegeschichte noch nicht gegeben. Ungewöhnlich bis einmalig: Der ehemalige "Bild"-Chef bezichtigt darin Springer-Verleger Mathias Döpfner der Lüge.

Die Version von Axel Springer zum Rauswurf Julian Reichelts geht etwa so: Das Compliance-Verfahren im Frühjahr ergab keine Belege für einen Machtmissbrauch, also kehrte der "Bild"-Chef an seinen Arbeitsplatz zurück, seine Befugnisse wurden jedoch beschnitten, um die Führungskultur zu verbessern. Anschließend sei ihm eindringlich klargemacht worden, dass private Beziehungen am Arbeitsplatz nun endgültig der Vergangenheit angehören müssten. Im Oktober dann konfrontierte das Ippen-Investigativ-Team Axel Springer mit seinen Rechercheergebnissen. Intern gab es anschließend erste Vermutungen, dass Reichelt womöglich weiter eine Beziehung mit einer jungen Redakteurin unterhält. Kurz danach meldeten sich zwei Whistleblower und erhärteten den Verdacht. Anschließend sollen sowohl Reichelt als auch die Mitarbeiterin die Beziehung abgestritten haben. Die Beweise verdichteten sich, der Vorstand konfrontierte Reichelt erneut, der die Beziehung dann einräumte. Oder in Kurzform: Reichelt hat aus seinen Fehlern nicht gelernt, belog den Vorstand und wurde schließlich gefeuert.

Im "Zeit"-Interview hält Julian Reichelt dagegen fest: "Ich habe Mathias Döpfner da nicht angelogen. Deswegen hat es mich sehr überrascht, wie überrascht er gewesen sein will." Bereits im Abschlussbericht von Freshfields, den Mathias Döpfner ihm vorgelesen habe, sei die Beziehung thematisiert worden. "Es wurde behauptet, der Vorstand habe mich nach meiner Beziehung gefragt, ich hätte abgestritten. Dann habe man mir Belege präsentiert, daraufhin sei ich eingeknickt und hätte alles gestanden. Das ist so niemals passiert. Ich habe dem Vorstand nicht die Unwahrheit gesagt."

Was tatsächlich stimmt, wissen nur zwei Menschen: Julian Reichelt und Mathias Döpfner.

Unabhängig davon, wie der Rauswurf wirklich ablief, gibt es deutliche Indizien dafür, dass sich beide abgesprochen haben könnten, ihre jeweilige Sicht auf die Dinge zu tolerieren. So macht Reichelt im Interview deutlich, dass er sich Döpfner immer noch verbunden fühlt: "Wir waren wie eine Familie, die in guten und in schwierigen Zeiten zusammenhält. Da weiß man nicht alles, aber doch sehr viel übereinander. Deshalb bin ich enttäuscht. Aber niemals würden wir uns gegenseitig Schaden zufügen mit irgendwelchen Schmutzgeschichten."

Für eine Art von Gentleman's Agreement spricht die arbeitsrechtliche Dimension. Nach "kress pro"-Informationen hat sich Springer mit Reichelt geeinigt, dass der Ex-"Bild"-Chef für die vereinbarte Vertragslaufzeit eine Abfindung bekommt. In der Regel werden solche Einigungen mit einer Verschwiegenheitsklausel versehen.

Auf der Flughöhe von Julian Reichelt sind Vertragslaufzeiten von drei bis fünf Jahren üblich. Noch im Sommer vergangenen Jahres hat Springer Reichelt zum Geschäftsführer berufen. Es ist also gut möglich, dass sein Vertrag noch einige Jahre läuft. Bei einem geschätzten siebenstelligen Jahresgehalt könnte es also durchaus um eine Summe im mittleren Millionenbereich gehen. Würde Reichelt die für zwei Interviewpassagen riskieren? Sehr wahrscheinlich klingt das nicht.

Ebenso gut kann es natürlich sein, dass sich Reichelt seiner Sache einfach sehr sicher ist, weil er über Insiderwissen verfügt, zum Beispiel über politische Positionen Döpfners: "Was ich sagen kann, ist: Mathias und ich sind politisch in den allermeisten Fällen einer Meinung. Ich habe mich immer geborgen gefühlt in dieser großen geistigen Nähe", betont Reichelt.

Lesen Sie außerdem in kress pro-Ausgabe 10/21 zum Fall Reichelt die Antworten auf  die weiteren Fragen:

Wie steht Mathias Döpfner jetzt da?

Wie steht Julian Reichelt jetzt da? 

Warum ist das Ippen-Investigativ-Team jetzt gefordert?

Wehrt sich der Spiegel gegen Reichelts Anschuldigungen?

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